Zum Hauptinhalt springen

Grossveranstaltungen wieder möglichDie Tausender-Grenze fällt – doch für Sport und Kultur bleiben grosse Fragezeichen

Ab 1. Oktober dürfen in der Schweiz wieder Grossveranstaltungen mit mehr als tausend Besuchern stattfinden. Wie genau, für wie lange und unter welchen Bedingungen – das ist noch völlig offen. Dennoch reagieren die Betroffenen einigermassen optimistisch.

Ab 1. Oktober dürfen in der Schweiz wieder Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern stattfinden. Wird es jetzt wieder so wie früher? Wohl eher nicht.
Ab 1. Oktober dürfen in der Schweiz wieder Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern stattfinden. Wird es jetzt wieder so wie früher? Wohl eher nicht.
Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Der Sport, so ganz im Allgemeinen, kennt wenig Uneindeutigkeiten. Am Schluss hat einer gewonnen, am Schluss hält jemand einen Pokal in die Höhe und dem Verlierer die Hand zum Grusse.

Sport ist einfach.

Politik ist dagegen ein Albtraum der Uneindeutigkeit, des Kompromisses, des Wenn und Aber. Politik ist manchmal ziemlich kompliziert.

Ja, ab dem 1. Oktober dürfen in der Schweiz wieder Grossveranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern stattfinden. Das versprachen die Bundesräte Simonetta Sommaruga und Alain Berset am Mittwoch vor den Medien. Aber: Wie genau diese Grossveranstaltungen wieder stattfinden dürfen, für wie lange und unter welchen «strengen Schutzmassnahmen» das ist noch völlig offen.

Ja, es ist der Bund, der jetzt grünes Licht für die Grossanlässe gegeben hat. Aber: Konkret bewilligt werden die Anlässe jeweils von den Kantonen. Eine nationale Lösung? Gibt es vorerst nicht.

Niemand ist wirklich zufrieden

Und ja: Der Bund kommt mit seinem Entscheid den Sportclubs und Kulturveranstaltern in der Schweiz weit entgegen. Aber eben nicht so weit, wie diese das gerne gehabt hätten. «Wir leben in einer speziellen Situation», sagte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga. «Wir freuen uns über die Lockerungen bei den Corona-Regeln. Doch jedes Mal, wenn die Ansteckungen steigen, machen diese Lockerungen vielen Menschen Angst. Mit diesem Zwiespalt müssen wir leben lernen.»

Der Zwiespalt war am Mittwoch deutlich zu spüren. Mit Hinweis auf die steigenden Fallzahlen (am Dienstag registrierte das Bundesamt für Gesundheit 274 neue Ansteckungen), mit Hinweis auf die Empfehlungen der wissenschaftlichen Corona-Taskforce (die von einer Lockerung abgeraten hatte), reagierten viele Nutzer auf sozialen Medien entsetzt. Ein «krasser Fehlentscheid» sei das, schrieb ein lokaler SVP-Politiker in Basel. «Der Bundesrat hat versagt.»

Sie sieht es aus, wenn 1000 Zuschauer ins Stadion dürfen. Szene des Meisterschaftsspiels zwischen dem FC Luzern und dem FC Servette Genf vom Samstag, 27. Juni 2020, in Luzern.
Sie sieht es aus, wenn 1000 Zuschauer ins Stadion dürfen. Szene des Meisterschaftsspiels zwischen dem FC Luzern und dem FC Servette Genf vom Samstag, 27. Juni 2020, in Luzern.
Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Auch die Konferenz der Gesundheitsdirektoren befindet sich eher auf der kritischen Seite. Sie fordert «griffige Bewilligungskriterien» und nimmt die Veranstalter in die Verantwortung. Von ihnen hänge es ab, «ob sich die Öffnung im Bereich der Grossveranstaltungen bewährt», liess sich GDK-Präsident Lukas Engelberger zitieren.

Auf der anderen Seite gab es auch jene Stimmen, denen das alles noch viel zu zögerlich und zu langsam erschien. FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen macht sich schon länger stark für eine Aufhebung der 1000er-Grenzen bei Sportveranstaltungen. Auch er ist vom Bundesrat enttäuscht aber aus anderen Gründen. «Ich hätte mir eine raschere Öffnung gewünscht. Die Schutzkonzepte sind da, die Clubs sind parat. Warum warten?» Auch stört sich Wasserfallen daran, dass es am Schluss die Kantone sind, die für die Bewilligung der Anlässe verantwortlich sind. «So haben die einzelnen Kantone faktisch ein Veto-Recht.»

«Wir hätten erwartet, dass man auf den Beginn unserer Meisterschaft Rücksicht nimmt.»

Heinrich Schifferle, Präsident Swiss Football League

Der FDP-Politiker hätte sich vorab für den Sportbetrieb eine nationale Rahmenbewilligung gewünscht, um den Ligabetrieb sicherzustellen. Eine solche ist allerdings nicht vorgesehen, wie Bundesrätin Sommaruga auf eine entsprechende Frage antwortete. Der Plan ist nun folgender: Bis zum 2. September will der Bund gemeinsam mit den Kantonen passende (und strenge) Schutzkonzepte entwickeln danach wissen die Veranstalter, woran sie sind. Im besten Fall.

