«Die Probleme haben nicht mit Trump angefangen»

Der US-Ökonom Michael Pettis erklärt, warum die Zölle von Donald Trump die Aussenhandelsdefizite der USA nicht mindern.

Zeigt sich auch skeptisch gegenüber der Schweizer Aussenhandelspolitik: Michael Pettis. Foto: Bloomberg

Zeigt sich auch skeptisch gegenüber der Schweizer Aussenhandelspolitik: Michael Pettis. Foto: Bloomberg

Markus Diem Meier@MarkusDiemMeier

(Das Interview kann über diesen Link auch ungekürzt im englischen Original gelesen werden.)

Der Handelskrieg von Donald Trump dreht sich vor allem um China. Glauben Sie, dass er mit seiner Kritik an China recht hat, dass China den USA Schaden zufüge?
Ja, aber nicht wegen einer explizit merkantilistischen Politik Pekings. Das Problem ist, dass das chinesische Wachstumsmodell stark von der Unterdrückung der inländischen Nachfrage abhängt und China deshalb Exporte in den Rest der Welt braucht, um den Mangel an Binnennachfrage zu beheben. Deshalb hat China eine so hohe Sparquote und einen hohen Handelsüberschuss. Peking hat vor zehn Jahren versprochen, die Binnennachfrage wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Das hat sich für die chinesische Regierung als politisch sehr schwierig erwiesen.

Jüngst hat sich die chinesische Währung Renminbi stark abgewertet. Trump sieht darin ein bewusstes Vorgehen Chinas, um die Wirkung der US-Zölle zu mindern.
Ich denke nicht, dass es so ist. Peking weiss, dass eine anhaltende Abwertung der Währung die inländischen Ungleichgewichte verschlimmert und leicht einen weiteren Schub von Fluchtkapital aus China auslösen könnte. Die Schuldenprobleme Chinas sind zu gravierend, um beides zuzulassen.

Auch die Handelsbeziehungen mit Europa findet Trump unfair. Trifft das denn hier zu?
Es gilt vor allem für Deutschland, das sich in den Jahren 2003–2005 einer Arbeitsmarktpolitik mit Lohnverzicht verschrieben hat. Das hat wie in China die Binnennachfrage zugunsten der internationalen Wettbewerbsfähigkeit unterdrückt. Der Unterschied zwischen China und Deutschland besteht darin, dass Peking im Unterschied zu Berlin anerkennt, dass seine derzeitige Verteilung der Nachfrage unhaltbar ist.

Welche Rolle spielt die Schweiz in diesem Zusammenhang?
Die Schweiz verzeichnet seit Jahrzehnten anhaltende Handelsüberschüsse, nicht zuletzt weil sie die Kapitalzuflüsse etwa mit Devisenkäufen aggressiv sterilisiert und eine Wiederbelebung der Binnennachfrage verhindert hat. Würden überschüssige Schweizer Ersparnisse vor allem in Entwicklungsländer exportiert, die das Kapital für inländische Investitionen benötigen, könnten die Handelsüberschüsse der Schweiz als Beitrag zum globalen Wachstum angesehen werden. Aber natürlich geht das meiste Schweizer Kapital in die Industrieländer, die es nicht brauchen. So dämpft die Schweizer Politik das globale Wachstum.

Wie wirkt sich denn Trumps Politik auf die Schweiz aus?
Wenn es Washington gelingt, den Welthandel und die Kapitalströme so umzustrukturieren, dass Länder mit schwacher inländischer Nachfrage nicht mehr frei überflüssige Ersparnisse exportieren können, erwarte ich, dass sich dies negativ auf die Schweiz auswirkt. Bei einem so hohen Handelsüberschuss, wie ihn das Land hat, würde ich mir vorstellen, dass es für die Schweiz sehr schwierig wäre, sich schnell anzupassen.

Zumindest für Aussenstehende ist nicht immer ganz klar, was Trump wirklich will. Was glauben Sie, was sein Ziel ist?
Das kann ich nicht wirklich sagen. Trump verwirrt nicht nur die Chinesen und die Europäer, sondern auch die Amerikaner.

Was sind Ihrer Meinung nach die Folgen des Streits für den internationalen Handel?
Was wir hier sehen, ist der Beginn einer längerfristigen, teilweisen Umkehrung des Globalisierungsprozesses.

