Der Entschärfer

Urs Allemann soll verhindern, dass aus jungen Winterthurern Islamisten werden. Um 17 Fälle hat er sich bereits gekümmert, von harmlos bis gravierend.

Sieht Präventionsarbeit als Marathon: Urs Allemann. Foto: Raisa Durandi

Sieht Präventionsarbeit als Marathon: Urs Allemann. Foto: Raisa Durandi

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Christian, Editha, Hajan, Valdet, Visar, S. – seit 2014 sind immer wieder junge Muslime aus Winterthur ins Gebiet des Heiligen Kriegs gereist, radikalisiert durch Kollegen, salafistische Vorbeter, das Internet. Es ist Urs Allemanns Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich diese Liste nicht verlängert.

Auf dem 39-Jährigen, der seit Oktober 2016 die neue Winterthurer Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention leitet, lastet einiger Druck. Die Stadt ist zum Kristallisationspunkt der Deutschschweizer Islamismusdebatte geworden. Hier spielte sich der Fall jener zwei minderjährigen Geschwister ab, die 2014 nach Syrien reisten, und hier durchsuchte die Polizei im November 2016 frühmorgens die An’Nur-Moschee im Quartier Hegi, um einen Prediger zu verhaften, der mutmasslich zu Mord aufgerufen hatte. Über 20 Journalisten sind an diesem Freitag angereist, um Allemanns erste Zwischenbilanz zu hören. Schliesslich hatte Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) persönlich die Fachstelle als Kernstück der Winterthurer Massnahmen gegen den Islamismus angekündigt – inspiriert von der Stadt Zürich, die eine ähnliche Stelle betreibt.

«Gewisse Verunsicherung»

Allemann, gelernter Landschaftsgärtner, klein gewachsen, fast zierlich, arbeitete Ende der 90er-Jahre in einem Jugendtreff in Zürich-Altstetten. Es war die Zeit der Kosovokrise, bis zu 100 junge Flüchtlinge besuchten damals den Treff – «und ich Sprenzel war als Praktikant mittendrin. Damals musste ich lernen, mich durchzusetzen». Heute sind andere Fähigkeiten gefragt. Allemann, inzwischen ausgebildeter Sozialarbeiter, will in Winterthur Behörden, Schulen, Vereine und Moscheen besser vernetzen, um möglichst früh zu erfahren, wenn ein Jugendlicher auffällt.

In seinen ersten 100 Tagen habe er eine «gewisse Verunsicherung» in der Winterthurer Bevölkerung gespürt. Um 17 Fälle kümmerte er sich bisher, von harmlos bis gravierend. Darunter war ein Vermieter, der sich Sorgen machte, dass sich in seinem Lokal ein radikaler Verein einnisten könnte. Tatsächlich aber war der interessierte Kulturverein bei der Stadt längst bekannt und wurde als ungefährlich eingestuft.

Die Leitungen der Gotteshäuser seien ein Teil der Lösung, nicht des Problems, sagt Urs Allemann.

Eine zweite Anfrage drehte sich um einen 13-jährigen Schüler mit afrikanischen Wurzeln, der im Unterricht plötzlich arabische Schriftzeichen malte und von Jihad-Videos erzählte, die ihm in einem Gebetszentrum während einer Familienreise nach Frankreich gezeigt worden seien. Allemann stellte fest, dass die leibliche Mutter kürzlich einen überaus konservativen Mann geheiratet hatte; er wies die Lehrerin an, den Schüler weiter im Auge zu behalten. Sollte sich in den nächsten Wochen nichts ändern, wird die Mutter für ein Gespräch aufgeboten.

Der bisher heikelste Fall war ein Vater, der von seinem Sohn erzählte. Der 19-Jährige hatte die Trennung der Eltern miterlebt, war ohne Ausbildung, arbeitete nicht, kiffte. Allemann sprach nicht direkt mit dem Sohn, sondern traf sich mehrmals mit dem Vater, dessen Neuigkeiten immer beunruhigender wurden: Der Junge konvertierte zum Islam und begann, mit dem Vater über Alkohol und Schweinefleisch zu streiten. Bald kritisierte er den Westen und veränderte auch seine Kleidung. In Notizen des Sohnes fand der Vater den Satz «Jihad ist Pflicht». Auf dem gemeinsamen Computer sah er, dass sein Sohn Reisen nach Istanbul angeschaut hatte. Allemann und der Vater einigten sich darauf, die Polizei einzuschalten. Diese Abklärungen dauern an.

«Kein Winterthurer Phänomen»

Der Winterthurer Sozialvorsteher Nicolas Galladé betont an der Medienkon­ferenz, dass seit «längerer Zeit» niemand aus der Stadt mehr in den Jihad gezogen sei. Ohnehin sei Islamismus «kein Winterthurer Phänomen», so der SP-Politiker – «wir haben keinen Hinweis darauf, dass es in Winterthur ein aus­geprägtes Extremismusproblem gibt». Ähnliche Netzwerke gebe es in allen Landesteilen.

Für Allemann, dessen Mandat bislang bis Ende 2018 befristet ist, bleibt Islamismus aber das beherrschende Thema. 16 seiner 17 Fälle drehten sich darum, obwohl die neue Fachstelle auch für christlichen und politischen Extremismus zuständig sei. «Umso wichtiger ist es, dass wir zu den sechs Winterthurer Moscheen einen guten Draht haben», sagt er. Die Leitungen der Gotteshäuser seien ein Teil der Lösung, nicht des Problems. Es gehe nun darum, Vertrauen zu schaffen, sodass die Vereine die Fachstelle anriefen, wenn sie Probleme mit Extremisten hätten. Die umstrittene An’Nur-Moschee meint Urs Allemann explizit mit: «In der Vereinsleitung gibt es auch sehr gute Kräfte.»

Über einzelne Figuren, Imame oder islamistische «Hotspots» in der Stadt will Urs Allemann allerdings nicht sprechen: «Ich muss nun viele Gespräche führen. Wie soll ich Vertrauen aufbauen, wenn ich öffentlich über Einzelpersonen rede?» Präventionsarbeit sei ein Marathon, kein Sprint, und er starte erst.

Erstellt: 20.01.2017, 20:37 Uhr

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