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Interview mit Ex-CVP-PräsidentDarbellay: «Die Walliser Situation wird sich ausbreiten»

Der Walliser Regierungspräsident Christophe Darbellay erklärt, warum in seinem Kanton jetzt ein Teil-Lockdown kommt. Er glaubt, dass andere Kantone nachziehen könnten.

Christophe Darbellay, Präsident des Walliser Staatsrats und ehemaliger Präsident der CVP Schweiz.
Christophe Darbellay, Präsident des Walliser Staatsrats und ehemaliger Präsident der CVP Schweiz.
Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Herr Darbellay, im Wallis hat sich in den letzten zwei Wochen etwa jede 100. Person mit dem Coronavirus infiziert. Wie konnte die Situation so entgleisen?

Das ist schwierig zu sagen. Wir hatten es lange gut im Griff. Auch andere Kantone, die in der ersten Welle noch tiefe Fallzahlen hatten, sind jetzt auf einmal Hotspots: Schwyz oder Appenzell Innerrhoden zum Beispiel. Vielleicht spielte bei uns auch die geografische Nähe zu Waadt und Genf, die seit vielen Wochen stark betroffen sind, eine Rolle. Jetzt sind wir auf einmal der von der Pandemie am stärksten betroffene Kanton.

Wo fanden die meisten Infektionen statt?

Wir können die Infektionsketten nur noch teilweise zurückverfolgen. Viele Ansteckungen gab es in den Familien und im privaten Umfeld. Inzwischen sind auch 14 Altersheime betroffen, trotz strenger Schutzkonzepte. Aus diesem Grund untersagen wir nun die Besuche in Altersheimen und Spitälern.

Auch sonst ergreifen Sie radikale Massnahmen: Sie schliessen Museen, Hallenbäder und Diskotheken, verbieten Mannschaftssport, untersagen Treffen von mehr als zehn Personen – und vieles mehr.

Ja, wir setzen primär bei Vereinen und der Freizeit an (hier gehts zur Übersicht aller neuen Massnahmen im Wallis). Bei den Dingen, die das Leben schön machen, aber nicht unerlässlich sind. Das tut weh. Aber vielleicht können wir damit wenigstens das Allerschlimmste verhindern. Die Situation ist sehr ernst. Nur noch einschneidende, griffige Massnahmen helfen.

Was ist denn das Schlimmste, was Sie fürchten?

Dass in zwei bis drei Wochen die Spitäler komplett am Anschlag wären. Wenn wir jetzt nicht alle handeln, kommt später der totale Lockdown.

Sind Ihre Spitäler nicht jetzt schon am Anschlag?

Sie haben die Situation zurzeit noch unter Kontrolle. Doch die Angestellten dort stehen menschlich, psychisch und physisch unter enormem Druck. Sie mussten in den vergangenen Monaten eine unglaubliche Leistung erbringen. Dafür haben sie meinen grössten Respekt.

Für Ihre Wirtschaft ist der Wintertourismus enorm wichtig. Wird man diesen Winter Ski fahren können im Wallis?

Die Destinationen sind noch offen. Wenn wir jetzt entschlossen handeln, haben wir eine Chance, die Wintersaison zu retten – auch wenn man in diesem Jahr sehr wahrscheinlich auf Après-Ski verzichten muss. Es werden vermutlich weniger ausländische Touristen kommen als normal. Aber wir freuen uns auf die Schweizerinnen und Schweizer, die sonst den ganzen Winter unter dem Hochnebel verbringen müssen.

Müssen andere Kantone dem Walliser Beispiel folgen und ebenfalls einen Teil-Lockdown verfügen?

Ich will keine Ratschläge erteilen. Aber ich gehe davon aus, dass sich die Walliser Situation ausbreiten wird. Dann werden auch anderswo härtere Massnahmen ergriffen.

Trägt die Bevölkerung die Massnahmen mit?

Das Walliser Volk ist stark und hält sehr viel aus. Alle sind wir jetzt gefordert, jede und jeder Einzelne von uns.

32 Kommentare
    Sacha Meier

    Wir haben nun einmal den interkantonalen Steuer- und Standortwettbewerb. Da ist es völlig logisch, dass die Kantone strategisch denken. Was der eine Kanton verbietet, erlaubt der andere. So kann er Wirtschaftskraft und Konsum zu sich ziehen. Meiner bescheidenen Erfahrung nach werden im Wallis zwar Regeln erlassen - aber nie kontrolliert. Gibt dann einen Standortvorteil, der sich etwa bei der Partyjugend rasch herumsprechen wird.