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Beauty-OPs bei TeenagernDie Lippen sind vernarbt, das Portemonnaie leer

Junge Erwachsene und Teenager unterziehen sich immer öfter Schönheits-OPs. Was Ärzte zum Phänomen sagen und Eltern tun können.

Wer sagt heute, was schön ist? Vor allem das Aufspritzen der Lippen steht bei jungen Frauen hoch im Kurs.
Wer sagt heute, was schön ist? Vor allem das Aufspritzen der Lippen steht bei jungen Frauen hoch im Kurs.
Foto: Reto Oeschger

Schon als Kind störte sich Selina Güntensberger* an ihren dünnen Lippen. «Sie gefielen mir nicht und entsprachen auch nicht dem Schönheitsideal», sagt die heute 22-jährige Frau. Sie wünschte sich einen sinnlich vollen Kussmund. Mit 18 entschied sie sich dafür, ihre Lippen aufspritzen zu lassen. Heimlich, ohne Wissen der Eltern, begab sie sich in ein einschlägiges Kosmetikstudio, wo man ihr versprach, ihren Lippen kostengünstig die gewünschte Form zu geben.

Viele junge Erwachsene träumen von einem perfekten Körper, wie ihn Medien und Showbusiness ständig zeigen. Entsprechend unzufrieden sind viele mit ihrem Körper, vor allem mit ihrer Figur. Das geht aus einer grossen Studie der Gesundheitsförderung Schweiz hervor. Gemäss einer deutschen Untersuchung hat mehr als jeder Zehnte der 9- bis 14-Jährigen schon einmal über eine Schönheitsoperation nachgedacht hat. Zuoberst auf der Wunschliste stehen das Absaugen von Fett, die Behandlung von Hautunreinheiten und die Korrektur der Nase. Beliebt sind aber auch Lippen- und Augenlidbehandlungen.

Seit Ende April, als auch wieder nicht dringliche Operationen möglich wurden, verzeichnet die Schönheitschirurgie markante Zuwachsraten. So seien die ästhetischen Eingriffe bis Ende Juni um rund 25 Prozent gestiegen im Vergleich zu den Vorjahren, sagt Mark Nussberger, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für ästhetische Chirurgie und selbst Spezialarzt für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie in Basel. Als einen wichtigen Grund dafür vermutet Nussberger die dieses Jahr wegen der Corona-Krise mehrheitlich wegfallenden Auslandsferien und das damit gesparte Geld.

«Es gibt immer mehr Anfragen, die von Minderjährigen kommen.»

Nicole Lindenblatt, plastische Chirurgin am Universitätsspital Zürich

Dass Schönheits-OPs bei Jugendlichen trotzdem nicht so boomen wie bei Erwachsenen, liegt vor allem an den Kosten und der Altersschranke. Seriöse Chirurgen verlangen bei Minderjährigen grundsätzlich die Einwilligung der Eltern. Rein gesetzlich dürfen jedoch in der Schweiz ästhetische Eingriffe ab 16 Jahren auch ohne elterlichen Segen durchgeführt werden.

Wie viele Teenager sich tatsächlich operieren lassen, ist nicht bekannt. «Gefühlt gibt es immer mehr Anfragen, die von Minderjährigen kommen», glaubt Nicole Lindenblatt, plastische Chirurgin am Universitätsspital Zürich. Hinzu kommt, dass Eltern heute eher bereit sind, den Wünschen ihrer Kinder nachzugeben. «Ich habe schon Eltern erlebt, die eine ästhetische Operation geradezu eingefordert haben, weil die Jugendlichen durch den Schönheitsmakel so belastet würden», sagt die Chirurgin. Operationen bei Minderjährigen aus rein ästhetischen Gründen würden jedoch am Universitätsspital abgelehnt.

