Pränatale Tests – «nichts anderes als Angst- und Geldmacherei»

Vorgeburtliche Diagnosen verunsichern werdende Mütter. Dabei werde deren Nutzen überbewertet, sagen Zürcher Experten.

Nach der Ultraschalluntersuchung: Beratungsgespräch mit einer Schwangeren in einer Frauenklinik. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Nach der Ultraschalluntersuchung: Beratungsgespräch mit einer Schwangeren in einer Frauenklinik. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Die Schwangerschaft der 32-jährigen Zürcherin verlief komplizierter, als sie gedacht hatte. Zuerst glaubte die Ärztin nach einer Ultraschalluntersuchung, es könnte mit den Nieren ihres Kindes «etwas nicht in Ordnung» sein. Die Ärztin schickte die verängstigte Frau zum Fachmann. «Ich konnte bis zum Termin an nichts anderes mehr denken», erzählt die Schwangere.

Der Experte gab Entwarnung, alles sei bestens. Bei der nächsten Untersuchung stand der Verdacht einer Schwangerschaftsdiabetes im Raum. Erneut Verunsicherung. Wieder Entwarnung. Bei einem weiteren Termin stellte die Gynäkologin fest, dass der Kopf des Kindes zu klein sei. Noch mehr Ängste und Verunsicherung. Bald befürchtete das ganze Umfeld das Schlimmste. Wieder ging es zum Experten, wieder gab es Entwarnung. «Ich hatte mich schon fast mit einem behinderten Kind abgefunden», sagt die Betroffene.

Der Fall ist exemplarisch für das Dilemma, in dem sich viele werdende Mütter heute befinden. Die Medizin bietet derart viele Möglichkeiten zu Präventionsuntersuchungen, dass die Schwangerschaft zu einem Stresstest wird. Die meisten Untersuchungen liefern nur Risikowahrscheinlichkeiten. Die Folge: noch mehr Untersuchungen, noch mehr Unsicherheit. Ärztinnen und Ärzte wiederum fühlen sich verpflichtet, auf alle Risiken hinzuweisen und im Verdachtsfall lieber noch mehr Tests zu machen.

Ein Teufelskreis

Es ist ein Teufelskreis, der in erster Linie Ärzten und medizinischen Labors Arbeit beschert und die Gesundheitskosten in die Höhe treibt. Werden alle Folgen dieses Booms von pränatalen Untersuchungen berücksichtigt, zeigt sich nämlich, dass weniger mehr sein könnte. «Frauen werden heute sehr sorgfältig überwacht, damit ja keine Erkrankung der Mutter oder des Kindes verpasst wird», sagt Stephanie von Orelli, Chefärztin an der Frauenklinik im Zürcher Triemli-Spital. Die Frauen wünschten sich eben eine Bestätigung, dass es ihrem Kind gut gehe.

Viele Untersuchungen, wie auf Zucker, auf Infektionskrankheiten und genetische Tests bei Risikokonstellationen, seien zwar sinnvoll, aber zu viel des Guten löse «zum Teil auch Fehldiagnosen aus, die wiederum eine Nachuntersuchung erfordern».

«Auffällige Resultate sind aber immer eine psychische Belastung für die Eltern», sagt von Orelli. Und würden sie sich im Nachhinein – wie das oft der Fall sei – als falsch erweisen, mehr als ein Ärgernis. Denn längst ist es wissenschaftlich erwiesen, dass Stress während der Schwangerschaft nicht nur die Eltern verunsichert, sondern sich auch auf das ungeborene Kind überträgt und seine gesunde Entwicklung beeinträchtigt. Dazu kommt, dass viele werdende Mütter mit den Fachausdrücken überfordert sind. Ihnen «einfach eine Diagnose an den Kopf zu werfen, mit der sie nichts anfangen können, ist nicht angebracht», sagt die Frauenärztin.

«Nicht über den Kopf der Patientin hinweg»

Gesellschaftliche Entwicklungen begünstigen den Trend. Die Erwartungshaltung ist gestiegen. Viele erhoffen sich auch in älteren Jahren, ihren Kinderwunsch erfüllen zu können, weil die Medizin verspricht, fast alle Risiken rechtzeitig erfassen zu können. Dadurch wächst aber der Druck, Vorsichtsmassnahmen zu treffen. «Das Sicherheitsbedürfnis von Schwangeren und Ärzten ist beängstigend gestiegen», konstatiert Norbert Fetkenheuer, Gynäkologe und ehemaliger Leiter des Paracelsus-Spitals in Richterswil: «Es gibt kaum noch eine Schwangere, die uns nicht mit Dingen bombardiert, die sie irgendwo gelesen hat.»

Anders beurteilt der Präsident des Schweizerischen Gynäkologen-Verbandes, René Hornung, die Situation. «Der Erfolg der medizinischen Überwachung ist darin zu sehen, dass die mütterliche und die kindliche Sterblichkeit noch nie so tief waren wie heute.» Das Angebot entspreche der «Erwartungshaltung der Bevölkerung». Untersuchungen und Therapien würden zudem «nicht über den Kopf der Patientin hinweg veranlasst».

