Zürcher Juristen reisen als «Prüfungstouristen» nach St. Gallen

Die Anwaltsprüfung erfordert in Zürich viel Zeit und Geld. Nun weichen Aspiranten nach St. Gallen aus, wo der Weg zum Anwaltspatent einiges kürzer ist.

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Eigentlich hat Laura keine Zeit, um mit dem «Tages-Anzeiger» zu sprechen. Und ihren Nach­namen möchte sie lieber nicht in der Zeitung lesen, damit der Artikel ihr Vorhaben nicht beeinflusst. Die 28-Jährige bereitet sich seit einigen Wochen auf die Zürcher Anwaltsprüfung vor. Diese gilt als besonders anspruchsvoll. Zwar ist das Anwaltspatent in der ganzen Schweiz gültig, aber die Anforderungen sind von Kanton zu Kanton unterschiedlich.

Laura lernt pro Tag mindestens acht Stunden den Stoff aus insgesamt sechs Rechtsgebieten. Die Vorbereitungszeit beträgt in der Regel zwischen drei und fünf Monaten. Dafür haben Laura und ihre Kollegin einen Lernplan erstellt. Neben dem Lernen hat Laura keine Zeit, um noch zu arbeiten. Das Leben während der Lernphase sowie die Kosten für die Prüfung (bis zu 6000 Franken) finanziert sie sich mit Erspartem. Ausserdem wohnt sie bei den Eltern in der Innerschweiz.

Laura lebt wieder wie zur Studienzeit. Dabei hat sie seit dem Masterabschluss am Bezirksgericht als Auditorin und Gerichtsschreiberin zwischen 5000 und 7000 Franken im Monat verdient und beim Praktikum auf der Anwaltskanzlei noch mehr. Ein Jahr praktische Erfahrung ist in Zürich die Anforderung, um sich überhaupt für die schriftliche Anwaltsprüfung anzumelden.

Willkürliche Expertenwahl

Nun ist es Ende Jahr so weit. Dann findet ihre schriftliche Prüfung statt. Zehn Stunden wird sie Zeit haben, einen oder mehrere Rechtsfälle zu bearbeiten. Jeden Montag ist ein anderer Experte für die Prüfung zuständig. Es sind Professoren, Richter und Rechtsanwälte aus Zürich, die reale Rechtsfälle abändern und dazu Fragen stellen. Welcher Referent an welchem Termin zum Zug kommt, gibt die Prüfungskommission einmal pro Halbjahr bekannt. Ihren Termin Ende Jahr hat Laura nicht zufällig gewählt. Einerseits wollte sie nicht über die Festtage arbeiten, andererseits weiss sie nun schon sehr früh, welcher Referent die Aufgabe für die schriftliche Prüfung stellen wird. Weil der Informationsanlass bereits stattgefunden hat, weiss sie, welcher Experte sie prüfen wird. Andere Aspiranten erfahren dies erst kurz vor der Prüfung.

«Es gibt Indizien, die für Prüfungstourismus sprechen.»Christian Schöbi, St. Galler Anwaltsprüfungskommission

Dabei kann das entscheidend sein, denn die Anforderungen variieren stark. Dies sagen rund ein Dutzend Anwälte beziehungsweise Aspiranten, mit denen der «Tages-Anzeiger» gesprochen hat, einhellig. Sie sprechen von «Glück», wenn sie bestanden haben. Oder von «Willkür», wenn sie die Prüfung als besonders schwer empfanden. Die Präsidentin der 35-köpfigen Anwaltsprüfungskommission, Oberrichterin Christine von Moos Würgler, räumt ein, die Prüfungen könnten subjektiv als unterschiedlich schwer empfunden werden. «Doch Willkür ist ein starkes Wort», sagt sie. Die Prüfung würde nicht nur von Referenten, sondern auch noch von weiteren vier Mitgliedern der Prüfungskommission korrigiert. Dies führe zu einer gerechten Beurteilung. Den Referenten wolle man zudem möglichst grosse Freiheiten bei der Gestaltung der Prüfung zugestehen.

