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Niederlande verhängt Teil-Lockdown«Wenn sich nichts ändert, ist ein kompletter Lockdown unvermeidbar»

Der niederländische Premierminister Mark Rutte zeigt sich besorgt über die steigenden Neuinfektionen und Hospitalisationen in seinem Land – und schliesst auch einen erneuten Komplett-Lockdown nicht aus.

«Wir möchten keine Wiederholung davon, was wir bereits im Frühling erlebt haben»: Der niederländische Premierminister Mark Rutte verkündete am Dienstag in Den Haag neue Corona-Massnahmen.
«Wir möchten keine Wiederholung davon, was wir bereits im Frühling erlebt haben»: Der niederländische Premierminister Mark Rutte verkündete am Dienstag in Den Haag neue Corona-Massnahmen.
Foto: Bart Maat (EPA/Keystone) 

Die Niederlande haben die Corona-Massnahmen drastisch verschärft. Ministerpräsident Mark Rutte kündigte am Dienstag in Den Haag einen «Teil-Lockdown» an. Kneipen, Cafés und Restaurants werden geschlossen, und der Verkauf von Alkohol wird ab 20 Uhr verboten. Ausserdem dürfen die Bürger nur noch maximal drei Gäste pro Tag in ihren Wohnungen empfangen und sollen Bus und Bahn nur noch in dringenden Fällen nutzen. Premier Rutte kündigte auch eine allgemeine Maskenpflicht an für alle öffentlichen Räume wie Geschäfte, Museen oder Bibliotheken, bisher war dies nur eine dringende Empfehlung.

Rutte bezeichnete die neuen Massnahmen am Dienstag als «Hammer, mit welchem wir das Virus besiegen wollen». Und dieser Hammer müsse gross genug sein, so der Premierminister in der live im TV ausgestrahlten Pressekonferenz. «Wir möchten keine Wiederholung davon, was wir bereits im Frühling erlebt haben.»

Gesundheitsminister Hugo de Jonge begründete den Wiederanstieg der Fallzahlen mit der fehlenden Disziplin in Teilen der Bevölkerung. Manche Leute interpretierten Empfehlungen als etwas, dem man nicht folgen müsse, meinte De Jonge am Dienstag an der Pressekonferenz in Den Haag. «Hören wir auf, über Empfehlungen zu sprechen. Die Zeit der Unverbindlichkeit ist eindeutig vorbei.»

Die Restriktionen treten ab Mittwochabend in Kraft und gelten vorerst für vier Wochen. Nach zwei Wochen werde die Lage erneut überprüft. Wenn sich danach nichts an der Situation geändert habe, sei ein kompletter Lockdown «unvermeidbar», warnte Rutte. «Es liegt nun an uns allen selbst. Seien Sie realistische Niederländer und übernehmen Sie Verantwortung.»

Hospitalisationen schnell angestiegen

Die Niederlande verzeichnet, wie die meisten Länder in Europa derzeit, einen rasanten Anstieg von Corona-Neuinfektionen (lesen Sie dazu: Warum das Virus in Europa wieder auf dem Vormarsch ist). In den vergangenen sieben Tagen waren 252 Infektionen pro 100’000 Einwohner gemeldet worden. Am schlimmsten betroffen sind Amsterdam und Rotterdam mit je etwa 410 Infektionen pro 100’000 Einwohner. Fast in allen Regionen sei die Lage «alarmierend», sagte Rutte.

In der vergangenen Woche registrierte das Institut für Gesundheit und Umwelt (RIVM) fast 44’000 Neuinfektionen – 60 Prozent mehr als in der Vorwoche. Am Dienstag wurden rund 7400 Neuinfektionen gemeldet, rund 550 mehr als am Vortag. Damit wurde erstmals die 7000er-Marke überschritten.

Auch die Zahl der Patienten in Krankenhäusern und auf Intensivstationen steigt den Angaben zufolge schnell an. 34 Menschen waren am Dienstag nachweislich an Covid-19 gestorben, am Vortag waren 13 Todesfälle gemeldet worden. Seit Ausbruch der Pandemie gab es nachweislich im Land rund 190’000 Infektionen und 6631 Todesfälle.

Israels Komplett-Lockdown zeigt Wirkung

Als Antwort auf steigende Fallzahlen haben viele europäische Länder ihre Corona-Massnahmen wieder verschärft und sogar teilweise regionale (Teil-)Lockdowns angeordnet. So wurden etwa in der Gegend um Paris und Marseille Bars und Restaurants wieder geschlossen, nachdem die Fallzahlen in diesem Gebiet rasant angestiegen waren. Zu regionalen Lockdowns griff die Zentralregierung in Spanien. Sie riegelte vergangene Woche das stark betroffene Madrid und acht weitere Städte im Umland der Hauptstadt ab.

Doch zu solch strengen, landesweiten Restriktionen wie die Niederlande griffen bisher nur wenige Länder. Tschechien ist eines davon. Am Montag meldeten die Behörden 4635 neue Fälle und somit den höchsten Wert an einem Wochenende. In der Folge liess die Regierung Theater, Kinos, Museen, Galerien und Sportstätten am Montag wieder schliessen. Ministerpräsident Andrej Babis schliesst nach eigenen Aussagen einen zweiten Lockdown wie im Frühjahr nicht mehr aus.

Als erstes Land überhaupt ging Israel Mitte September in einen zweiten Total-Lockdown. Das Land verzeichnete in den vergangenen Monaten ebenfalls einen starken Anstieg der Infektionszahlen. Inzwischen sinken die Neuinfektionen gemäss Daten der John-Hopkins-Universität wieder (lesen Sie hier, was andere Länder aus den Fehlern Israels lernen können). Die Lockdown-Restriktionen wurden bis Sonntag verlängert. Die Regierung berät am Donnerstag über eine schrittweise Lockerung der Massnahmen, wie Ministerpräsident Benjamin Netanyahu in der Nacht auf Mittwoch mitteilte.

sho/SDA

26 Kommentare
    Matthias Kalt

    Ich war gerade beruflich eine Woche in Amsterdam - die Explosion der Fallzahlen ist kein Wunder. Vor allem die jüngere Generation kümmert sich einen Deut um Corona. Der abendliche Ausgang, Feiern, Trinken wird weiterhin zelebriert, Egoismus und Dummheit pur - den Preis dafür zahlen leider meistens andere Menschen.