Keine Ja-Nein-Antworten

Die Untersuchungsergebnisse liefern häufig keine Ja-Nein-Antworten, nur Wahrscheinlichkeiten. Tatsache ist laut Franziska Wirz, Leiterin der unabhängigen Zürcher Beratungsstelle Appella: «Risiken werden massiv überbewertet. 70 bis 80 Prozent aller Schwangerschaften werden heute je nach Quelle als Risikofälle eingestuft.» Dabei betrage die statistische Wahrscheinlichkeit für ein Downsyndrom (Trisomie 21) beim Fötus einer 40-Jährigen gerade mal 1 Prozent. Mit anderen Worten: In 99 Prozent liegt keine Trisomie 21 vor. Aber Ärzte, Medizinaltechnik, Labors und Anbieter der genetischen Bluttests hätten ein Interesse daran. «Für mich», kritisiert Wirz, «ist das nichts anderes als Angst- und Geldmacherei.»

Gynäkologe Norbert Fetkenheuer nimmt kein Blatt vor den Mund: «Die Verängstigung der Schwangeren mit Statistiken und Wahrscheinlichkeiten ist problematisch.» Denn der Nutzen von häufigen Ultraschalluntersuchungen sei für Mutter und Kind «nicht nachweisbar». Es werde aber weiter geschallt, weil es die Patientinnen teilweise fordern. Klar gebe es Fälle, da finde man tatsächlich etwas und könne die notwendigen Massnahmen treffen. Bei einem offenen Rücken etwa, wo der Fötus ab der 23. Woche im Bauch operiert werde.

Aber, kritisiert der Experte, «wir müssen heute hauptsächlich mögliche Erkrankungen oder Gefährdungen mit Tests ausschliessen, welche die Schwangere gar nicht hat. Anders gesagt: Wir sammeln Beweise, dass die Frau gesund ist.»

Für ein gesundes Mass

So setzt die Pränataldiagnostik Frauen und Paare immer mehr unter Druck. Eltern stehen vor der Frage, ob sie besser mit einem Kind mit Behinderung oder mit dem oft traumatisierenden Abbruch einer Schwangerschaft leben könnten. «Eine schier unmögliche Entscheidung», sagt Franziska Wirz. Dies deshalb, weil die Pränataldiagnostik meist kaum Aussagen zulasse über den Schweregrad und die Ausprägung einer drohenden Behinderung.

Triemli-Chefärztin Stephanie von Orelli plädiert für ein gesundes Mass bei Vorsorgeuntersuchungen. Und auch Franziska Wirz rät Schwangeren, sich durch die «permanente Fahndung nach Abweichungen von der Norm» nicht drangsalieren zu lassen. Am wichtigsten aus ihrer Sicht wäre es, die Information und die Beratung vonseiten der Gynäkologen zu verbessern. «Wenn nämlich am Anfang des Gesprächs die Frage gestellt würde: «Wie würden Sie mit einem auffälligen pränataldiagnostischen Resultat umgehen? Was wären die Konsequenzen?» Denn wenn ein Schwangerschaftsabbruch nicht infrage komme, machten die Tests keinen Sinn, ausser die Eltern wollten sich auf ein Kind mit Trisomie 21 vorbereiten. «Für aufklärende Gespräche aber», sagt Wirz, «braucht es mehr Zeit als die für einen Arzt abrechenbaren 20 Minuten.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.11.2018, 21:18 Uhr

Schwangerschaftsvorsorge: Die Kassen zahlen mindestens sieben Kontrollen

Die Krankenpflege-Leistungsverordnung definiert, dass bei normal verlaufenden Schwangerschaften sieben Kontrollen und zwei Ultraschalluntersuchungen gemacht werden können. Die Ultraschallmessungen werden zwischen der 11. und der 14. sowie zwischen der 20. und der 23. Schwangerschaftswoche vorgenommen und von der Krankenkasse bezahlt. Besteht eine Risikoschwangerschaft, können im Ermessen des Arztes weitere Untersuchungen stattfinden.

Die Ultraschalluntersuchungen dienen zur Bestimmung des Geburtstermins, zur Kontrolle des Wachstums des Ungeborenen und zum Ausschluss von Eileiterschwangerschaften, zur Erkennung von Mehrlingsschwangerschaften, zur Kontrolle der Organfunktionen (ab 19. Schwangerschaftswoche), zur Kontrolle der Lage des Mutterkuchens (Plazenta), zur Kontrolle der Versorgung des Ungeborenen durch die Plazenta (mit Doppler-Ultraschall), aber auch zur Abklärung eventueller Fehlbildungen. Der Einstieg in die Pränataldiagnostik bildet die Nackenfaltenmessung zur Trisomie-Risikoerfassung und zur Suche nach Herzfehlern. Zusammen mit den mütterlichen Blutwerten sowie dem Alter der Frau kann mithilfe eines Computerprogramms ein statistischer Risikowert für ein Kind mit Trisomie 21, einer anderen Chromosomenabweichung oder mit einem Neuralrohrdefekt errechnet werden.

Seit Angang 2017 können schwangere Frauen entscheiden, ob sie die Vorsorgeuntersuchungen von einer Hebamme anstelle einer Ärztin oder eines Arztes durchführen lassen wollen, inklusive zweier Ultraschalluntersuchungen durch einen Arzt. Die Schwangere entscheidet selbst über parallel geführte Arztkonsultationen. Welche Tests gemacht werden, entscheiden werdende Eltern selber. Die Schwangerschaftsberatungsstelle Appella hält fest: Schwangere sind nicht verpflichtet, pränatale Untersuchungen vornehmen zu lassen, und sie haben ein Recht auf Nichtwissen. Laut Appella werden etwa 70 Prozent aller Schwangerschaften abgebrochen, wenn Trisomie 21 diagnostiziert wird. (roc)

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