Der Marathon-Detektiv

Derek Murphy spürt Läufer auf, die betrügen. Sein grösster Coup: 5000 Schummler am Mexico City Marathon.

Im Schnitt schummeln bei einem Lauf ein Prozent der Startenden. Foto: F1 Online

Im Schnitt schummeln bei einem Lauf ein Prozent der Startenden. Foto: F1 Online

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Ein Mann und ein Laptop genügen, um die internationale Marathonszene auf­zumischen: Derek Murphy heisst der umtriebige Amerikaner. Jüngst hat der 46-Jährige seinen spektakulärsten Fall veröffentlicht. Er spürte unter 28'000 Läufern am Mexico City Marathon über 5000 auf, die schummelten. Denn ­Murphy ist in seiner Freizeit der Sherlock des Laufens: Der Business Analyst sucht nach Läufern, die betrügen, also die Strecke abkürzen, einen schnelleren Ersatz für sich aufbieten, Startnummern fälschen, das Velo benutzen – oder gar nicht erst antreten, aber trotzdem eine Endzeit vorweisen.

Normalerweise fischt der Rächer ehrlicher Athleten bloss eine kleine Zahl an Sündern aus einem Rennen. Im Schnitt sind es knapp ein Prozent. Sein Coup erstaunte darum auch ihn. Er offenbart, wie dummdreist sich viele anstellen – was Murphy bei seinen Recherchen ­zu Hause in seinem Lieblingssessel erst ermöglicht, sie aufzuspüren.

Erst später ins Rennen gestartet

Der Mexiko-Fall ist typisch für sein Vorgehen: Er erhält Informationen über ­Unregelmässigkeiten, sei es von Teilnehmern, Zuschauern oder Veranstaltern. Darauf beginnt er zu recherchieren. Bei seinem Coup hörte er, dass viele Läufer erst nach ein paar Kilometern ins ­Rennen gestiegen seien – aber dann teilweise eitel genug waren, ihre Finisher-Medaille auf den sozialen Medien ­herumzuzeigen, also sich und ihre Leistung öffentlich zu besingen.

Bloss werden mittlerweile an allen Läufen auch mehrere Zwischenzeiten gestoppt. Ein smarter Fahnder wie Murphy kann rasch feststellen, wie viele Teilnehmer tatsächlich alle diese Zwischenzeiten passierten. Je mehr Daten eines Läufers fehlen, desto misstrauischer wird er. Weil die Läufer in den letzten Jahren immer öfter auch fotografiert werden, während des Rennens und beim Zieleinlauf, kann Murphy auf ­zusätzliches Material zugreifen.

«Ich bin ein Läufer und Zahlen-Nerd. Darum kann ich mit meinen Recherchen zwei Leidenschaften verbinden.» Derek Murphy. Foto: PD

Diese Fotos dienen den Organisatoren einerseits zur Kontrolle, andererseits verkaufen sie diese Schnappschüsse den Läufern. Im Zeitalter der Mobiltelefone kommt eine weitere ­Facette dazu: der Fotobeweis durch ­Zuschauer oder Mitläufer, wenn sie ­Betrüger in flagranti aufnehmen und die Bilder veröffentlichen. Im Mexiko-Fall verfügte Murphy über diese Kanäle und einen mehr: Die Dreistesten stellten ihr Schummeln gleich selber in den sozialen Netzwerken dar.

Viele Betrüger bringen sich folglich selber zu Fall bzw. büssen für ihre Eitelkeit. Und Murphy wundert sich noch immer, was der primäre Grund für solche Schummeleien ist: soziale Anerkennung. Meist in Form einer Finisher­-Medaille. Auch die grosse Mehrheit der Erwischten am ­Mexico City Marathon gab an, einzig die Medaille im Blick ­gehabt zu haben, weil pro Jahr und Einlauf eine Auszeichnung in Form eines Buchstabens des Marathons dazukommt. Auch dieses an sich harmlose Schummeln ärgert Murphy jedoch, weshalb er in seinen Anfängen selbst den unbedeutendsten Trickser auffliegen liess, wenn er konnte. Auf den Geschmack gebracht hatten ihn vor ein paar Jahren öffentlich diskutierte Fälle. Grundsätzlich sagt er zu seinem Ent­deckergeist: «Ich bin ein Läufer und Zahlen-Nerd. Darum kann ich mit meinen Recherchen zwei Leidenschaften verbinden.»

