Auserwählt, eingeflogen, frustriert

2200 syrische Flüchtlinge konnten bisher direkt in die Schweiz einfliegen. Das macht die Ankunft nicht unbedingt einfacher, wie die Geschichte von Shabaan Alsayed Ali zeigt.

In Syrien leitete Shabaan Alsayed Ali eine Schule, in der Schweiz fehlt ihm eine Aufgabe. Foto: Doris Fanconi

In Syrien leitete Shabaan Alsayed Ali eine Schule, in der Schweiz fehlt ihm eine Aufgabe. Foto: Doris Fanconi

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Shabaan Alsayed Ali sitzt auf dem abgenutzten Sofa in seinem Wohnzimmer und zündet sich eine Zigarette an. Er greift nach der Fernbedienung, zappt von einem Fernsehsender zum nächsten, sucht nach Nachrichten aus Syrien. Er findet keine. Er zündet die nächste Zigarette an. Er blättert in seinem blauen Notizheft mit den vielen deutschen Wörtern, die Buchstaben ergeben keinen Sinn, er klappt das Heft wieder zu. Er steht auf, kniet nieder, betet. Sitzt wieder ab. Draussen, im schaffhausischen Stein am Rhein, regnet es.

Die grauen Stunden ziehen sich in die Länge an diesem Donnerstagnachmittag. Seine Frau ist am Deutschtreff, die Kinder sind in der Schule und bei der Arbeit. Nur Alsayed Ali wartet. Und wartet. «Ich denke nach, weil ich niemandem zum Reden habe», sagt er. «In meinem Kopf drehen sich die Gedanken.»

Früher, da waren die Tage zu kurz für all das Leben, das hineinpassen musste. Früher, in Binesh, in Syrien. Da steht ­Alsayed Ali um fünf Uhr morgens auf, steigt in seinen Hyundai Avante und fährt über holprige Strassen zum Obsthain, der seiner Familie gehört. Dort wässert er in den kühlen Morgenstunden die Aprikosen- und Feigenbäume, pflückt ein paar Früchte und fährt danach ins Stadtzentrum von Aleppo zu seiner Schule. Zwei Stockwerke, 600 Schüler und mittendrin er: der Schul­direktor. Alsayed Ali ist ein gefragter Mann. Die Schüler, die Lehrer, die ­Eltern, alle wollen etwas von ihm. Er vermittelt bei Konflikten, sucht Stell­vertretungen, schreibt Rechnungen.

Der soziale Abstieg macht ihm zu schaffen: Shabaan Alsayed Ali. Foto: Doris Fanconi

Abends kommt er müde, aber zufrieden nach Hause und setzt sich mit seiner Familie zum Abendessen hin, während draussen die Hühner gackern und im Garten die Blumen blühen.

Keine Zeit zur Angewöhnung

Shabaan Alsayed Ali, seine Frau und die sieben Kinder sind 9 von rund 2200 Resettlement-Flüchtlingen aus Syrien, welche die Schweiz seit 2013 aufgenommen hat. Bis 2019 sollen es 3500 sein. Das Programm zielt auf besonders verletzliche Personen ab, die in Syriens Nachbar­ländern Libanon und Jordanien Zuflucht ­gesucht haben: Frauen und Familien, Kranke, Traumatisierte und Behinderte.

Geht es nach Bundesrätin Simonetta Sommaruga (SP), soll die Schweiz künftig auch Flüchtlinge direkt aus Krisenstaaten aufnehmen. Bereits fest steht die Aufnahme von maximal 80 Personen aus libyschen Flüchtlingslagern. Die Hälfte davon traf letzte Woche in der Schweiz ein.


Video: Warten auf Asyl

Für die Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos bleibt die Lage angespannt. (Video: Reuters/Tamedia)


Dank dem Resettlement-Programm fällt die lebensgefährliche Reise über das Mittelmeer weg; stattdessen fliegen die Syrer mit dem Flugzeug direkt in die Schweiz. Da ihr Status als Flüchtlinge feststeht – das UNO-Flüchtlingshilfswerk klärt dies vor Ort ab –, durchlaufen sie hierzulande kein Asylverfahren mehr.

Doch die plötzliche Ankunft in der Schweiz hat ebenfalls ihre Tücken. Das sagt Andi Kunz, Leiter der Flüchtlingsbetreuung im Kanton Schaffhausen. «Die grösste Schwierigkeit besteht darin, dass die Menschen keine Angewöhnungszeit haben.» Wer, wie die meisten Asylsuchenden, in der Schweiz erst ein paar Monate auf den Entscheid warten muss, kann sich langsam an das System herantasten: ein paar Brocken Deutsch aufschnappen, die Schweizer Kultur kennen lernen, die hiesige Arbeitsweise. Nicht so die Resettlement-Flüchtlinge, die innerhalb von wenigen Stunden von einer Welt in die andere fliegen.