Schädigt dieser Streit auch das globale Wachstum?
Ein Handelskrieg und eine Kontraktion des Welthandels schaden immer dem globalen Wachstum, aber nicht annähernd so sehr, wie das aus den übermässig aufgeregten Äusserungen von Mainstream-Ökonomen hervorgeht, die in der Regel sehr ideologisch und historisch ungebildet sind. Der Schmerz einer globalen Handelskontraktion ist jedoch nicht für alle Länder gleich verteilt, das geht aus der Geschichte hervor. Sie wird hauptsächlich von den Ländern mit Aussenhandelsüberschüssen getragen.

Und was sind die Konsequenzen für die internationale Zusammenarbeit und die Handelsorganisationen, etwa die lokalen Abkommen und die WTO?
Ich glaube, dass wir vor einigen Jahren den Höhepunkt der jüngsten Globalisierungswelle erreicht haben. In den nächsten ein oder zwei Jahrzehnten erwarte ich eine Umkehrung.

Donald Trump setzt darauf, dass die von ihm verhängten Zölle das Leistungsbilanzdefizit der USA verringern. Zu Recht?
Ich bin nicht davon überzeugt, dass die Zölle erhebliche Auswirkungen auf die Handelsungleichgewichte haben werden. Es sind vielmehr die Ungleichgewichte der Kapitalströme, die die Handelsungleichgewichte antreiben, und nicht umgekehrt. Die Politik müsste daher bei den Kapitalimporten in die USA ansetzen, sonst werden die Zölle kaum Einfluss auf die Handelsungleichgewichte haben, abgesehen davon, dass sie vielleicht das gesamte Handelsvolumen leicht reduzieren werden.

Was ist denn für die USA das Problem mit den Defiziten in der Leistungsbilanz? Er selbst spricht von einem Verlust.
Das Defizit ist kein Verlust. Aber es hat entweder eine höhere Arbeitslosigkeit oder aber eine höhere Verschuldung der USA zur Folge.

Gibt es denn einen besseren Weg als Zölle für die USA, um das Ziel eines ausgeglichenen Aussenhandels zu erreichen?
Im Prinzip hätten die USA eine neue globale Konferenz organisieren sollen, auf der sich die Länder auf ein neues und angemesseneres globales Handels- und Kapitalflussregime hätten einigen können. Aber eine solche Einigung wäre unwahrscheinlich, da es keinen Anreiz für die Überschussländer gibt, sich auf ein neues Regelwerk einzulassen. Ein einseitiges Handeln durch die USA führt für die Weltwirtschaft zum schlechtesten Ergebnis, aber es könnte der einzig mögliche Weg sein, um eine Lösung zu erzwingen.

Glauben Sie wie andere, dass Trumps Massnahmen und Drohungen nur ein Weg sind, um Zugeständnisse von anderen Ländern zu bekommen?
Das bezweifle ich sehr. Ich denke, wir leben in einer Zeit, in der die Globalisierung zurückgefahren werden muss, da die Länder – insbesondere die westlichen Demokratien – die Kontrolle über die inländischen Löhne, die Einkommensungleichheit und die Steuerpolitik wiederzuerlangen versuchen, die sie in einer zunehmend globalisierten Welt nach und nach verloren haben. Dieses Problem hat nicht mit Trump angefangen, und es wird nicht mit ihm enden.

Was halten Sie von dem Deal, den Donald Trump am vergangenen Mittwoch mit Jean-Claude Juncker, Präsident der EU-Kommission, abgeschlossen hat?
Letztendlich sind die Interessen Europas, vielleicht ohne Deutschland, jenen der USA sehr ähnlich, und ich vermute, dass sich die USA und die Europäer nach einer gewissen Konfrontation letztendlich einigen werden.

Welche Politik wäre denn für die US-Regierung angesagt, um die Leistungsbilanzdefizite gegenüber China oder Europa zu beenden?
Die USA müssen sich ihrer Rolle als weltweiter Kapitalimporteur der letzten Instanz stellen. Etwa die Hälfte der weltweiten überschüssigen Ersparnisse landet als Kapitalzufuhr in den USA, vor allem weil keine andere fortschrittliche Wirtschaft über die notwendige finanzielle Infrastruktur verfügt, und solange die USA oder Grossbritannien gezwungen sind, ausländisches Kapital zu importieren, haben sie keine andere Wahl, als ein Handelsdefizit zu betreiben.

Nützt Trumps Handelskrieg seinen Wählern denn?
Wenn es Donald Trump gelingt, das US-Handelsdefizit drastisch zu senken – was ich bezweifle –, dann wäre seine Politik eindeutig gut für die US-Haushalte, denn sie bedeutet, dass das Wachstum aufrechterhalten werden kann, ohne dass gleichzeitig wie bisher die Schulden stark anwachsen.

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