Als die Uhr im Rucksack piepste

Der Vater von Ahmed Mohamed verklagt dessen Schule, weil sie ihn zu Unrecht verhaften liess.

Der Fall von Ahmed Mohamed machte weltweit Schlagzeilen. Foto: Keystone

Der Fall von Ahmed Mohamed machte weltweit Schlagzeilen. Foto: Keystone

Hans Brandt@tagesanzeiger

Ahmed Mohamed war 14 und wollte seine Lehrer beeindrucken. Er baute zu Hause eine elektronische Uhr: Sie passte in eine Schachtel für Stifte, mit einem Tigerbild auf dem Deckel. Doch als er seinem Technologie-Lehrer in Irving im US-Bundesstaat Texas sein Werk präsentierte, warnte dieser den Jungen: «Zeig das lieber niemandem.» Warum? Das wurde klar, als Ahmeds Rucksack im Englischunterricht piepste: Die Lehrerin geriet in Panik, meinte eine Bombe oder zumindest eine Bombenattrappe entdeckt zu haben. Der Schüler wurde abgeführt, mit Handschellen gefesselt, von der Polizei stundenlang verhört. Und drei Tage lang von der Schule ausgeschlossen.

Das war im September. Diese Woche hat Ahmeds Vater nun Klage wegen Diskriminierung gegen die Schule eingereicht und eine Entschädigung gefordert. Irving sei für seinen Rassismus bekannt, heisst es in den Gerichtsdokumenten. Ahmed sei so hart behandelt worden, weil er Muslim und Afroamerikaner sei. Die Schule erwiderte lediglich, dass man das Verfahren abwarten wolle.

Online grob beschimpft

Der Fall des erfinderischen Jungen, der wie ein Terrorist behandelt wurde, hatte weltweit Schlagzeilen gemacht. In sozialen Medien stellten sich mit dem Hashtag #IStandWithAhmed Zehntausende hinter ihn. Muslimische Verbände traten für Ahmed ein, renommierte Hochschulen ermutigten ihn, Hillary Clinton schrieb auf Twitter «Bastle weiter!», und Barack Obama lud ihn ins Weisse Haus ein. Bis heute wird Ahmed auf Facebook aber auch grob beschimpft. «Ich versuche, das zu ignorieren», sagte er. «Aber manchmal trifft es mich schon.»

Ahmeds Vater Mohamed Elhassan Mohamed ist kein Unbekannter: Er war schon in den 80er-Jahren aus dem Sudan in die USA gekommen und hatte sich in Texas als Geschäftsmann etabliert. Im Sudan trat er zweimal als Reformkandidat in Wahlen gegen den dortigen Herrscher Omar al-Bashir an. Nach dem Wirbel um seinen Sohn gab Mohamed seine Geschäfte in Texas auf. Mit Frau und sieben Kindern zog er nach Katar am Arabischen Golf. In den Ferien kamen sie jetzt in die USA zurück, um die Klage einzureichen.

Nur eine Wüste

«Katar ist langweilig», erzählte Ahmed. «Wir sind jetzt in einer Wohnung; ich habe keinen Bastelraum mehr wie in unserem Haus in Irving. Mir bleibt nur das Internet.» Die USA seien so vielseitig, schwärmte er – unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Landschaften. Katar, das sei nur Wüste.

Die vielseitigen USA wird er wenigstens partiell geniessen können. Ahmed hat Dutzende Einladungen erhalten, etwa zu Praktika bei Facebook und Twitter. «Ich möchte der Welt helfen», sagt er. «Wäre es nicht wunderbar, wenn meine Geräte wirklich zum Einsatz kämen?» Seinen Erfindergeist will er sich auf jeden Fall erhalten. Doch am Ende der Ferien geht es zurück in die Wüste von Katar.

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