China, die grössere Gefahr als Finanzblasen

Die ETH Zürich macht sich Sorgen um die Weltwirtschaft – im neusten Bericht ortet sie andere Bedrohungen als üblich.

Chinas Wirtschaftswachstum ist auf ein 30-Jahres-Tief gefallen.

Chinas Wirtschaftswachstum ist auf ein 30-Jahres-Tief gefallen.

(Bild: Keystone)

Jon Mettler@jonmettler

Das Finanzkrisen-Observatorium der ETH Zürich hat sich zum Ziel gesetzt, Spekulationsblasen rechtzeitig zu erkennen. Weltweit nutzen etwa 600 Institutionen die Analysen der Hochschule, darunter Banken, Pensionskassen und Staatsfonds.

Heute hat die ETH in Zusammenarbeit mit dem Spin-off Simag eine aktuelle Wasserstandsmeldung veröffentlicht: Demnach ist eine geringe Blasenbildung zwischen den verschiedenen analysierten Anlageklassen festzustellen. «Einzig für die S&P 500 VIX Futures sehen wir eine starke positive Blasenaktivität. Das bedeutet, dass der Markt anfälliger für plötzliche Volatilitätsschocks werden könnte», sagt Wirtschaftsprofessor Didier Sornette. Er ist der Direktor des Observatoriums.

Die VIX-Futures ermöglichen es Anlegern, auf heftige Veränderungen bei den Aktienkursen der 500 grössten börsenkotierten US-Unternehmen zu spekulieren - allerdings unabhängig von der Richtung und Niveau des Aktienkurses.

Folgen für die Schweiz

Bemerkenswert ist indes, dass sich die ETH aufgrund der Weltwirtschaftslage gezwungen sieht, im neuen Bericht auch auf volkswirtschaftliche Ansteckungsgefahren einzugehen. Dabei hebt die Hochschule vor allem die Bedeutung Chinas für die Welt hervor: Chinas Wirtschaftswachstum ist aufgrund interner Probleme, aber auch aufgrund der Verlangsamung des Welthandels auf ein 30-Jahres-Tief gefallen.

Schwäche sich ein derart grosser Markt ab, so geraten auch bedeutende exportorientierte Volkswirtschaften wie Deutschland unter Druck.

Von Deutschland aus könnte sich die Ansteckung leicht auf viele osteuropäische Länder ausweiten. Doch auch die Schweiz würde die Folgen spüren, denn Deutschland ist der wichtigste Abnehmer von Schweizer Exportprodukten.

Schliesslich kommt im Bericht die Frage nach der Rolle der Zentralbanken zur Sprache: So werde das Geld aus neuen Unternehmenskrediten weniger in die Realwirtschaft investiert als vielmehr für den Rückkauf eigener Aktien oder für den Erwerb von Finanzanlagen verwandt. Das werde solange anhalten, wie die Zinsen niedrig oder negativ blieben.

Dietmar Peetz vom ETH-Spin-off Simag warnt in diesem Zusammenhang, dass die Notenbanken durch ihre Zinspolitik immer mehr institutionelle Investoren zwingen, Illiquiditätsrisiken einzugehen: «Dass die Illiquiditätsprämien so tief gesunken sind, ist ein typisches Phänomen in der Spätphase des Kreditzyklus’.»

Was bringt das nächste Jahr?

Mit Blick auf die kommenden Monate hält die ETH Zürich fest: 2021 könne ein Jahr werden, in dem das Vermeiden der gefährlichsten Finanzblasen einen Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg machen könne. Viele Aktienindizes befinden sich auf oder in der Nähe von historischen Höchstständen. Aber die Märkte ringen damit, ihre Aufwärtsdynamik aufrechtzuerhalten.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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