Die Veranstalter, die Betroffenen aus Sport und Kultur, reagierten gestern verhalten freudig aus die Nachrichten aus Bern. «Wir hätten erwartet, dass man auf den Beginn unserer Meisterschaft Rücksicht nimmt, und nehmen das entsprechend etwas enttäuscht zur Kenntnis», sagt Heinrich Schifferle, der Präsident der Swiss Football League. Man müsse nun den Spielplan noch einmal überprüfen, weil einige Teams in der Super League im September mehr Heimspiele als andere hätten.

Ancillo Canepa kritisch

Ancillo Canepa, der Präsident des FC Zürich und selber ehemaliger Corona-Patient, begrüsst den Entscheid grundsätzlich. Aber: «Die Liquidität ist und bleibt kritisch.» Auch wenn die Umsetzung des Schutzkonzeptes «äusserst aufwendig und kostenintensiv» sein werde, setze man nun alles daran, den Zuschauern sichere Rahmenbedingungen zu bieten.

«Wir waren monatelang im Krisenmodus, in den letzten Wochen im Überlebensmodus. Nun geht es weiter.»

Denis Vaucher, Direktor der National League

Im Eishockey, wo der Ligabetrieb ebenfalls Mitte September hätte starten sollen, nimmt man den Entscheid des Bundesrats eine Nuance fröhlicher auf. Wahrscheinlich werde der Spielbetrieb auf Anfang Oktober geschoben, sagt Denis Vaucher, Direktor der National League. «Wir waren monatelang im Krisenmodus, in den letzten Wochen im Überlebensmodus. Nun geht es weiter.»

Wo ist die einheitliche Lösung?

«Das Verbot ist aufgehoben, das ist die Botschaft des Tages», sagt Peter Zahner, CEO der ZSC Lions. Es sei jetzt nicht angebracht zu jammern. Die Clubs hätten ihre Hausaufgaben erledigt und passende Schutzkonzepte für ihre Halle erstellt, sagt auch Marc Lüthi, CEO des Ligakonkurrenten SC Bern. «Nun liegt es an den Behörden, eine grundsätzliche Regelung zu schaffen.»

Etliche Fragezeichen würden allerdings auch nach dem Entscheid noch bleiben, sagt Lüthi. «26, wenn Sie so wollen – weil die Bewilligungspflicht bei den Kantonen liegt. Es kann nicht sein, dass im einen Kanton dieses gilt und im anderen jenes. Wir sind eine nationale Meisterschaft, wir spielen im selben Land – entsprechend brauchen wir eine nationale Lösung.»

«Das Publikum muss Vertrauen fassen, erst dann kauft es wieder Tickets.»

Stefan Breitenmoser, Geschäftsführer der SMPA, dem Branchenverband der Schweizer Konzert- und Festivalveranstalter

Die einheitliche Lösung, die nationale Lösung das ist am Mittwoch das grösste Thema. Auch in der Kultur. «Wir hoffen auf einheitliche Massnahmen, damit es für Schweizer Konzerte und Tourneen eine gewisse Planbarkeit gibt», sagt Ralph P. Schuler, der Geschäftsführer von Konzertveranstalter Livenation; «eine einheitliche Regelung für die Schweiz ist sehr in unserem Interesse», ergänzt Stefan Breitenmoser, Geschäftsführer der SMPA, dem Branchenverband der Schweizer Konzert- und Festivalveranstalter. Eine Band, die während einer Tournee durch die Schweiz zehn verschiedene Bewilligungen einholen, zehn verschiedene Schutzkonzepte durchexerzieren muss: der Horror.

Auch in der Kulturbranche ist es so: Grundsätzlich begrüsst man den Entscheid des Bundesrats. Auch wenn an einen Normalbetrieb ab 1. Oktober noch lange nicht zu denken sei, wie Breitenmoser sagt.

Die meisten Konzerte bis Frühjahr 2021 seien bereits verschoben oder abgesagt. «Wir rechnen frühestens bis Ende 2021 mit einer Normalisierung des Veranstaltungsbetriebs.» Bis dahin gelte es, an der positiven, der glaubwürdigen Kommunikation zu arbeiten. Da sei zuletzt einiges schiefgelaufen, sagt Breitenmoser. «Wir müssen zeigen, dass Veranstaltungen nicht per se ein Risiko sind, wie das teils dargestellt wurde. Das Publikum muss Vertrauen fassen, erst dann kauft es wieder Tickets.»

Und das kommt zur Uneindeutigkeit des Entscheids eben noch dazu. Ja: Der Bundesrat hat Grossveranstaltungen wieder erlaubt. Und ja: Die Veranstalter freuen sich grundsätzlich.

Aber: Ob dann tatsächlich einer kommt? Wer weiss das schon.