Bei Anruf Tor (oder vielleicht auch nicht)

Was der Einsatz von Videoschiedsrichtern am Confed Cup in Russland beweist.

Eduardo Vargas freut sich über den Videobeweis. Foto Kai Pfaffenbach (Reuters)

Eduardo Vargas freut sich über den Videobeweis. Foto Kai Pfaffenbach (Reuters)

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Was ist eine Minute? Kaum der Rede Wert für eine Islandmuschel, die über 500 Jahre alt werden kann. Andererseits verdammt wertvoll für die ­gemeine Rheinmücke, deren Leben rund 40-mal 60 Sekunden dauert.

Als der Chilene Eduardo Vargas am Confed Cup in Russland gegen Kamerun zwei Tore schiesst, muss er jeweils eine Minute und meistens auch noch ein paar ­Sekunden warten. Danach erst steht fest, ob er zurecht wie ein Heinzelmännchen auf Speed wild jubelnd umhergerannt ist. In der Zwischenzeit überprüfen in einem Raum drei ­Männer vor vier Bildschirmen, ob dem Tor nicht eine Regelwidrigkeit ­vorangegangen ist. Am Confed Cup gilt: Bei Anruf Tor. Oder vielleicht auch nicht; wie bei Vargas’ erstem Treffer.

Der Videobeweis sorgt nicht für mehr Respekt vor dem Referee-Pfiff. Er kann dem Spiel aber die Emotionen nehmen.

Der Chilene wirkt auf den TV-Bildern jeweils etwas verloren, wie er da auf das Verdikt des Video Assistent Referees (VAR) warten muss. Und wer gedacht hat, der gemeine Fussballprofi akzeptiere einen Entscheid schneller, wenn der durch einen Videobeweis erbracht wurde, wird auch eines Besseren belehrt. Die Chilenen sehen auf dem Gang in die Pause im gestenreich geführten Gespräch mit dem Schiedsrichter durchaus Argumentationsspielraum.

Genau darum sind die nun laufenden Tests wertvoll. Weil sie sichtbar machen, was der Videobeweis mit dem Fussball anstellt – und was nicht. Er sorgt – zumindest vorerst – nicht für mehr Respekt vor den Pfiffen des Schiedsrichters. Er kann dem Spiel aber sehr wohl einen Teil der Emotionen nehmen.

Eine Minute Unendlichkeit

Niemand darf etwas dagegen haben, wenn wie an der U-20-WM eine ­versteckte Tätlichkeit dank Video­aufnahmen nach ein paar Minuten doch noch mit Rot bestraft wird. Aber weil die meisten spielentscheidenden Szenen halt Tore sind, wird der Video-Assistent dort auch am häufigsten zum Einsatz kommen.

Und bei den in Russland untersuchten Toren zeigt sich: Der Fussballfan ist von seinem Wesen her mehr Rheinfliege denn Islandmuschel. Eine ­Minute, in der er nicht weiss, ob das nun ein Tor war oder nicht, zerdehnt sich für ihn zur Unendlichkeit. Wer liegt sich schon jubelnd in den Armen, bremst sich dann, wartet eine Minute – und bricht dann nochmals in den­selben, spontanen Jubel aus? Nicht mal Eishockeyfans – Overtime-Tore in der Finalserie ausgenommen. Und sie sind es sich ja gewohnt, dass Treffer noch einmal am Video angeschaut werden.

Von daher ist es eine steile Behauptung, wenn Fifa-Präsident Gianni Infantino nach den ersten Spielen sagt: «Es geschieht endlich das, worauf die Fans auf der ganzen Welt gewartet haben.» Denn nein, natürlich haben die Zuschauer nicht darauf gewartet, dass sie jeweils eine Minute im Ungewissen gelassen werden. Sie haben auf Gerechtigkeit gehofft – und die, dachten sie, komme jeweils in Sekundenschnelle.

So, wie es derzeit aussieht, ist das aber Wunschdenken. Und so müsste es in einem Jahr noch einmal eine grosse Auslegeordnung geben. Dann, wenn der Videoassistent auch in ­grossen Wettbewerben wie der ­Bundesliga, also sozusagen im Alltag, getestet ist.

Möglich, dass die Videohilfe bis dann um einiges schneller geworden ist. Ganz sicher muss sie im Stadion und an den TV-Schirmen jeweils im Moment selber viel besser moderiert werden. Vielleicht, indem die Gespräche der Schiedsrichter übertragen werden. Sicher hilfreich wäre, sofort einzublenden, worüber denn nun diskutiert wird – und wer die Überprüfung angeordnet hat: der Schiedsrichter, der Mann am Video, der Linesman?

Begeisterter Infantino

Bleibt der Videobeweis aber in dem Format, in dem er derzeit durch­gespielt wird, dann muss sich die Fussballwelt noch einmal grundsätzlich unterhalten. Die Frage müsste dann sein: Wollt ihr sicher sein, dass euer Team nie mehr ein Abseitstor erhält? Oder möchtet ihr spontanen Jubel oder Frust – und die nachfolgenden emotionalen Diskussionen?

Aber zieloffene Gespräche mögen sie bei der Fifa traditionellerweise eher nicht so gern. Also stellt Infantino bereits in der frühesten Testphase fest: «Der Videoassistent ist die Zukunft des Fussballs.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2017, 21:46 Uhr

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