Auf dem Liebesmarkt

Güzin Kar über amouröse Probleme und die Angst vor dem Unplanbaren.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Keystone

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Einer der sonderbarsten Begriffe ist Liebesmarkt. Wenn man sein Vermögen in Kaffeebohnen oder Schrauben anlegen kann, so muss es doch auch einen Markt für die Liebe geben. Mich erinnert diese Sichtweise an die ersten Rechenbücher in der Schule, jene, in denen die Aufgaben mit Zeichnungen illustriert waren. Wo sonst als in Mathebüchern kaufen Menschen 21 Melonen vom Markt? Oder einen Kuchen, den sie in 38 exakt gleich grosse Stücke teilen müssen, weil sie 37 Freunde eingeladen haben, wovon keiner Diabetiker oder Glutenunverträglicher ist?

Genauso seltsam erscheinen mir die Rechnungen und Prämissen rund um den sogenannten Liebesmarkt. Da sind 38 Frauen und nur drei Männer. Was müssen die Frauen tun, um an einen der Männer zu kommen? Antwort: mit den Haaren spielen (evolutionäres Rapunzelsiegel für Bindungswilligkeit), nicht allzu erfolgreich scheinen, eine Taille haben (optischer Hinweis auf gute Eierstöcke), sich interessiert geben (Egoschmiere fürs Gegenüber), den Hals präsentieren (Schiessbefehl des Wildes an den Jäger), selbstbewusst, aber nicht arrogant sein (da übersieht der Mann sogar die Zellulite), nicht herumfuchteln (keine gute Mutter) und nicht vom Ex-Freund erzählen. Oder umgekehrt: Auf einer Party lungern 38 Single-Männer und nur eine Frau herum, die aber bereits mit einem Nichtanwesenden liiert ist, von dem behauptet wird, er sei ein Schlufi und der Frau gänzlich unwürdig. Welche verführungstechnischen Möglichkeiten bleiben den anwesenden temporär oder fest bindungswilligen 38 Junggesellen, wenn diese kein Duell mit dem eventuell verspätet auftauchenden Partner der Frau provozieren wollen? Antworten: Breitbeinig herumstehen (Eier brauchen Platz), mit tiefer Stimme reden (quasi aus den Hoden heraus), Getränke holen (als Rudeloberhaupt die Wasserstelle finden), nicht unterbrechen (Frauen hören sich gern selber zu), Komplimente machen (Sozialverhalten!) und nicht von der Ex-Freundin erzählen.

In etlichen Magazinen und Ratgebern wird zu solchen Tricks und Kniffen geraten, um sich auf dem Liebesmarkt möglichst gut zu verkaufen. Das Problem ist aber, dass diese Denkweise nicht aufgeht. Man kann sich nicht so und so verhalten und so und so geben, um am Ende ein Stück Liebe zu ergattern, so, als hätte man das einem zustehende Stück Kuchen bekommen. Eine Freundin, die seit 22 Jahren unfreiwilliger Single ist, sagte neulich ganz ernst: «Ich bin zu selbstbewusst für einen Mann.» Was für ein ungeheuerlicher Satz, der nichts über die Männer, aber viel über ihre Traurigkeit verrät. Es gibt keinen Markt, der das für Männer erträgliche Quantum an weiblichem Selbstbewusstsein vorgibt. Ich hätte die Freundin am liebsten in den Arm genommen und gesagt: «Wie traurig, dass du allein alt werden musst, obwohl du das gar nie wolltest. Irgendwelche Windungen und Drehungen im Schicksal haben es so ergeben. Und obwohl keiner schuld ist, ist es trotzdem fürchterlich und ungerecht. Aber es kann passieren, dass es morgen ganz anders aussieht.»

Auf dieselbe Weise wollte ich einen Arbeits­kollegen trösten, der als Grund für sein Alleinsein anführte, er sei eben nicht so der Schönredner, und Frauen wollten bekanntlich solche. Dass er alle anderen Frauen vermutlich nicht wahrnimmt, wagte ich ihm nicht zu sagen. Der Liebesmarkt ist eine Erfindung von Menschen, die Angst vor dem Unplanbaren haben. Gefühle werden nicht wie Kaffeebohnen und Schrauben verhökert. Sie passieren, wenn man den Zufall, diese Rechnung, die niemals aufgeht, ins eigene Leben einlädt.

Güzin Kar ist Drehbuchautorin und Filmregisseurin. www.guzin.ch (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.02.2017, 23:27 Uhr

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