Lange Wartezeiten

Nicht nur die unterschiedlichen Anforderungen für die Prüfung gibt unter den Anwälten und Aspiranten viel zu reden, sondern auch die lange Zeitdauer bis zum Patent. Nach der mehrmonatigen Lernphase und der schriftlichen Prüfung beginnt das Warten auf die Resultate – dieses dauert mindestens zwei bis drei Monate. Wenn der Entscheid positiv ausfällt, kann sich Laura für die mündliche Prüfung anmelden. Die Vorbereitungszeit beträgt dann nochmals rund fünf Monate. Die mündliche Prüfung wird sie zu zweit absolvieren. Sie dauert drei Stunden. Geprüft werden alle Rechtsgebiete. Ob sie in den Gesetzestexten nachschlagen darf oder nicht, entscheidet wiederum der Referent. Immerhin erfährt Laura das Resultat gleich im Anschluss.

Der ganze Prüfungsprozess dauert über ein Jahr. Mindestens. Denn für Laura ist klar: «Vermutlich werde ich eine der Prüfungen mehrmals machen müssen.» Sie weiss, was eine TA-Auswertung der Resultate der vergangenen fünf Jahre zeigt: Maximal die Hälfte der Aspiranten besteht beim ersten Mal. Die anderen müssen mindestens eine Zusatzrunde einlegen. Die schriftliche Prüfung kann man maximal drei, die mündliche Prüfung zwei Mal ablegen. Am Ende bestehen dafür bis zu 85 Prozent aller Aspiranten – sofern sie genügend Ausdauer haben. Denn die Lernzeit ist lange und die Wartezeit auf das Resultat belastend. Zwischen 10 und 15 Prozent der über 200 Aspiranten ziehen sich jedes Jahr zurück.

Nicolas ist einer von ihnen. Nachdem er die schriftliche Prüfung zwei Mal nicht bestanden hatte, erlitt er eine Erschöpfungsdepression und zog sich zurück. «Es hätte keinen Sinn ergeben, mich weiter zu quälen», sagt er. Eigentlich wollte er das Patent ohnehin nicht unbedingt machen. Doch seine Vorgesetzten am Gericht, wo er als Gerichtsschreiber arbeitete, und Erspartes ermöglichten es ihm, die Prüfung zu versuchen. «Lieber etwas versuchen und scheitern als gar nicht versuchen», sagt der 33-Jährige. Mittlerweile hat Nicolas ein Start-up in einem vollkommen anderen Bereich aufgebaut und ist damit glücklich.

Nach St. Gallen statt Zürich

Andere weichen wegen des langen Wegs in Zürich in Nachbarkantone aus. Zu ihnen gehört Carlo, der nach einem Praktikum bei einer Zürcher Anwaltskanzlei nun im Kanton St. Gallen an einem Kreisgericht arbeitet. Dabei nimmt der Mittzwanziger einen deutlich tieferen Lohn in Kauf als in Zürich. Doch Carlo möchte die Prüfung in St. Gallen abschliessen. Da gibt es zweimal im Jahr eine Prüfungssession. Eine Woche nach der schriftlichen folgt die mündliche Prüfung. Auf beide bereitet man sich gleichzeitig vor. Drei Monate später findet bereits die Patentierungsfeier statt. Beide Prüfungen können dreimal wiederholt werden. Der Prozess dauert also höchstens zwei Jahre.

Die Durchfallquote in St. Gallen ist mit jener in Zürich vergleichbar. Dafür müssen deutlich weniger Aspiranten Prüfungen wiederholen. Rund 80 Prozent derjenigen, die bestehen, benötigen bloss einen Versuch – das sind deutlich mehr als in Zürich. Die kürzere Zeit dürfte der Grund sein, weshalb Carlo nicht der Einzige ist, der den deutlich schlechteren St. Galler Lohn hinnimmt. Man habe zwar keine konkreten Zahlen, sagt der Präsident der St. Galler Anwaltprüfungskommission, Christian Schöbi. «Doch es gibt Indizien, die für einen Anwaltsprüfungstourismus von Zürich nach St. Gallen sprechen.» So würden sich immer wieder Aspiranten anmelden, die nicht nur einen Teil des Praktikums in Zürich absolvierten, sondern dort auch ihren Wohnsitz hätten. Es gibt sogar solche, die sich an beiden Orten gleichzeitig für die Prüfung anmelden. So erzählt Schöbi von einer Aspirantin, die sich in St. Gallen nicht mehr zur Nachprüfung anmeldete, weil sie in der Zwischenzeit die Prüfung in Zürich bestanden hatte.