Er hat seinen Ansatz mittlerweile angepasst. Murphy konzentriert sich auf die weiter reichenden Fälle. Sie hängen mit der Popularität grosser Städtemarathons zusammen: Deren Angebot übertrifft die Nachfrage. Einen gesicherten Start hat nur, wer eine bestimmte Zeitvorgabe pro Alterskategorie unterbietet. Fälscht ein Betrüger also seine Zeit und verdrängt damit einen ehrlichen Läufer für einen Prestigemarathon wie in New York oder Boston, tritt Murphy in Aktion. So wurde auch dank seiner Hilfe ein US-Zahnarzt überführt, der in seiner Alterskategorie bei unzähligen Läufen entweder keinen Meter absolvierte oder bloss kleine Teile – damit er Abschnittszeiten aufwies und auf Bildern zu sehen ist.

Eigenes Team in New York

Lauf-Detektiv Murphy hat in der Szene einen exzellenten Ruf, weshalb ihn kleinere Veranstalter beauftragen, ihre Felder möglichst rein zu halten. Noch aber betreibt er seine Arbeit als Hobby, meist abends, wenn die Familie im Bett liegt. Bei den Riesen der Branche kümmert sich hingegen oft eigenes Personal um die schwarzen Schafe. Die Macher des grössten Marathons der Welt in New York, der am Sonntag stattfindet, stellen etwa ein eigenes Team. Es durchsucht im Vorfeld die sozialen Medien, um Teilnehmer aufzuspüren, die ihre Startnummer weitergeben wollen – oder sie einfach aus Freude ins Netz stellen. Damit riskieren sie, dass die Nummern kopiert werden können. Auch aus diesem Grund wechseln die New Yorker das Design für jeden ihrer wiederkehrenden Läufe.

Zudem kann ein Teilnehmer die Nummer nur mit einem Ausweis abholen, meist wenige Tage vor dem Start, damit das Zeitfenster zum Fälschen klein bleibt. Auf der Website des New York Marathon läuft zurzeit eine Kampagne, in welcher die Teilnehmer über ihre Pflichten informiert werden und sie vor Betrügern gewarnt werden. Auf 50'000 Läufer rechnen die Organisatoren mit circa 50 Schummlern, eine Zahl, die Derek Murphy für zu gering hält. Er geht von ein paar Hundert aus. Einige werden ihn darum bald kennen lernen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.11.2017, 23:24 Uhr

Schweizer Läufe

Der Betrüger mit dem schnellen Bartwuchs

Der auffälligste Bschiss am Zürich Marathon lief so ab: Erst rannte ein Athlet glattrasiert die erste Hälfte, dann wuchs ihm innert Minuten ein Vollbart. Weil sich Informanten bei Organisator Bruno Lafranchi meldeten, konnte der das Wunder aufklären. Zwei Männer hatten sich die Startnummer geteilt und damit das Rennen. So offensichtlich dieser Fall ist: Wenn sich die Herren etwas cleverer angestellt hätten, wäre der Betrug nicht aufgefallen.

Werden potenzielle Schummler nicht von anderen Teilnehmern oder Zuschauern erkannt, hilft in der Schweiz primär das Zeitmesssystem. Es stellt sehr grobe Abweichungen pro gestopptem Streckenabschnitt bei Teilnehmern fest und meldet diese Ausreisser. Lafranchi schaut sich diese auffälligen Athleten an und disqualifiziert sie, wenn er sie für Schummler hält. Weil er sie in der Rangliste also blossstellt, melden sich immer wieder Ausgeschlossene – und bitten darum, sie doch von der Liste zu nehmen. Es sei ihnen peinlich. Lafranchi lehnt jeweils ab.

Auch Michael Schild, Rennleiter des grössten Deutschschweizer Laufs, des ­ GP Bern, kann Müsterchen erzählen: Wenn Eltern ihr Kind zwecks grösserer Erfolgschance in einer jüngeren Alterskategorie anmelden und auf dem Podest dann ein zu Grosser im Vergleich mit den anderen steht – oder wenn ein Athlet seine Nummer weitergibt und der Ersatz viel schneller rennt als die Richtzeit des Originals. Schild wie Lafranchi aber sagen: Die Zahl der Schweizer Lauf­betrüger bewege sich im Promillebereich. (cb)

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