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Glosse zum HobbykochenDie Zeit der kulinarischen Demütigung

Wer kochen kann, zeigt das gern in den sozialen Medien. Schluss damit. Aus Rücksicht auf jene, die nicht kochen können.

Ist ja nur eine Suppe, ganz einfach zu kochen. Denken Sie!
Ist ja nur eine Suppe, ganz einfach zu kochen. Denken Sie!
Foto: Getty Images

Das Wochenende ist vorbei, die Laune schlecht. Nicht wegen der Arbeit, sondern aufgrund dessen, was ich zwischendurch auf den sozialen Medien gesehen habe. Die Corona-Krise spornt Hobbyköchinnen und Feierabendbäcker zu Höchstleistungen an. Auf Instagram sieht man nur noch zauberhafte Mahlzeiten und kunstvoll verzierte Cupcakes.

Wissen Sie eigentlich, wie demütigend das ist, wenn man nicht kochen kann?

Das Gemüse verkocht, der Reis angebrannt, die Kräuter, die man hätte obendrauf streuen wollen, sind schon wieder lampig. Da hilft kein Filter.

«Aber koch doch einfach nach Rezept, ist doch ganz einfach», höre ich jene sagen, die mir keinen Glauben schenken wollen. Das ist so, wie wenn ich Leuten, die Mühe haben, E-Mails, geschweige denn ganze Texte zu schreiben, sagen würde: Ganz einfach, das mit dem Schreiben. Du setzt dich einfach vor den Bildschirm und beginnst zu tippen. So wie es in der Bedienungsanleitung deines PCs steht.

Backen ist noch schlimmer

Das Unvermögen am Herd schränkt auch ganz schön ein. Leute zum Essen einladen? Geht nicht. Von Leuten eingeladen werden und anbieten wollen, dass man was mitbringt Speckzopf zum Salat, Muffins zum Dessert? Eine Qual. Backen ist noch schlimmer. Oder wieso hatte mein letzter Schokoladekuchen einen flüssigen Kern, obwohl das im Rezept nicht vorgesehen war?

Aber dann kam der Tag, an dem ich nicht Nein sagen konnte. Die Hochzeit einer Freundin. «Kannst du was für den Apéro backen?» Kalter Schweiss. Was, wenn ich den schönsten Tag im Leben von gleich zwei Personen zerstöre? Also gab es einen Probelauf. Pesto-Geschmier überall, Öl lief aus dem falsch gerollten Teig, alle Gebäcke hatten unterschiedliche Durchmesser.

Am Stichtag glückte es dann doch ein Wunder oder Zufall. Höhere Fügung. Karma. Etwas Übernatürliches jedenfalls.

Trotzdem: Überlegen Sie sich gut, wenn sie das nächste Mal jemandem dazu auffordern, ein Dessert mitzubringen. Vielleicht schläft diese Person dann eine Woche kaum. Und überlegen Sie sich auch gut, wenn sie wieder mal ein Foto ihrer Sauce hollandaise zu Lachs an Dillschaum – «alles sälber gmacht» – auf Instagram posten. Irgendjemand wird das ganze Wochenende leiden.

Wollen Sie das? Nein, schliesslich leben wir in der Corona-Pandemie, also zeigen Sie sich gefälligst solidarisch.