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Geschichte des ErotikfilmsDie Lust an den alten Schweinereien lebt

Streamingdienste entdecken den schwülen Schmutz des Erotikthrillers wieder, allerdings mit einem Twist.

Von «Fatal Attraction» bis «Une fille facile» macht das erotische Kino eine ziemliche Entwicklung durch.
Video: Tamedia

Diesen Sommer publizieren wir die besten Reportagen, Interviews und Hintergründe der letzten Monate nochmals. Dieser Artikel erschien erstmals am 10. Juli 2020.

Es klingt wie ein schlechter Scherz: Da verschleppt ein gut aussehender Charismatiker eine Frau und vergreift sich in seinem Palast an ihr. «Du bist so hübsch», sagt er zu ihr, «wenn ich will, kann ich dich dazu bringen, dass du mich liebst.» Die Entführte würde zwar lieber sterben, als diesem Triebtäter zu gehorchen. Aber am Ende geschieht genau das, was er ihr prophezeit hat.

Natürlich, es geht um den Stummfilm «The Sheik» aus dem Jahr 1921. Man darf aber auch an den polnischen Softcore-Trash «365 Days» auf Netflix denken, die Handlungen sind relativ ähnlich. «The Sheik» wirkte auf das Publikum vor 100 Jahren vor allem deswegen so faszinierend, weil der Scheich vom schönsten Mann der Welt gespielt wurde, vom Italiener Rudolph Valentino. Als dieser mit 31 Jahren starb, sollen sich mehrere Frauen das Leben genommen haben.

Das Potenzial der Erotik

«365 Days» steht seit Wochen in den Schweizer Netflix-Charts, sind wir also noch nicht weiter als vor 100 Jahren? Es gibt eine andere Erklärung: Die Geschichte vom Mafioso, der eine Touristin kidnappt, bringt etwas zurück, was wir schon verloren geglaubt haben: den Erotikthriller.

Neben der Pornografie und der Pornografieforschung muss man den erotischen Thriller heute als geradezu marginal bezeichnen. Spielfilme, in denen ein windschiefer Handlungsrahmen dazu benützt wird, ein paar Sexszenen aneinanderzureihen, in denen verschiedene unverfängliche nackte Körperteile zusammencollagiert werden, gibt es fast keine mehr. Da und dort wagt jemand einen Versuch und landet damit im Spätprogramm. Die Streamingdienste aber erkennen ein Potenzial im Erotikfilm.

Die Filmreihe «Emmanuelle» wurde insbesondere in den USA zum Erfolg.
Die Filmreihe «Emmanuelle» wurde insbesondere in den USA zum Erfolg.
Foto: PD

Das Softcore-Kino hat nämlich seine Qualitäten, zuallererst prägt es die pubertäre Phase; ich jedenfalls erinnere mich ein bisschen zu gut an den Kuss im Swimmingpool in «Wild Things» von 1998. Erotikthriller handeln nicht selten von persönlicher sexueller Revolution, verbunden mit allerlei Gefahren. Bevor die Wachowski-Schwestern «The Matrix» drehten, inszenierten sie 1996 den heissen Lesbenkrimi «Bound».

Entwickelt hat sich der Erotikthriller aus dem Film noir; Brian de Palma nannte seinen Beitrag von 2002 schlicht «Femme Fatale». In den 70ern erfolgte der Umweg über das französische Glüstlerkino, verkörpert insbesondere durch die auch im Ausland erfolgreiche Reihe «Emmanuelle».

An den Filmen fällt heute vor allem auf, wie schlecht sie gealtert sind. Die verheiratete Hauptfigur entdeckt irgendwo in Südostasien die polymorphe Lust – aber nie tut sie es selber, stets muss ein Grüsel sie zu den Begegnungen nötigen. Die Frühgeschichte des Erotikkinos ist reich an Momenten, in denen Frauen sich zuerst wehren und dann nachgeben.

Ende der 80er-Jahre kam die Wende mit «Fatal Attraction», wo ein Mann eine Affäre eingeht und darauf von seiner Geliebten, gespielt von Glenn Close, mit flackerndem Blick terrorisiert wird; später redeten alle von «Basic Instinct»: Die Hoch-Zeit des erotischen Thrillers war eine Reaktion auf die zweite Welle des Feminismus, als Männer (und Regisseure) sich bedroht fühlten von Frauen, die so etwas Unerhörtes wie einen Job und ein selbstbestimmtes Sexleben haben wollten, jenseits der Mutterrolle.

