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Berner Künstler Ernst KreidolfDie Rückkehr der Blumenkinder

Die vermenschlichten Blumen von Ernst Kreidolf passen zum grünen Zeitgeist. Doch wie die neue Schau im Kunstmuseum Bern zeigt, versprachen seine Bilder nie nur die heile Welt, die wir uns wünschen.

Lieblichkeit, nicht ohne Abgründe: Ernst Kreidolfs Aquarell «Alpenblumenmärchen: Primula Auricula» von 1918/1919.
Lieblichkeit, nicht ohne Abgründe: Ernst Kreidolfs Aquarell «Alpenblumenmärchen: Primula Auricula» von 1918/1919.
PD / Kunstmuseum Bern

Blumen sind in. Oder besser Blümchen, denn nicht die grelle Flower-Power der Hippies aus den 1970er-Jahren zeigt sich wieder vermehrt im Strassenbild, sondern der liebliche Vintage-Look von deren Grosseltern. Blümchenkleider, Bürzi, Bärte, bunt umrankte Balkone und Freiluftbeizli, in denen junge Menschen Salat mit Blumendekor essen. Nicht zu vergessen die boomenden Brockenhäuser, wo sich ganze Wohngemeinschaften mit angeschlagenem Rosenthal-Geschirr, Häkeldecken und Einmachgläsern versorgen.

Eine Generation zwischen selbst gemachter Konfi und Klimademo will zurück zur Natur. Zurück zum zyklischen Leben mit den Jahreszeiten. Und obwohl wir Menschen nicht wie die Pflanzen nach jedem Wintertod zu neuem Leben erwachen, so nähren wir doch gern die Illusion, zu sein wie sie. In den bekannten Bilderbuchillustrationen des Berners Ernst Kreidolf (1863–1956) ist es umgekehrt: Da sind die Pflanzen als menschliche Wesen dargestellt. Aus ihren Blüten schauen uns Gesichter an, sie sprechen, singen und tanzen, sie reisen in Schmetterlingskutschen, und – ja, auch das – sie bekriegen sich mit Dornendolchen und hetzen Heuschreckenheere aufeinander.

Sehnsucht und (Alb-)Traum

Es erstaunt nicht, dass die Bilderbücher Ernst Kreidolfs, zu deren fein aquarellierten Szenen er selbst die Verse verfasste, fleissig neu aufgelegt werden. Schon immer faszinierten seine botanisch präzisen und zugleich poetisch verfremdeten Pflanzendarstellungen, die nun unter dem Titel «Wachsen – Blühen – Welken. Ernst Kreidolf und die Pflanzen» im Kunstmuseum Bern zu sehen sind.

Heute, da sich unsere Umwelt aufgrund von Raubbau, Verschmutzung und Klimawandel rasend schnell verändert, wecken Kreidolfs Bilder eine besonders schmerzliche Sehnsucht. Nicht nur, weil sie vordergründig vor allem die berührende Anmut von Flora und Fauna zeigen, sondern auch, weil sie eine «gute alte Zeit» heraufbeschwören, die vielen besser scheint als die heutige.

Ernst Kreidolf lebte in dieser «guten alten Zeit» und litt an ihr. Er, der Generationen von Kindern mit seinen Bilderbüchern verzauberte, blieb selber unverheiratet und kinderlos. Zu beschäftigt war er mit seiner Kunst und der Pflege vieler Künstlerkontakte in der Schweiz und in München, wo der gelernte Lithograf die Akademie der Bildenden Künste besuchte. Vor allem aber musste er immer wieder zur Kur, musste sich monatelang von der Welt zurückziehen, wenn er an Depressionen erkrankte.

Einsam wie sein Wiesenknöterich: Ernst Kreidolf in seinem Selbstporträt von 1916.
Einsam wie sein Wiesenknöterich: Ernst Kreidolf in seinem Selbstporträt von 1916.
PD / Kunstmuseum Bern

Wer in der Ausstellung Kreidolfs Selbstporträt betrachtet, dem fällt die dunkle Farbe des ihn umgebenden Raums auf. Und der Blick, der von Schmerz und Einsamkeit spricht – jener Einsamkeit, die auch der magere Wiesenknöterich zu empfinden scheint, den er 1918 in einer Bergblumenserie auf schwarzem Grund porträtierte. Die Nacht, das Unbewusste, das sich in Träumen offenbart, hat den Künstler stark beschäftigt. Seine weniger bekannten, unheimlichen «Schlafenden Bäume» sind in der neuen Ausstellung eine Entdeckung.

Sich ein eigenes Bild machen

Zwei Weltkriege haben Ernst Kreidolfs Leben geprägt. Wer die eindrücklichen Originale zu seinen Bilderbüchern «Blumenmärchen» (1898) und «Alpenblumenmärchen» (1922) im Berner Kunstmuseum genauer studiert, findet in ihnen nicht nur Lieblichkeit, sondern auch Hinweise auf Egoismus, Habgier und Grausamkeit der menschlichen Spezies.

Dennoch transportieren diese Bilder und andere Pflanzenporträts Kreidolfs etwas Wertvolles, das wir gerade zu verlieren scheinen: den direkten Kontakt zu unserer natürlichen Umgebung und das eigene Bild, das wir uns von ihr machen.

Bombardiert mit fremden Bildern, ferngesteuert von Algorithmen, verdummt von «smarten» Geräten, die vorgeben, für uns zu denken, laufen wir Gefahr, in einer immer wirklichkeitsferneren Welt zu leben. Wer möchte da nicht, wie ein Mensch aus vordigitaler Zeit, die Farben mischen, ein paar Pinsel einpacken und hinausgehen, um zu sehen, lauschen, riechen, schmecken? Und dann zu malen, nicht auf einen Bildschirm, sondern auf Leinwand oder ein Stück Papier.

Solcher Unmittelbarkeit und Selbstbestimmung gilt die Sehnsucht heutiger junger Menschen vielleicht viel mehr als nur der aktuellen Blümchenmode. Deshalb passt ein goldgerahmter Kreidolf-Druck aus dem Brocki wohl ganz gut in die WG, die hinter dem Haus liebevoll ihr Hochbeet pflegt. Ernst Kreidolf, der auf dem Bauernhof der Grosseltern aufwuchs, fand später während seiner Krisen Trost in der Beobachtung der Pflanzen. «Einfach nur so zu sein», schrieb er über sie, «ohne weitere Ansprüche, das ist doch auch schon etwas.»

Kunstmuseum Bern: «Wachsen – Blühen – Welken. Ernst Kreidolf und die Pflanzen». Ausstellung bis 10.1.2021.