Auch du, Juan Moreno?

Es ist unerträglich, wie der Entlarver des als Fälscher aufgeflogenen «Spiegel»-Journalisten Claas Relotius nun selber beschuldigt wird.

Auch ein Fälscher? Juan Moreno bei der Präsentation seines Buchs «Tausend Zeilen Lüge» in Berlin. Foto: Alexander Becher (EPA)

Auch ein Fälscher? Juan Moreno bei der Präsentation seines Buchs «Tausend Zeilen Lüge» in Berlin. Foto: Alexander Becher (EPA)

Andreas Tobler@tobler_andreas

Es klingt wie ein böser Witz: Der Fälscher Claas Relotius wirft seinem Entlarver Juan Moreno seinerseits Fälschung vor. Das entzauberte Reportage-Wunderkind geht also gegen jenen Reporter vor, der mit dem Fall Relotius einen der grössten Skandale im Journalismus aufdeckte.

Jetzt wird Moreno selbst der Lüge bezichtigt: «Mehr als 20 Stellen» in seinem Relotius-Buch würden «erhebliche Unwahrheiten und Falschdarstellungen» enthalten. Das sagt Relotius’ Anwalt – für die «Zeit» Anlass genug, um den Verdacht zu äussern, Moreno sei nicht ganz gefeit «vor der Ansteckungsgefahr, die vom Morbus Relotius ausgeht».

«Morbus Relotius». Also eine Relotius-Krankheit. Wirklich? Die «Zeit» räumt ein, dass unter den beanstandeten Passagen aus Morenos Bestseller auch «Petitessen» sind. Ins Feld geführt wird aber auch ein dicker Hund: Eine Sekretärin des «Spiegels» habe Relotius auf einem Fahrrad in Hamburg gesehen, obwohl dieser behauptete, er sei in einer Klinik in Süddeutschland in Behandlung. Das habe ein Kollege erzählt. Moreno genügt das, um die Fahrradszene als Schlussbild in sein Buch zu übernehmen.

Die Gleichsetzung mit Relotius ist problematisch: Es wird der Verdacht geschürt, Relotius’ Fälschungen könnten zu einer Art Epidemie werden.

Belegt werden soll mit dem Fahrrad fahrenden Relotius, dass der Fälscher auch nach seiner Entlarvung noch immer lügt. Das schreibt Moreno auch an anderer Stelle im Buch – ohne dass dies beanstandet wurde: «Relotius hat, auch nachdem er aufgeflogen war, gelogen», schreibt Moreno da. «Er hat nicht damit aufgehört. Nachweislich.»

Im Fall der Veloszene wird das Weiterlügen bestritten: Besagte «Spiegel»-Sekretärin habe Relotius nicht «zweifelsfrei» auf seinem Fahrrad erkannt; der Autor von «Tausend Zeilen Lüge» habe nie mit ihr gesprochen. Ist also auch er ein Fälscher? Moreno gab diesem Verdacht selbst Nahrung, als er meinte, er habe für die beanstandete Fahrradpassage gleich dreissig unabhängige Quellen, denn die Sekretärin habe es «allen erzählt».

Selbstverständlich soll Morenos Relotius-Bestseller auf Fehler abgeklopft werden, seine Arbeit und sein Verständnis des journalistischen Handwerks kritisch hinterfragt werden. Dennoch ist die Gleichsetzung mit Relotius problematisch: Die Relationen werden nicht gewahrt, und mit Rückgriff auf eine Ansteckungsmetapher wird der Verdacht geschürt, Relotius’ wiederholte Fälschungen könnten im Journalismus zu einer Art Epidemie werden, was all jene, die von der «Lügenpresse» schwadronieren, sicher gern lesen.

Das berechtigte Interesse an einer vollständigen Aufklärung wird zurückgestellt oder gar ignoriert. 

Wie fragwürdig die Gleichsetzung von Moreno und Relotius ist, wird auch dadurch deutlich, dass der einstige Starjournalist gemäss seinem Anwalt «erkennbar psychisch erkrankt» ist. Und Moreno? Egal, denn einige Journalisten sehen im Fall Relotius offenbar nur eine weitere «Story», der man mit einer Kurzschlussdiagnose einen «sexy» Dreh geben kann. Damit wird das berechtigte Interesse an einer vollständigen Aufklärung zurückgestellt oder gar ignoriert.

Claas Relotius schreibt zu Morenos Buch, er wolle nicht ablenken und werde sich «allem» stellen, «wofür ich verantwortlich bin». Dieses Statement ist Relotius’ erste öffentliche Äusserung zu seinem Fall. Daher kann schon jetzt gesagt werden, dass das Bewusstsein für seine eigene «grosse Schuld» bei ihm nicht mit entsprechend grosser Demut einhergeht – aber gleich die erste Möglichkeit zum Gegenangriff genutzt wird.

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