«Viele haben extrem hohe Erwartungen, bevor sie hierherkommen.» Andi Kunz, Leiter Flüchtlingsbetreuung Schaffhausen

Auch an den Gedanken, dass sie nach der Flucht bei null anfangen, müssten sie sich erst gewöhnen. «Viele haben extrem hohe Erwartungen, bevor sie hierherkommen», sagt Andi Kunz. Das erklärt sich auch durch das Auswahlprozedere: «Weil sie von Hunderttausenden Geflohenen ‹auserwählt› wurden, nach Europa zu kommen, haben einige den Eindruck, als Staatsgast eingeladen zu werden.» Beamte des Staatssekretariats für Migration erklären den Flüchtlingen zwar vorab, was sie in der Schweiz erwartet. Dennoch ist die Fallhöhe zwischen Erwartung und Realität bei einigen gross. «Sie merken dann, dass die Integration nicht schneller geht, nur weil man eingeflogen wird», sagt Kunz. Das biete ein gewisses Frustpotenzial. Gerade, wenn die Menschen in ihrer Heimat zur Mittelklasse gehörten, sich hier aber als Sozialhilfebezüger wiederfinden.

Mehr Geld für die Integration

Auch Alsayed Ali macht der soziale Abstieg zu schaffen. Er beteuert, wie dankbar er für die Aufnahme sei. Dankbar dafür, dass seine Familie in der Schweiz in Sicherheit ist. Dennoch begleitet ihn die Enttäuschung über das Leben, das er hier führt, wie ein dunkler Schatten. Er hatte sich so viel mehr erhofft von diesem Neustart, als er vor drei Jahren mit seiner Familie von Beirut nach Zürich flog. «Ich wollte nach Genf zur UNO gehen und den Leuten erklären, was in Syrien passiert», sagt er. Doch für die Reise dorthin fehle ihm das Geld. Auch in Stein am Rhein fällt es ihm schwer, Anschluss zu finden. Das mit dem Deutsch will nicht richtig klappen, der Sprachkurse zum Trotz. «Ich lese die Wörter und vergesse sie gleich wieder», sagt der 58-Jährige.

Gerade weil es sich um verletzliche und ältere Personen handelt, erhalten die Resettlement-Flüchtlinge zusätzliche Unterstützung. Für die erste Gruppe von Flüchtlingen zahlte der Bund den Kantonen einmalig 22'000 Franken pro Person, inzwischen sind es noch 11'000 Franken. Zum Vergleich: Bei «normalen» Flüchtlingen beläuft sich die Integrationspauschale auf 6000 Franken, wobei die tatsächlichen Kosten laut Kantonen dreimal so hoch ausfallen.

Mit dem zusätzlichen Geld finanzieren die Kantone Informationsveranstaltungen, Sprachkurse, Praktika oder spezielle Massnahmen für die berufliche Eingliederung von Traumatisierten. All dies führt dazu, dass die Integration ziemlich hochtourig beginnt. Eine weitere Eigenheit sind die sogenannten Coaches. In den ersten Jahren ist immer dieselbe Person für die Betreuung der Flüchtlinge zuständig.

«Mein Herz und mein Kopf sind in Syrien. Das ist meine Heimat.»Shabaan Alsayed

Trotz kritischer Punkte hält Kunz das Resettlement-Programm für sehr sinnvoll. Auch, weil es sich an verletzliche Menschen richte. Damit erhielten nicht nur junge, starke Männer eine Chance. Der entscheidende Vorteil aber liege in der engeren Begleitung. «Jene Flüchtlinge, die kommen, sind sehr motiviert», sagt Kunz. «Schafft man es, sie in diesem Moment abzuholen, ist vieles möglich.»

Das beste Beispiel dafür ist Naim, Shabaan Alsayed Alis Sohn. Vor rund drei Jahren mit seiner Familie in die Schweiz gekommen, spricht der 20-Jährige fliessend Schweizerdeutsch. Auch eine Lehre hat er bereits begonnen: als Hochbauzeichner. Damit, so hofft Naim, kann er eines Tages beim Wiederaufbau in Syrien mithelfen. Und später wieder in die Schweiz zurückkommen.

Sein Vater Shabaan hingegen träumt von der Rückkehr nach Syrien. Dass das schwierig wird, weiss er. Sein Dorf ist nach sieben Jahren Krieg weitgehend zerstört, das Haus seiner Familie ebenfalls. Er wird es abreissen und neu aufbauen müssen. Zurück will Alsayed Ali dennoch. «Mein Herz und mein Kopf sind in Syrien. Das ist meine Heimat.»

Der Traum: Ein Schrebergarten

Bis es so weit ist, verbringt der Familienvater so viel Zeit wie möglich im Garten einer Nachbarin, die ihm beim Säen und Jäten freie Hand lässt. Dorthin macht er sich nun auf, seine Schritte plötzlich ­federnd und weit ausholend. Im Garten angekommen, zeigt er stolz auf die Beete und Stauden, die für den Moment noch braun und wintermüde daliegen. Hier werde er Bohnen anpflanzen, sagt er. Und dort Zwiebeln. «Jetzt», sagt Alsayed Ali hoffnungsvoll, «jetzt muss nur noch der Frühling kommen.» Dieser Wunsch hat sich inzwischen erfüllt. Und vielleicht erfüllt sich bald schon auch der zweite: ein eigener Schrebergarten. Dort will Shabaan Alsayed Ali dann ­Tomaten anpflanzen. Und Lauch. Und, natürlich: möglichst viele Blumen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2018, 18:55 Uhr

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