Hier ist alles fatal: Glenn Close und Michael Douglas in «Fatal Attraction».
Hier ist alles fatal: Glenn Close und Michael Douglas in «Fatal Attraction».
Foto: PD

Man kann die Verzerrung der Frauenbewegung zu einer Galerie männerfressender Karrierebiester problematisch finden, aber diese Filme waren genüsslich übertrieben, und auch viele Zuschauerinnen mochten die Ikonografie einer neuen Dominanz (und den damit zusammenhängenden Schweinkram).

Erotikthriller führen das Machtstreben zwischen den Geschlechtern in den Wahnsinn, aber dafür benötigen sie die Realität des sozialen Wandels. Was geschieht, wenn man die Emanzipation ins Extrem des B-Movies treibt? Dass der Erotikthriller seit 20 Jahren mehr oder weniger verschwunden ist – hat diese Entwicklung also mit den Fortschritten in der Gleichberechtigung zu tun?

Könnte sein, denn wenn das Genre wiederkehrt, wie im Fall von «365 Days», muss der Mann die Frau schon einsperren, damit überhaupt etwas passiert. Die Wiederbelebung des erotischen Thrillers funktioniert nur mit den brachialsten Mitteln, der Mann muss seine Machtposition zuerst wiederherstellen. Das geht nur, indem er Zwang ausübt.

Die erotischen Idole von heute sind die Bestseller, siehe «50 Shades of Grey».

Und doch, angesichts der Dauerverfügbarkeit von allerhand Deutlichem vermisst man die schwüle Atmosphäre von vergleichsweise zurückhaltenden Schweinereien schon ein wenig. Die Sekundärliteratur zu filmischen Erotica beschreibt die Entwicklung als Sublimierung, potenzielle Perversitäten lösen sich wie in der «Twilight»-Filmreihe im Übernatürlichen auf, und Hollywoodstars, die sich nackt zeigen, gibt es sowieso keine mehr. Die erotischen Idole von heute sind die Romanbestseller, siehe «50 Shades of Grey».

Ebenfalls an den Schmutzrand gedrängt wurden Autorenfilme mit unsimulierten Sexszenen. US-Regisseur Paul Schrader hat diesbezüglich einmal festgestellt, das funktioniere einfach nicht, weil der Teil des Gehirns, der auf explizite Darstellungen reagiere, sich von jenem Teil unterscheide, der einer Erzählung folge. Auch das anspruchsvolle Lustkino ist wenig mehr als ein Gebrauchsartikel.

Schön gemacht: Zahia Dehar (rechts) in «Une fille facile».
Schön gemacht: Zahia Dehar (rechts) in «Une fille facile».
Foto: Julian Torres / Les Films Velvet

Wie es gelingen kann, dass doch mehr daraus wird, hat letztes Jahr die Französin Rebecca Zlotowski gezeigt – mit dem erotischen Drama «Une fille facile», in dem Zahia Dehar mitspielt. Die wurde notorisch, weil sie der Nationalfussballspieler Franck Ribery 2009 angeblich für Sex bezahlt hatte, damals war sie minderjährig. Im Film sitzt Dehar oben ohne an der Côte d’Azur und streicht offensiv über ihre Haut, «so weich». Damit vertreibt sie gleich einen Typen, der sie eigentlich aufreissen wollte.

Diese erotische Kunst braucht keinen Krimi-Plot, weil die Macht flüssig ist, sich von verschiedenen Punkten aus immer wieder neu zusammensetzt. Im Jachthafen von Cannes freunden sich Sofia (Zahia Dehar) und ihre Cousine mit zwei Kunsthändlern an, denn die finden es besonders erfrischend, wie diese einfachen Mädchen reden.

«Une fille facile» entwirft eine ganze Werttheorie des Begehrens, es geht um Tauschgeschäfte wie um die Vulgaritäten von Geld und Tattoos. Was ist geschmackloser, ein durchsichtiges Kleid oder eine Jacht?

Mittendrin Sofia als schönheitsoperiertes It-Girl, das nie Bargeld dabei hat, weil es sowieso alles bezahlt kriegt. Für anständige Feministinnen ist so etwas natürlich ein Gräuel, aber das liegt daran, dass Sexualität in diesem Drama immer verstrickt ist in Fragen der sozialen Klasse. Da wirds nun aber richtig prickelnd: Das Erzählrezept des Thrillers mag verschwunden sein, aber die Erotik bleibt gefangen in umso komplizierteren Netzen der Macht.

«Une fille facile» gibt es auf DVD.