Bundesrat will importierte Esswaren auf Glyphosat prüfen

Das Pflanzengift steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Der Bundesrat will nun klären, wie es hierzulande ins Essen gelangen kann. Kritiker fordern mehr.

Der Einsatz von Unkrautvernichtern in der Landwirtschaft ist weit verbreitet. Foto: Yasuyoshi Chiba (AFP)

Der Einsatz von Unkrautvernichtern in der Landwirtschaft ist weit verbreitet. Foto: Yasuyoshi Chiba (AFP)

Stefan Häne@stefan_haene

Am meistverkauften Unkrautvernichter der Welt hat sich eine heftige Debatte entzündet. Seit das Krebsforschergremium der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Glyphosat letztes Jahr als «wahrscheinlich krebserregend» taxiert hat, streiten Fachleute darüber, wie gefährlich das Mittel ist – auch in der Schweiz, wo jährlich etwa 300 Tonnen versprüht werden. Im Kern geht es ums Vorsorgeprinzip: Gehört ein Wirkstoff verboten, solange nicht zweifelsfrei nachgewiesen ist, dass er unbedenklich ist? Oder soll er zugelassen bleiben, solange nicht sicher belegt ist, dass er ein Risiko darstellt?

Diese Fragen beschäftigen auch die Politik. Die nationalrätliche Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) sieht die Schweizer Bevölkerung «gefährdet», da Rückstände von Glyphosat im Wasser oder in Lebensmitteln vorkommen könnten. Im Rahmen verschiedener Studien in der Schweiz sind laut WBK in rund 40 Prozent der Urinproben Glyphosat-Rückstände gefunden worden. Beim Bundesrat stösst die Kommission auf offene Ohren. Die Regierung hält es für «sinnvoll», eine Studie durchzuführen; dies zeigt ihre Stellungnahme zu einem Postulat der Kommission, die sie Ende Januar veröffentlicht hat, bislang aber kaum beachtet worden ist.

Das federführende Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) will mit der Studie klären, wie Rückstände von Glyphosat in Lebensmittel gelangen können, wie häufig sie in der täglichen Nahrung vorkommen und in welchem Zusammenhang dies mit den gefundenen Glyphosat-Spuren im Urin steht. Untersuchen wollen die BLW-Experten insbesondere Importprodukte. Dies, weil in der Schweiz der Einsatz des Pestizids auf reifen Ernteprodukten untersagt sei und so kaum eine Frucht, Gemüse oder Getreide je in Kontakt damit komme.

Datenlücken bei Schwangeren

Die grüne Nationalrätin Maya Graf begrüsst diesen Schritt zwar; in der WBK hat sie aber eine weitergehende Massnahme vorgeschlagen: ein nationales Forschungsprogramm mit dem Ziel, die Langzeitauswirkungen von Glyphosat zu untersuchen. Ihr Antrag scheiterte jedoch. Die Toxikologin Margret Schlumpf bedauert das: «Es ist wichtig, die Glyphosat-Belastung der Normalbevölkerung genauer abzuklären.» Im Gegensatz zu anderen Pestiziden sei die Entwicklung der Belastung weitgehend unbeobachtet verlaufen, sagt Schlumpf, die bei der Firma Greentox Zürich arbeitet, einem Spin-off der Universität Zürich. Besonders vernachlässigt seien Daten für schwangere Frauen, für Neugeborene und Kleinkinder sowie für Föten und Embryonen. Ein nationales Forschungsprogramm könne kombiniert mit internationalen Forschergremien helfen, mehr Klarheit zu schaffen.

Doch die Mehrheit der WBK sieht das anders. SVP-Nationalrat Peter Keller findet, für Konsumenten sei es primär wichtig zu wissen, ob überhaupt und in welchen Mengen Glyphosat in Lebensmitteln nachweisbar sei. «Ansonsten jagen wir einem Phantom hinterher.» Ob bestimmte Stoffe krebserzeugend seien, sei wissenschaftlich schwer nachzuweisen, gibt Keller zu bedenken. «Und wir reden hier nicht vom Rauchen. Regelmässig flattern ähnlich gelagerte Geschichten durch die Medien.» Mal werde Kopfsalat, mal rohes, mal gegrilltes Fleisch verdächtigt, krebserregend zu sein.

Bundesämter im Dissens

Glyphosat polarisiert auch in der Bundesverwaltung. Das BLW und das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) haben den Befund des WHO-Krebsforschergremiums überprüft. Wie die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit halten sie eine krebserzeugende Wirkung für unwahrscheinlich. Die Methodik, welche die WHO-Experten angewendet haben, stellt Eva Reinhard, stellvertretende BLW-Direktorin, nicht infrage. Sie relativiert aber das Resultat, das sich daraus ergibt: «Unter Anwendung dieser Methode sind Alkohol und verarbeitetes rotes Fleisch gar als krebserregend einzustufen.» So wenig wie aber bei diesen zwei Lebensmitteln ein Verbot zur Debatte stehe, so wenig sei es für das BLW und BLV im Moment ein Thema, die Anwendung von Glyphosat zu untersagen. Anders das Bundesamt für Umwelt (Bafu). Angesichts der Unsicherheiten und Datenlücken hält es das Bafu für sinnvoll, die Zulassungen von Glyphosat-haltigen Produkten neu zu überprüfen und falls nötig ein Verbot auszusprechen. Auch sein Pendant in Deutschland, das Umweltbundesamt, sieht ungeklärte Risiken, speziell bei Kindern.

Für die Stiftung für Konsumentenschutz hingegen ist der Fall auch ohne weitere Tests klar: Es braucht ein Verbot für den Verkauf und Einsatz von Glyphosat in der Schweiz – sofort. Mit den Ärztinnen und Ärzten für Umweltschutz und Greenpeace haben die Konsumentenschützer letzte Woche in Bern eine Petition eingereicht; 25'000 Menschen haben die Forderung unterzeichnet.

Tages-Anzeiger

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