Patent von Vorteil

Für Laura war es nie eine Option, die Prüfung in einem anderen Kanton zu schreiben. Sie habe in Zürich studiert und wolle hier arbeiten. Dafür nehme sie auch die lange Dauer auf sich. «Zwar könnte ich auch damit leben, wenn ich die Prüfung nicht bestünde, aber da ich es nun schon begonnen habe, will ich es auch erfolgreich beenden», sagt die 28-Jährige. Sie will nicht unbedingt Klienten vor Gericht vertreten, weiss aber: Bei einer Stellenausschreibung einer Bank oder Versicherung für eine Juristin heisst es stets, ein Anwaltspatent sei von Vorteil. Diese Bedeutung bestätigt auch die Zürcher Anwaltsprüfungskommission. Laura will sich für ihren weiteren Weg alle Möglichkeiten offenhalten.

Erstellt: 30.08.2018, 08:33 Uhr

Unterschiedliche Anforderungen für das Anwaltspatent

Wer das Patent zum Rechtsanwalt hat, kann in der ganzen Schweiz Klienten vor Gericht vertreten – ungeachtet, in welchem Kanton er die Prüfung absolviert hat. Zwar ist die Strafprozessordnung in der Schweiz seit 2011 harmonisiert, doch bezüglich der Anwaltsprüfung herrscht ein unübersichtlicher Wildwuchs. Das Bundesgesetz über die Freizügigkeit der Anwältinnen und Anwälte hält lediglich fest, dass man für ein Patent ein juristisches Studium, ein mindestens einjähriges Praktikum und ein Examen abgeschlossen haben muss.

In St. Gallen können sechs der zwölf Monate Praktikum in einem anderen Kanton angerechnet werden. Bern verlangt 18 Monate, und in Genf müssen die Aspiranten nach dem Studium für 3500 Franken ein Semester lang eine Anwaltsschule besuchen und am Schluss eine Prüfung absolvieren. Erst dann dürfen sie ein Praktikum machen und zur Patentsprüfung antreten. Im Aargau dauert die schriftliche Prüfung fünf aufeinanderfolgende Halbtage und die mündliche eine Stunde. Im Kanton Schwyz wiederum kann die achtstündige schriftliche Prüfung irgendwann im Jahr absolviert und unbeschränkt oft wiederholt werden.

Immer wieder wird die Forderung nach einer einheitlichen Regelung laut. Erstmals hatte der Schweizerische Anwaltsverband (SAV) im Jahre 1901 einen Gesetzesentwurf für ein eidgenössisches Patent eingereicht.

Einer Zentralisierung steht vor allem der Kanton Zürich skeptisch gegenüber. Hier gilt das Prozedere als besonders anspruchsvoll. Mit über 150 Patenten erteilt Zürich jedes Jahr mit Abstand am meisten Anwalts­patente. Daran möchte die kantonale Prüfungskommission nichts ändern, wie deren Präsidentin Christine von Moos Würgler auf Anfrage sagt. Befürchtet werde ein Qualitätsverlust: «Die Erfahrung lehrt uns zudem, dass Zürich bei einer Zentralisierung nicht berücksichtigt werden würde», ergänzt sie und spielt damit darauf an, dass sich die höchsten Schweizer Gerichte in Lausanne, St. Gallen und Bellinzona befinden.

Den bisher letzten Versuch, die Anwaltsprüfung zu vereinheitlichen, unternahm der SAV 2012, als er der Bundesverwaltung ein vollständiges «Schweizerisches Anwaltsgesetz» vorlegte. Eine entsprechende Motion, die 2012 von National- und Ständerat angenommen worden war, schrieb der Bundesrat im vergangenen Frühling ab. Es habe sich herausgestellt, dass die Unterschiede zwischen den kantonalen Anforderungen für eine schweizweite Lösung zu gross sei, schreibt der Bundesrat in seinem Bericht. Der Antrag ist noch hängig, doch es ist nicht davon auszugehen, dass das Geschäft nicht abgeschrieben würde. Mittlerweile wünscht selbst der SAV keine Revision mehr. So bleibt das Erteilen des Anwaltspatents weiterhin Sache der Kantone.

Corsin Zander

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