Die verlockenden Visionen des Prinzen setzen den Banken zu 

Schweizer Firmen sind eng mit Saudiarabien verbunden. Jetzt belastet der Fall Khashoggi die geschäftlichen Beziehungen.

Kronprinz Muhammad bin Salman und seine Entourage am «Future Investment Initiative»-Anlass 2017 in Riad. Foto: Tasneem Alsultan («New York Times»)

Kronprinz Muhammad bin Salman und seine Entourage am «Future Investment Initiative»-Anlass 2017 in Riad. Foto: Tasneem Alsultan («New York Times»)

Er überlegte noch etwas länger als viele andere. Doch nun hat auch Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam entschieden, nicht nach Saudiarabien zu reisen. Dort hätte er an einem Anlass namens «Future Investment Initiative» auftreten sollen. Das Wirtschaftstreffen gilt als das «Davos der Wüste». In wenigen Tagen findet es zum zweiten Mal statt.

Doch nach dem eigenartigen Verschwinden des saudischen Journalisten und Regimekritikers Jamal Khashoggi hagelte es Absagen. Plötzlich war es den Chefs unangenehm, sich am Prestigeanlass von Kronprinz Muhammad bin Salman sehen zu lassen.

Thiams Verzicht auf die Konferenz wiegt besonders schwer. Die Schweizer Grossbank zählt neben der britischen Bank HSBC und dem US-Konzern Mastercard zu den wichtigsten internationalen Partnern der Veranstaltung. Thiam sitzt auch im Beirat. Letztes Jahr trat er am Anlass auf. Auf einem Podium zum Thema Informationsgesellschaft diskutierte er unter anderem mit Siemens-Chef Joe Kaeser und Lubna Olayan. Die Geschäftsfrau vertritt die Firmengruppe Olayan aus Saudiarabien.

Video – US-Aussenminister Pompeo in Riad

«Wir meistern die Herausforderungen gemeinsam»: US-Aussenminister Pompeo trifft Kronprinz Muhammad bin Salman in Riad. (Video: SDA/AP)

Das Konglomerat ist der wichtigste Eigner der CS. Die Gruppe hält 5 Prozent der CS-Aktien, hinzu kommen Wertpapiere, die weiteren 5 Prozent der CS-Anteile entsprechen. Die Verbindungen zum Wüstenstaat sollen noch enger werden. Erst vor wenigen Monaten hat die CS eine Banklizenz in Saudiarabien beantragt. Der CS-Chef reiste persönlich in die Hauptstadt Riad, um den Antrag einzureichen.

Mit ABB-Chef Ulrich Spiesshofer wird ein weiterer Wirtschaftsführer aus der Schweiz an der Konferenz erwartet. Ob er anreist, sei noch nicht entschieden, so ein Sprecher. Für den Indus­triekonzern sei Saudiarabien ein wichtiger Markt in der Region.

Die Machthaber des Landes verfolgen mit der Konferenz eine klare Absicht. Sie ist ein Teil der Vision 2030. Mit dieser 2016 angekündigten Reformagenda will Kronprinz Salman das Land unabhängiger vom Erdöl machen und die Wirtschaft breiter aufstellen. Unter anderem sollen so die Auslandsinvestitionen von weniger als 4 auf fast 6 Prozent der Wirtschaftsleistung ansteigen. Zahlreiche Staatsbetriebe sollen privatisiert werden.

Kleine gehen über Dubai

Im Frühjahr fanden in Zürich und Genf Informationsveranstaltungen für Schweizer Firmen statt, die von der Vision 2030 profitieren wollen. Laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft betrug das Schweizer Handelsvolumen mit Saudiarabien im letzten Jahr 2,5 Milliarden Franken, es ging gegenüber den Vorjahren leicht zurück. Hinter den Vereinigten Arabischen Emiraten ist das Königreich der zweitwichtigste Handelspartner der Schweiz im Mittleren Osten und in Afrika. Den grössten Anteil am Exportvolumen haben die Pharmaunternehmen, die Uhrenbranche sowie die Maschinenindustrie.

Dafür seien primär Schweizer Grosskonzerne verantwortlich, sagt ein Kenner der Verhältnisse. So würden sich nur grosse Firmen wie ABB oder die grossen Pharmakonzerne direkt nach Saudiarabien wagen. Für kleine Firmen sei dies schwierig. Sie würden den Weg über Dubai wählen, um ihre Güter in Saudiarabien zu verkaufen.

Bilder – Der Fall des verschwundenen Journalisten Khashoggi

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Als ein besonders lockendes Geschäft galt der Börsengang des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco. Auch wenn nur 5 Prozent der Firma verkauft werden sollen, wäre es der grösste Börsengang der Geschichte. Seit Jahren wird er vorbereitet, immer wieder wird er verschoben. Die Institute Citigroup, Goldman Sachs und Deutsche Bank sollen in der Poleposition für die Abwicklung des Verkaufs sein.

Für die Banken ist daher Saudiarabien ein lohnender Markt. Laut der «Financial Times» brachten ihnen die verschiedenen Projekte des nationalen Investitionsfonds in den letzten Jahren rund 1 Milliarde Dollar an Gebühren ein. Der Fonds wird von einem engen Vertrauten des Prinzen geführt.

Das Land weiss seine Verhandlungsmacht einzusetzen. Kürzlich erhielt der Investitionsfonds von einem Dutzend internationalen Banken ein Darlehen über 11 Milliarden Dollar – offenbar zu vorteilhaften Konditionen.

Redaktion Tamedia

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