Das Töffli lebt!

Auf Ebay werden sie für hohe Summen verkauft: Die Puchs und Ciaos sind heute die jugendlich-rebellische Alternative zu den ökologisch korrekten E-Bikes der Eltern.

Auf der Nostalgiewelle: Piaggio Ciaos waren in den Siebzigern und Achtzigern angesagt – und sind heute Liebhaberobjekte. Foto: Popperfoto, Getty Images

Auf der Nostalgiewelle: Piaggio Ciaos waren in den Siebzigern und Achtzigern angesagt – und sind heute Liebhaberobjekte. Foto: Popperfoto, Getty Images

Denise Jeitziner@tagesanzeiger

Wer auf der Suche nach einem Bild zum Thema Rostbeule ist, braucht nur «Töffli» oder «Mofa» im Suchfeld eines x-beliebigen Schweizer Onlinemarktplatzes einzugeben, und schon findet sich wunderbares Anschauungsmaterial. Da sind Rahmen, die so aussehen, als hätten sie jahrzehntelang auf dem Grund eines Sees vor sich hingerottet, die so derart verwittert oder von Rost zerfressen sind, dass man davon ausgehen muss, dass sie bei der erstbesten Bodenwelle in sich zusammenfallen und zerbröseln. Neben den Auktionsfotos wenig vertrauenserweckende Produktebeschriebe à la «keine Papiere, keine Garantie, kein Umtauschrecht», «Kilometerstand und Jahrgang erfunden» oder «ohne Motor». Und trotzdem gibt es Dutzende Gebote, teilweise sogar über 100, und das Tage vor Ablauf der Onlineauktion. Da sind Sofortkaufpreise von mehreren Hundert Franken, bei einem liebevoll hergerichteten Modell – «ein echter Hingucker!» – sind bis zu fünftausend Franken fällig.

Wegen der Helmpflicht wurde es uncool

Auch auf dem Töffliersatzteilmarkt ist die Nachfrage gross: «In den vergangenen zwei, drei Jahren ist unser Umsatz für Motorfahrradteile jährlich um jeweils rund 30 Prozent gestiegen», sagt Beat Christen, Geschäftsführer der Firma Scooterama in Herzogenbuchsee BE, die Zubehör, Ersatz- und Tuningteile verkauft. Das gute alte Töffli ist also nicht tot, sondern wiederbelebt, nachdem es ab den 1990ern unter anderem wegen der Helmpflicht uncool wurde. Nun aber wurden offenbar viele Schweizer Töfflibuben und -meitschi, die in den 70ern und 80ern mit ihren Puch Maxi, Piaggio Si, Sachs 502 oder Pony durch die Gegend frästen, so weit der Sprit reichte, von der Nostalgie gepackt.

Sie haben ihre Hödis, Möfis, Mopeds, 14er-Töffli und Sackgeldverdunster wieder aus den Kellern und Scheunen geholt oder suchen auf Onlinemarktplätzen nach einem Gefährt, das ihrem von ­früher möglichst ähnlich sieht, und schrauben und basteln daran herum – wie früher, nur dass «frisieren» inzwischen «optimieren» heisst. «Scheinbar ist das kultiger, als ein neues zu kaufen. Es geht um die Einzigartigkeit der alten Mofas und um das Instandstellen», sagt Paul Amsler von der Firma Amsler und Co. in Feuerthalen ZH, die unter anderem die Pony-Mofas herstellt. Einen «kleinen Aufschwung» könne er aber auch bei den neuen Fahrzeugen bestätigen. Olivier Bachmann von der Frankonia AG, der Schweizer Vertriebspartnerin der Tomos-Töffli in Avenches sagt ebenfalls: «Wir verkaufen immer die gesamte Liefermenge, die wir von Tomos erhalten. Die Nachfrage ist da, und wir könnten vermutlich sogar noch mehr verkaufen.»

