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Auswirkungen der PandemieDie Spanier ziehen nun aufs Land

Beschleunigt durch die Corona-Epidemie entdecken Städter gerade das «leere Spanien» wieder: Die Nachfrage
für Immobilien steigt in Dörfern und dünn besiedelten Regionen, die jahrzehntelang wenig geschätzt waren

In der Vergangenheit verliessen die Spanier ihre Dörfer, um in die Städte zu ziehen. Manch ein Dorf wurde komplett verlassen wie Sarnago in Nordspanien. Jetzt wendet sich der Trend.
In der Vergangenheit verliessen die Spanier ihre Dörfer, um in die Städte zu ziehen. Manch ein Dorf wurde komplett verlassen wie Sarnago in Nordspanien. Jetzt wendet sich der Trend.
Foto: Cesar Manso (Getty Images)

Das «leere Spanien», sagt Daniel Gascón, sei ein Land mit kaum überlebensfähigen Dörfern mit einer Handvoll Einwohner, ohne Schulen und Infrastruktur, «wo man höchstens im Sommer hinfährt, weil dort das verlassene Häuschen der Grosseltern steht». Zum «leeren Spanien» zählen allerdings 53 Prozent des Territoriums, auf dem nur 15,8 Prozent der Bevölkerung leben.

So wenig Einwohner wie am Polarkreis

Nur wenige Kilometer südlich von Madrid gibt es Gegenden mit nicht mehr als acht Einwohnern je Quadratkilometer. Man muss bis in Zonen Skandinaviens am Polarkreis vordringen, um eine ähnlich geringe Bevölkerungsdichte zu finden wie in Kastiliens und Aragoniens Weiten. Die meisten Spanier leben gedrängt in Grossstädten und an der Küste, man sieht das auf einem nächtlichen Satellitenbild, am Rand helle Punkte, in der Mitte Schwärze.

Doch im strengen Lockdown im Frühjahr entdeckten viele Spanier ihr entvölkertes Land und den Reiz weiter Horizonte wieder. «Alles, was die Stadt ausmacht, wurde plötzlich zur Bedrohung», sagt Daniel Gascón. Medien melden einen Run auf billige Landimmobilien, «teletrabajo», Homeoffice, machte es ja möglich. Das Immobilienportal Fotocasa teilte gerade mit, die Nachfrage nach Wohnungen in Dörfern mit weniger als 5000 Einwohnern steige. Daten des Immobilienportals Idealista zeigen, dass zwischen Januar und Juni der Anteil der Suchen nach Immobilien in Dörfern von 10,1 auf 13,2 Prozent stieg.

Romanerfolg über einen Hipster in einem Dorf

Autor Gascón hat die neue Beliebtheit befördert: Sein Roman «Ein Hipster im leeren Spanien» ist Hit der Saison, eine Satire auf einen Grossstadtbewohner, der versucht, Fuss zu fassen im Dorf seiner Tante bei Teruel, zwischen Jägern, Bauern, Schäfern und dem Bordell am Ortsrand, verloren zwischen alten und verfallenden Mauern. Der Hipster versucht, den Dorfbewohnern Workshops in neuer Männlichkeit und ökologischem Landbau anzubieten. Am Ende erzieht eher das Dorf den Hipster um.

Leser verschlangen die Schilderung auch, weil Gascón liebevoll mit den Dorfbewohnern umgeht, sie nicht als Bauerntrampel darstellt, sondern als lebenskluge Menschen, «die mehr können, als sie selber denken», wie er am Telefon sagt. Es ist auch eine Satire auf das Gegenstück – die Stadt, ihren Jargon, ihre Enge, ihre Hektik. In seinem quijotesken Hipster sehen manche eine Karikatur auf Podemos-Chef Pablo Iglesias, der es mit akademischen Diskursen zum stellvertretenden Regierungschef schaffte, obwohl Leute wie er wenig Kontakt zur Welt der Produktivität hätten, wie Gascón sagt.

