Am Schluss war das Geld weg – die Frau auch

Ein Zürcher Lottoschein holte gestern 157 Millionen. Ausgesorgt? Es kann auch schiefgehen, wie der Fall Werner Bruni zeigt.

Gewann viel, verlor mehr: Werner Bruni, Lottogewinner der Siebzigerjahre, mittlerweile verstorben.

Gewann viel, verlor mehr: Werner Bruni, Lottogewinner der Siebzigerjahre, mittlerweile verstorben.

(Bild: Keystone)

Thomas Widmer@ThomasWidmer1

Werner Bruni, ein Berner, war Hilfsarbeiter. Als er 1979 im Lotto 1,7 Millionen Franken gewann, verriet er das nur einem. Dem Chef. Der rief den «Blick» an, obwohl Bruni das nicht wollte. Bruni träumte von einem «Hüsli mit Gärtchen». Der Chef verkauft ihm stattdessen einen 1,9-Millionen-Mietwohnungs-Block mit angeblich garantierter Rendite. Bruni war per sofort verschuldet. Die Verwaltung der Immobilie überforderte ihn. Am Schluss war sein Geld weg. Die Frau auch.

«Einmal Millionär und zurück» heissen Brunis Memoiren, sie sind eine Fallstudie des Unglücks. Forscht man nach, erkennt man: Bruni ist nicht allein. Lottomillionen haben Dutzende Menschen ins Verderben getrieben. In die Isolation. Oder gar in den Tod. Die wenigsten Leute sind für den Umgang mit plötzlich einschlagenden Riesensummen gerüstet.

Und daher der dringende Aufruf: Ob Sie in Maur wohnen oder in Dietikon, in Hedingen oder in Marthalen – meiden Sie den Kiosk! Kaufen Sie keinen Schein für die Samstagsziehung! Lassen Sie sich nicht vom Glanz der verheissenen 43,8 Millionen Franken verlocken!

«Lottoschweine»

Der Deutsche Hans-Joachim Bubert gewann 1994 acht Millionen Mark. Der Vater war zufällig im Haus, als Bubert frohlockte, und erzählte die Nachricht brühwarm allen im Dorf. In Windeseile hatte Bubert 2,5 Millionen verschenkt an neu aufgetauchte Verwandte und Freunde. Beim Autohändler kaufte er sich einen Porsche, fuhr ihn aber nicht, weil er ihm zu luxuriös war. Mit der kleinen Baufirma ging es abwärts, die Kunden zahlten nicht mehr. Ihr Argument: «Du hast doch genug Geld.» Neider vergifteten Buberts Pony. Sein Hund erblindete, nachdem ihm Unbekannte Haarspray in die Augen gesprüht hatten. Die Kinder wurden in der Schule gehänselt: «Lottoschweine.»

Die schlimmsten fünf Gefahren, die mit einem Lottogewinn einhergehen:

Alkohol. Der Deutsche Lothar Kuzydlowski, ein arbeitsloser Teppichleger, gewann 3,9 Millionen Mark. Fortan nannte man ihn «Lotto Lothar». Als sein Vater und dann der Bruder starb, begann er zu trinken. Vier Jahre nach dem Lottogewinn starb er an einer Leberzirrhose. Ums Erbe stritten sich seine Ex-Frau und seine Geliebte.

Fehlinvestitionen. Jonathan Vargas gewann in den USA 35,3 Millionen Dollar, und das mit 19 Jahren. Er investierte ins Frauenwrestling, natürlich waren die Frauen nur leicht bekleidet. Die Idee funktionierte nicht richtig, Vargas war bald ruiniert.

Vertrauensseligkeit. Etta May Urquhart aus Kalifornien gewann 51 Millionen Dollar. Sie gab den Schein ihrem Sohn zur Kontrolle. Der behielt ihn und begann sogleich mit dem Geldverschleudern. Ein familienzerstörender Prozess folgte.

Fiese Verwandte. William Bud Post gewann, ebenfalls in Amerika, 16,2 Millionen Dollar. Kurz darauf heuerte sein Bruder einen Killer an, er wollte erben. Der Killer patzte, Post überlebte. Doch dann verklagte ihn seine Ex.

Gutes Herz. Billie Bob Harrell Junior aus Texas, der 31 Millionen Dollar gewann, spendete sehr viel Geld an Arme. An Thanksgiving verschenkte er zum Beispiel 480 Truthähne. Immer mehr Leute pumpten ihn an, machten Psychoterror, er musste mehrfach die Telefonnummer wechseln. Am Schluss erschoss er sich.

Bruch im Leben

Lottogewinne sind Brüche im Leben. Katastrophen, die sich als gute Nachricht tarnen. Unglücksmagneten. Können Sie schweigen wie ein Massengrab, auch gegenüber dem Göttikind und dem besten Freund seit der Schulzeit? Sind Sie ein Geldverwaltungsprofi (das Verwalten auslagern wäre heikel, denn jeder Banker oder Berater kann ein Betrüger sein)? Sind Sie fähig, nach aussen bescheiden aufzutreten und den eigenen Reichtum zu verschleiern? Sind Sie so reif wie ein 10 Jahre gelagerter Charakter-Bordeaux? Wenn all das zutrifft, dann und nur dann spielen Sie Lotto.

Trinken Sie für den Fünfliber besser einen Kafi oder ein Bier.So bleiben Sie gesund. So bleiben Sie am Leben.

Also. Gehen Sie ins Migros-Restaurant am Zürcher Limmatplatz oder ins Café Peter in Egg oder in den Hirschen in Trüllikon. Nehmen Sie den Fünfliber, den Sie für den Lottoschein bereits parat haben. Bestellen Sie mit dem Geld einen Kafi oder ein Bier. So bleiben Sie gesund, behalten ihre Freunde und riskieren nicht, Opfer einer Arsentorte zu werden, die die eigene Schwester mitbringt.

Das letzte Wort soll einer haben, der es wissen muss. Ein Amerikaner namens Jack Whittaker, der 315 Millionen Dollar gewann. Er wurde mehrfach verhaftet wegen Trunkenheit. Man verklagte, bestahl, betrog ihn. Er verlor seine Freunde und wurde, wie er selber findet, kaltherzig. Whittaker sagt: «Ich wünschte, ich hätte das Los damals zerrissen.»


Und wie gross ist die Gewinnchance beim Lotto überhaupt?

ETH-Mathematiker Martin Mächler rechnet an der Wandtafel vor.


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