Nicht ganz unschuldig am Töffli-Revival ist das «Alpenbrevet», bei dem Hunderte Nostalgiker Lenkgabel an Lenkgabel an einem Wochenende im Juli über Schweizer Pässe und Landschaften fahren. 1000 Mofas sind es inzwischen, und es wären vermutlich noch viel mehr, wenn die Organisatoren die Teilnehmerzahl nicht beschränken würden. Der Vorverkauf für die 9. Ausgabe diesen Sommer in Sarnen startet Ende Mai. Für die Tickets muss man sich angeblich ähnlich sputen wie bei Konzerten von Rocklegenden. Innert Minuten ist der Anlass jeweils ausverkauft.

Usain Bolt ist viel schneller als ein Ciao

Inzwischen gibt es aber überall in der Schweiz ähnliche Treffs, fast jedes Wochenende findet irgendwo einer statt mit 150 bis 700 oder mehr Teilnehmern. Beat Christen vom Scooterama spürt die nostalgische Faszination aber auch bei herkömmlichen Motorradtreffs. «Dort ist die Schlange beim ­Töfflistand oft am längsten, und alle beginnen immer gleich ihre Anekdoten von früher zu erzählen.» Von der ersten Passfahrt mit einem Mädchen auf dem Rücksitz, dem stundenlangen Basteln oder davon, wie sie vom Dorfpolizisten erwischt wurden mit einem frisierten Motor.» Das Töffli-Revival erklärt sich Christen auch so: Ein Mofa umzubauen koste bei weitem nicht so viel wie etwa bei einer Harley – was Liebhaber aber nicht davon abhalte, trotzdem so viel zu investieren – und vielen älteren Fahrern sei die Lust am Töfffahren etwas vergangen wegen der Geschwindigkeitskontrollen überall.

Eine Tempobusse kann bei einem unfrisierten Puch, Pony oder Ciao kaum drohen; sie schaffen gerade so 30 Stundenkilometer, Usain Bolt ist fast um die Hälfte schneller. «Je nachdem, wie viel Gewicht man auf den Mofasitz bringt, sieht man unterwegs die Blumen wachsen», sagt Willy Wermelinger, Geschäftsführer von Event & more in Zug, die Feierabend- oder Wochenendtöfflitouren in kleinen Gruppen anbieten für jene, deren Füdli forfait geben muss für eine Pässefahrt bis ins Tessin.

«Es hört nicht mehr auf mit Anfragen»

Seitdem die Firma vor vier Jahren mit dem Töfflitourangebot begann, musste sie den Wagenpark stetig vergrössern. Aus den anfänglich 10 Mofas sind inzwischen 60 geworden, «und es hört nicht mehr auf mit Anfragen», sagt Wermelinger, der sogleich ins Schwärmen gerät und von einem Schweizer Kulturgut spricht und von Töfflibuben und -meitschi, «deren Augen Geschichten erzählen», wenn sie nach Jahrzehnten wieder auf einem Mofa sitzen. «Man merkt richtig, wie sehr sie das Stück Freiheit und Langsamkeit geniessen.»

In Zahlen lässt sich die neu entflammte Leidenschaft allerdings nur schwer belegen. Das Bundesamt für Statistik verzeichnet zwar seit 2010 einen klaren Aufschwung bei den Motorfahrrädern, allerdings fallen auch die leistungsstärkeren E-Bikes in diese Kategorie; diese machen wohl den Hauptanteil am Boom aus.

Die meisten Kantone unterscheiden statistisch nicht zwischen Töffli und E-Bikes, die wenigen, die es tun, wie Solothurn, Thurgau, Luzern, verzeichnen seit zwei, drei Jahren allesamt eine leichte Zunahme, einzig im Kanton ­Zürich ist die Zahl der angemeldeten Mofas je nach Jahr stagnierend bis rückläufig, was allerdings damit zu tun haben könnte, dass sie im urbanen Raum weniger verbreitet sind als in ländlichen Regionen. Dort machen heutzutage aber auch die Jungs und Mädels ab 14 ­wieder die Töffliprüfung – wohl auch als Abgrenzung zu den ökologisch korrekten, braven E-Bike-fahrenden ­Eltern.

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