80 Millionen Touristen

Im Ausland ist die Realität des leeren Spanien fast unbekannt. In normalen Jahren besuchen 80 Millionen Touristen Spanien, die sich an den Küsten verteilen. Die Ballungsräume sind grotesk übervölkert, Barcelona ist Europas dichtestbesiedelte Stadt. «Es gibt zwei Spanien, das urbane und europäische, ununterscheidbar von anderen urbanen Gesellschaften. Und es gibt ein Landesinneres, verlassen und entvölkert. Ich habe es das leere Spanien genannt», schrieb der Schriftsteller Sergio del Molino 2012 im Buch «La España vacía», er erfand den Begriff quasi. Gascón nimmt Bezug auf den früheren Reporter der Lokalzeitung «Heraldo de Aragon», liefert sozusagen die Handlung zu Molinos Essay. Der beschreibt das leere Spanien als «einzigartige Erfahrung»: «Extreme, nackte Landschaften, Wüsten, trockene Hügel, unmögliche Dörfer und die ständige Frage: Wer lebt noch hier und warum?»

Daniel Gascón sagt, die Landflucht sei Ergebnis der Industrialisierung, die sich an Spaniens Rändern abgespielt habe. Molino geht weiter. Historisch hat Spanien «ausserhalb seiner Städte nicht existiert», schreibt er. Das Hochland der Meseta, eine «immense braune Ebene», mit heissen Sommern und «Wintern zwischen Nebel und Schnee», sei den Mächtigen bestenfalls geeignet als Ort der Verbannung erschienen. Die Landflucht des 20. Jahrhunderts wurde zum «grossen Trauma», denn sie liess ein dysfunktionales Binnenland zurück, Standort höchstens für Windmühlen und Stauseen, in denen Dörfer versanken.

Von verhungernden Kindern zur neuen Beschaulichkeit

Die künstlerische Befassung mit dem vergessenen Land ist nicht neu. Regisseur Luis Buñuel löste 1933 einen Skandal aus mit seinem Film über Las Hurdes in der Extremadura, die er als Landstrich porträtierte, in dem Kinder verhungerten und Erwachsene an Auszehrung starben. Der Film wurde in der Franco-Zeit sofort zensiert und im Ausland als Beleg für das rückständige Spanien gezeigt. Doch es war eher der Blick von aussen, inszeniert und überhöht, von dem die Betroffenen nichts mitbekamen. Erst heute gilt es in Las Hurdes als touristischer Trumpf, Ort eines Buñuel-Films zu sein – was zeigt, dass sich auch in entlegensten Winkeln etwas ändert. Ausflügler suchen dort heute Beschaulichkeit.

Das ländliche Spanien ist nicht automatisch rechts und reaktionär.»

Daniel Gascón, Autor

Vor allem Molinos Buch gab dem flachen Land neues Selbstvertrauen. Das leere Spanien und seine Strukturprobleme waren Thema beim Klimagipfel in Madrid 2019, es steht oben auf der Agenda aller Parteien. 2019 schaffte es die Kleinstpartei «Teruel existiert» aus dem Ort in Aragonien ins Parlament. Die Stimme ihres Abgeordneten Tomas Guitarte verhalf dem Sozialisten Pedro Sánchez ins Ministerpäsidentenamt. Man habe daran gesehen, dass das ländliche Spanien nicht automatisch rechts und reaktionär sei oder Hochburg der Rechtsaussen-Partei Vox, auch wenn diese das behaupte, sagt Gascón. In Wahrheit sei Vox eher Partei der «pijos», snobistischer Reicher aus Madrid.

Gascóns Inspirator Sergio del Molino räumte mit noch anderen Irrtümern auf, etwa der öden Landschaft. Er beschrieb deren Schönheit, das Bad im entlegenen Rio Ladrillar, beobachtet den Himmel, wenige Ausflügler, treibt im Wasser und denkt sich: Besser kann es einem nicht gehen.

Also kommt er jetzt, der Run auf das leere Spanien? Daniel Gascón zweifelt: «Viele träumen davon, aber wenn es darum geht, wo die Kinder in die Schule gehen sollen, zerplatzen die Träume.» Familienvater Gascón selbst lebt deshalb weiter in Madrid.

3 Kommentare
    javier López

    Die Not macht erfinderisch.

    Kein Arzt, keine Bankfiliale, keine Post, keinen Laden etc.. Die Alten in diesen Dörfern erledigen vieles mit dem Smartphone. Könnte man auch hier teilweise kopieren. Auch im Alter kann man noch etwas lernen.