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TV-Kritik «Tatort»Die Tarnung mit dem Wäschekorb

«Funkstille» ist ein bisschen US-Crimestory in Hessen, ein wenig Mutter-Tochter-Drama und ein Hauch erste Liebe. Der Mordfall bleibt höflicher Zaungast.

Die Kommissare beim Grillen am Main: Wolfram Koch als Paul Brix (links) und neben ihm Margarita Broich als Kollegin Anna Janneke.
Die Kommissare beim Grillen am Main: Wolfram Koch als Paul Brix (links) und neben ihm Margarita Broich als Kollegin Anna Janneke.
Foto: SRF/HR/Bettina Müller

Was man im Frankfurter «Tatort» mit dem Titel «Funkstille» lernt? Wie man sich in Rekordgeschwindigkeit mit einem Wäschekorb in der Hand ein schnelles Versteck sucht, ohne dass die Wäsche herausfällt. Ausserdem: Dieselben Mütter, die den Wäschekorbtrick draufhaben, haben eine Affäre mit dem (volljährigen) Nachbarssohn und können vor allem eine Sache ziemlich gut: Dinge geheimhalten.

Der Nachbarssohn, Schwarm der 17-jährigen Emily, wird umgebracht, und so wenig geht es um ihn, dass man sich nach zehn, zwanzig, dreissig Minuten dieses Films immer wieder in Erinnerung rufen muss, dass da ja am Anfang mal was war: ein Mord. Ah, stimmt, deswegen treten auch ab und zu als Randfiguren diese Kommissare auf, der glaubhaft grummelige Paul Brix (Wolfram Koch) und die gelinde von ihm genervte, aber halt doch einfach ihren Pappenheimer kennende Anna Janneke (Margarita Broich).

Perfekte Fotoband-Bilder

Es gibt keinen obendrauf montierten Countdown, keine Ermittlungen gegen den Willen der Vorgesetzten. Und dennoch ist das Drehbuch arg durchkonstruiert, angefangen beim ersten englischen Dialog der US-amerikanischen Familie Fisher, aus dem der deutsche Akzent unüberhörbar über den Fliesenboden des schicken Einfamilienhauses hallt. Und aufgehört bei der Trope «perfekte Familie, hat garantiert was zu verbergen».

Dafür sind die Bilder aus der Kamera von Johannes Monteux «Magnum»-Fotobandmaterial: Margarita Broich vor der smaragdgrünen Wand mit Emilys Vater Raymond (Kai Scheve); eine Tochter, die sich surreal nah an das Gesicht ihrer Mutter heranschiebt, als diese sich schminkt, zwei Jugendliche in der Schule, im Hintergrund ein Fenster mit diesen aufgepappten Vogelschablonen, als sie über den Tod sprechen. Überhaupt Vogelschablonen, Warnung für noch lebende Tiere und gleichzeitig Erinnerung an die vor ihnen verendeten – gibt es was Trostloseres?

«Fuck you very much» – Hölzerne Sätze im neuen «Tatort».

Und auch gespielt ist dieser «Tatort» bemerkenswert, trotz Sätzen wie Sägespäne, so etwa: «Emily, wir lieben dich» und «Fuck you very much.» Emilia Bernsdorf als Emily Fisher ist umwerfend, verkörpert wunderbar selbstverständlich diese ganz spezifisch-17-jährige Zerrissenheit im Allgemeinen und die Überforderung angesichts der eigenen Familiengeschichte im Speziellen. Wenn von diesem «Tatort» etwas in Erinnerung bleibt, dann die Szene, in der die normale Genervtheit einer Tochter von der eigenen Mutter zu einem anderen Gefühl wird – blanker Angst.