Der Kontinent der Violencia

Die heillose Geschichte Lateinamerikas spiegelt sich in einer grandiosen Literatur. Michi Strausfeld hat Cortázar, Vargas Llosa und viele andere in den deutschen Sprachraum vermittelt. Die Bilanz.

In Santiago de Chile suchen Demonstranten diesen Oktober Schutz gegen die Regierung. Foto: Alberto Valdes (EPA)

In Santiago de Chile suchen Demonstranten diesen Oktober Schutz gegen die Regierung. Foto: Alberto Valdes (EPA)

Martin Ebel@tagesanzeiger

«Wann ist Lateinamerika vor die Hunde gegangen?» Diese Frage, die einen berühmten Satz von Mario Vargas Llosa zitiert, hat Michi Strausfeld verschiedenen Autoren aus dem Subkontinent gestellt. Die Antwort des Mexikaners Yuri Herrera: «Alles begann mit der Entdeckung. Es gab keinen einzigen Augenblick in der Geschichte, in der das strukturelle Elend und die Gewalt nicht mit einer rassistischen ­Teilung der Gesellschaft einhergegangen wäre.»

Tatsächlich scheinen die Erb­übel Lateinamerikas – extreme Armut der Massen, Reichtum in wenigen Händen, Rassismus, Unterdrückung der Indigenen und Schwarzen, Korruption von Klerus und Politik, mangelnde Bildung – unausrottbar zu sein. Die Aktualität bestätigt den ­Befund: Argentinien steht vor dem ökonomischen Kollaps, der rechtspopulistische Präsident Brasiliens fackelt den Regenwald ab, Chile wird von Unruhen erschüttert, die Venezolaner verlassen in Massen das heimische Chaos, Mexiko versinkt im Sumpf von Drogen und Gewalt.

Das ist eigentlich nicht das Thema von Michi Strausfeld und ist es doch. Denn die Literatur Lateinamerikas, deren Panorama sie in ihrem umfangreichen Buch entwirft, spiegelt Geschichte und Politik des Kontinents. Seine Autoren sind die wahren Chronisten und Historiker.

Boom der 1960er-Jahre

Michi Strausfeld ist eine der ­besten Kennerinnen der Materie. 34 Jahre, von 1974 bis 2008, war sie als Lektorin verantwortlich für das lateinamerikanische Programm des Suhrkamp-Verlages, fast 400 Titel kamen über sie auf den deutschsprachigen Markt und brachten den «Boom» der 1960er-Jahre zu den hiesigen Lesern: Julio Cortázar, Juan Carlos Onetti, Guillermo Cabrera Infante, José Lezama Lima, Mario Vargas Llosa und viele andere.

1984 bescherte sie mit Isabel Allendes «Geisterhaus» dem Verlag einen Millionenbestseller. Sie erzählt, wie die schüchterne Autorin das Original in Barcelona vorstellte, Siegfried Unseld den Roman nach einem begeisterten Gutachten seiner Lektorin sofort einkaufte und dann auf der Frankfurter Buchmesse vor dem neuen Zugpferd seines Verlags niederkniete. Bei Julio Cortázars «Rayuela», einem Klassiker der Moderne, vergingen dagegen sieben Jahre zwischen Vertragsunterzeichnung und dem fertigen Buch. Der Übersetzer war schuld.

So ist dieses Buch dreierlei: Literaturgeschichte, politische Geschichte und auch ein bisschen die Geschichte der wichtigsten Vermittlerin. Denn das war Michi Strausfeld, und das ist sie noch immer, jetzt eben als Autorin dieses reichhaltigen Kompendiums. 250 Autoren weist der Anhang aus, deren Werke kürzer oder ausführlicher vorgestellt werden, immer eingebettet in einen thematischen Zusammenhang. Einigen Grossen – Carpentier, Fuentes, García Márquez, Ubaldo Ribeiro – gelten eigene, immer auf persönlichen Begegnungen beruhende Porträts.

Wann also ging Lateinamerika vor die Hunde? Von Anfang an, meint auch Michi Strausfeld. 1992 feierte Alte und Neue Welt mit Pomp und viel Heuchelei 500 Jahre Entdeckung Amerikas. Das wichtigere Datum ist für sie ein anderes: 1519 landete Hernán Cortez mit 517 Soldaten in Veracruz, zwei Jahre danach hatte er das Aztekenreich erobert, die Hauptstadt zerstört, in den Jahrzehnten danach wurde der Grossteil der indianischen Bevölkerung ausgerottet. Es folgten drei Jahrhunderte Kolonialherrschaft, in denen sich die verhängnisvollen Strukturen etablierten, die heute noch den Subkontinent prägen.

Wunderbare Wirklichkeit

Die Revolutionen des 19. Jahrhunderts führten weder zu stabilen demokratischen Verhältnissen noch zu einer prosperierenden Wirtschaft. Die beruhte weiter auf «Extraktivismus», also der Ausbeutung von Natur und Rohstoffen, und geriet zunehmend in Abhängigkeit von US-Konzernen (neuerdings tritt China auch hier als Global Player in Erscheinung). Politisch herrschte hier Bürgerkrieg, da Diktatur, dort wiederum das Militär. «Violencia» überall.

All das wird von Autoren und Autorinnen gespiegelt, aufgearbeitet, angeprangert. Die Literatur Lateinamerikas ist hochpolitisch, aber sie ist auch ein grosses Lesevergnügen. Schliesslich waren es die «wunderbare Wirklichkeit», der «magische Realismus» von García Márquez und Kollegen, die dem westlichen Lesepublikum wie literarisches Manna erschienen.

Michi Strausfeld gelingt es, bei aller berechtigten Skepsis gegenüber solchen Etiketten, immer wieder, das Fantastische aus dem Realen abzuleiten. Sie erinnert an François Mackandal, der den Aufstand der Sklaven auf Haiti anführte und 1758 öffentlich verbrannt wurde. Viele Anhänger glaubten aber, Mackandal habe sich in eine Fliege verwandelt und sei entflohen. Alejo Carpentier schildert in seinem Roman «Das Reich von dieser Welt», wie der Verurteilte tatsächlich in die Luft steigt und davonfliegt. «Ein einziger Schrei erfüllte den Platz: Mackandal sauvé!» Kein Wunder also, dass auch in «Hundert Jahre Einsamkeit», dem Erfolgsroman des Booms, ein Mädchen gen Himmel fährt.

Michi Strausfeld kennt sich auch bei den aktuellen Entwicklungen aus, bei den «Cronistas», die Journalismus und Literatur verbinden, oder Newcomern wie Aura Xilonen. Auch wenn einem bei den vielen Namen manchmal der Kopf schwirrt: Dieses Kompendium ist auch eine unwiderstehliche Aufforderung zum Lesen, Lesen, Lesen.

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