Das Frauenbild der Flüchtlinge

Güzin Kar über das Outsourcen des Bösen.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Keystone

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Ein Mann ermordet in Deutschland eine Frau. Der Mann ist Flüchtling. Ein Blatt titelt: «Wir müssen über das Frauenbild der Flüchtlinge reden», und alle reden es nach. Ein Mann erschiesst Schwiegereltern, Schwager, einen Nachbarn und sich selbst. Alle sind Schweizer. Man nennt die Tat «Familiendrama». Niemand möchte über das Familienbild von Schweizern reden. Ein Mann ermordet in Finnland drei Frauen. Der Mann war weder Flüchtling, noch mit einer der Frauen liiert. Was soll man hier bloss titeln? Ein müdes «Mann erschiesst Bürgermeisterin und zwei Journalistinnen» muss genügen.

Es geschah vorige Woche, und der Fall ist schon vergessen. Ein ganz gewöhnliches Verbrechen an Frauen, wie es in Europa täglich geschieht, ist doch keine Geschichte. Meine Güte, Frauen werden halt ermordet, so was kommt in den besten Familien und wohlhabendsten ­Ländern vor, aber deswegen gleich hysterisch werden und über Frauenbilder von Schweizern, Deutschen, Finnen reden wollen?

Und mal ehrlich, sind die Frauen nicht auch ein klein wenig selber schuld, wenn sie provozieren? Ein Mann ermordet eine Frau. Opfer und Mörder waren miteinander verheiratet. Ein Blatt titelt: «Streit beim Kofferpacken endet blutig». Da hat einer seine Frau mit einem Hammer erschlagen, «weil sie wegen des Reisegepäcks meckerte». Endet blutig, klingt eher nach einem perfekt zubereiteten Steak als nach einem Mord. Und es ist nicht etwa das Leben der Frau, das endet, sondern der Streit. Männer mögen keinen Streit, und dieser arme Kerl hier musste seine meckernde Frau abstellen und stellte versehentlich deren Leben ab. Mit einem Hammer. So kanns gehen, wenn man gestresst ist.

Täglich werden in der Schweiz, in Deutschland, Spanien, Finnland und in allen anderen Ländern Frauen durch ihre Partner umgebracht. Diese Morde heissen Streit, Familiendrama, erweiterter Suizid. Aber jetzt bloss keine Verallgemeinerungen. Weshalb sollte man rechtschaffene Männer einem Generalverdacht aussetzen? Und ist nicht jeder Mord schrecklich, egal ob an ­Männern oder Frauen, und ist es nicht so, dass die Menschen einfach wieder mehr miteinander reden sollten? Lasst uns Kerzen anzünden und über das Frauenbild von Flüchtlingen reden.

Das weisse Europa muss sich seiner selbst versichern, seine wacklige Identität behaupten, indem es alles Böse von sich weist, auslagert, outsourct. Funktioniert sonst auch bestens. Kinderehen kommen nur bei Eingewanderten vor. Die Thai-Touristen wissen, dass man nicht gleich jedes Kind heiraten muss, an dem man sich sexuell vergeht. Und die Kinder werden doch dafür bezahlt und helfen mit dem bisschen Geld ihren Familien. So zieht jeder seinen Vorteil aus der westlich geduldeten Form der Pädophilie, und niemand sollte hier meckern.

Lasst uns stattdessen über das Frauenbild der Flüchtlinge reden. Denn das sind doch die alten Säcke mit den kleinen Kindern. Das sind doch die mit der Angst vor starken Frauen. Wir müssen die Gesetze verschärfen. Wir müssen uns wappnen gegen schlechte Frauenbilder, die von aussen hereingetragen werden. So können wir uns ein­reden, dass von den 17 Sexualdelikten, die täglich in der Schweiz gemeldet werden, deren 16 von Flüchtlingen begangen werden. So können wir auch ausblenden, dass gemäss einer neulich veröffentlichten Studie 27 Prozent aller Europäer Sex ohne Einverständnis, also Vergewaltigung oder Nötigung, in Ordnung finden. Lasst uns stattdessen über das Frauenbild der Flüchtlinge reden.

Güzin Kar ist Drehbuchautorin und Filmregisseurin. www.guzin.ch (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.12.2016, 15:07 Uhr

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