Der sanfteste Widerling

Der US-Schauspieler Billy Crudup war immer nur beinahe berühmt. Jetzt trumpft er in der Apple-Serie «The Morning Show» auf.

Die Zeit der Nebenrollen könnte für ihn vorbei sein: In «The Morning Show» sieht man endlich einmal mehr von Billy Crudup. Foto: PD

Die Zeit der Nebenrollen könnte für ihn vorbei sein: In «The Morning Show» sieht man endlich einmal mehr von Billy Crudup. Foto: PD

Pascal Blum@pascabl

Von Billy Crudup gibt es die Geschichte, dass er die Hauptrolle in «Titanic» ausgeschlagen hat, weil er lieber einen Langstreckenläufer spielen wollte in einem Film, den heute kein Mensch mehr kennt. So ganz stimmt die Geschichte nicht, weil damals viele Schauspieler für «Titanic» angefragt wurden, aber laut einem Interview im «Guardian» zeigte Billy Crudup seinerzeit wirklich «wenig Begeisterung» für die Figur des Jack. Es war einfach nicht «die Sorte Film», in die er seine Energie stecken wollte.

Investiert hat er sie dann in eine Werbekampagne von Mastercard, in der er ab 1998 während mehrerer Jahre als Sprecher arbeitete für jene Spots, in denen es am Ende immer um etwas ging, das man mit einer Kreditkarte nicht bezahlen kann, weil es «unbezahlbar» ist. Nach diesem Engagement konnte es sich der 51-jährige New Yorker leisten, in Theaterproduktionen aufzutreten und jene Filmrollen auszuwählen, die ihm zusagten.

Viele Hits waren nicht dabei, praktisch alle Rollen waren Nebenrollen, aber weil es Billy Crudup war, der sie spielte, war das den Billy-Crudup-Fans genug. Ungefähr zwanzig Jahre lang war er ständig beinahe berühmt, mit Auftritten in «Almost Famous», «Spotlight» oder als verpeilter Junkie Fuck Head in der Kurzgeschichten-Verfilmung «Jesus’ Son».

Es ist alles eher unangenehm, ziemlich seltsam und höllisch sexy. Billy Crudup spielt es mit Begeisterung.

Jetzt, in der Serie «The Morning Show» des neuen Streamingdiensts von Apple, kann man ihm endlich länger zuschauen. In «The Morning Show» aufzufallen, ist zwar nicht besonders schwierig, weil die Serie über einen Morgenshow-Moderator, der nach Vorwürfen wegen sexueller Übergriffe entlassen wurde, von eher schwankender Qualität ist. Aber wenn man Cory Ellison erlebt, der als neuer Chef der Newssparte zuschauen muss, wie die Moderatorin Alex Levy – gespielt von Jennifer Aniston – die Zukunft der Morgensendung selbst in die Hand nimmt, dann kann man sich vorstellen, was Billy Crudup an dieser Rolle gereizt haben muss.

Cory Ellison ist eine nicht unattraktive Mischung aus Intrigant und Charmeur, der auf neue Ideen kommt in einer Arbeitswelt, die gerade von #MeToo durchgeschüttelt wird. Anstatt sich als mächtiger Mann in die Defensive zurückzuziehen, findet er Geschmack an den Machtspielen mit den Moderatorinnen und den Sendungsmachern, denn bei Cory Ellison verbindet sich weltmännische Eleganz vorzüglich mit einer öligen Geschmeidigkeit. Er versteht es, die sexuellen und psychologischen Dynamiken im Büroturm für sich zu nutzen, und freut sich diebisch über jeden ebenbürtigen Gegner, sei es ein Mann oder eine Frau. Er spielt das Ränkespiel ja schon seit Jahren, und wenn jetzt die Frauen alles auf den Kopf stellen, freut er sich erst recht über das frisch gestiftete «Chaos».

So einer ist natürlich ein Widerling, aber einer von der sanfteren Sorte. Die fieseste Szene ist jene, in der Cory Ellison während einer schicken Party in Manhattan die Moderatorin Alex Levy zum Duett am Klavier zwingt. Da singen sie dann zusammen «Not While I’m Around» aus dem Musical «Sweeney Todd» und rücken vor dem Mikrofon ganz nah zusammen. Es ist alles eher unangenehm, ziemlich seltsam und höllisch sexy. Billy Crudup spielt es mit Begeisterung.

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