Nur gut begründete Eingriffe

«Es gibt einen wachsenden Markt für kosmetische Eingriffe, bei den jungen Frauen sind es vorab die Lippen», bestätigt Felix Bertram, Dermatologe und Leiter von Skinmed, einer Klinik für Dermatologie und plastische Chirurgie in Aarau und Lenzburg. Unter 18 Jahren führe man allerdings in der Regel keine Eingriffe durch. Jugendliche würden nur in Ausnahmefällen behandelt, das heisst, wenn vernünftige, nachvollziehbare Gründe vorlägen wie etwa eine krumme Nase. Und: Die Eltern müssten in jedem Fall hinter dem Eingriff stehen.

Schönheitschirurgen sind oft mit überzogenen, unrealistischen Erwartungen konfrontiert. «Rund ein Drittel der Anfragen sind nicht durchführbar», sagt Bertram. Er werde schon nervös, wenn die jungen Frauen ihre Handys aus der Tasche zögen und ihm Bilder von Stars wie Angelina Jolie zeigten. «Ich versuche dann, die operativen Grenzen aufzuzeigen», erklärt der Facharzt. Gelegentlich kämen auch junge Frauen zu ihm mit einem offensichtlich krankhaften Verhältnis zu ihrem Körper, zum Beispiel Magersüchtige, die sich Fett absaugen lassen wollten. Er versuche in solchen Fällen, psychologische Hilfe zu vermitteln.

Demgegenüber sieht sich das Kinderspital Zürich selten mit eigentlichen Verschönerungswünschen konfrontiert. «Es kommen in der Regel Eltern mit Kindern zu uns, die angeborene Fehlbildungen wie zum Beispiel störende Muttermale, Feuermale, Abstehohren oder Narben haben», sagt die Kinderdermatologin Lisa Weibel vom Kinderspital Zürich.

Ihre Kollegin Kathrin Neuhaus von der Plastischen Chirurgie des Zentrums Kinderhaut des Kinderspitals erklärt weiter: «Wir führen Operationen oder Laserbehandlungen zur Verbesserung der Funktion, Ästhetik und Vermeidung einer Stigmatisierung durch – oft ist dies nicht klar zu trennen.» Sie verstünden sich dabei als Beratende, klärten auf und zeigten die operativen Möglichkeiten und Grenzen auf. Das Zentrum Kinderhaut lege Wert auf die Individualität des einzelnen Falls und den Miteinbezug der Kinder bei Entscheidungen. Bis zum definitiven Entscheid seien oft mehrere Konsultationen in einem multidisziplinären Team nötig, zu denen auch eine Psychologin gehöre. «Schnellentscheide gibt es keine.»

In der Schweiz dürfen nur Ärzte Lippen aufspritzen. Aus Kostengründen landen aber manche Minderjährige bei illegalen Billiganbietern.

Derweil muss Selina Güntensberger für ihre Schönheit einiges erleiden: Der Lippenaufbau erfolgte in mehreren, schmerzhaften Sitzungen, bei denen Hyaluronsäure in die Lippen gespritzt wurde. Das Ergebnis enttäuschte. Die Lippen waren nicht nur ungenügend aufgebaut, sondern es blieben auch unangenehme Vernarbungen zurück. Ein neuer Eingriff wurde erforderlich, bei einer anderen Kosmetikerin. Abermals eine Enttäuschung, jetzt waren die Lippen obendrein noch unsymmetrisch.

In der Schweiz dürfen nur Ärzte Lippen aufspritzen. Aus Kostengründen landen aber manche Minderjährige bei illegalen Billiganbietern Kosmetikstudios, die sich hier eine goldene Nase verdienen. So flog vor rund zwei Jahren eine solche Schönheitsklinik in Bern auf, die nach einem Polizeieinsatz geschlossen wurde.

Viel Geld verloren

In den nächsten Monaten unternimmt Selina Güntensberger einen neuen Anlauf. Es muss dabei nicht nur der vorgängige Pfusch rückgängig gemacht werden. Hinzu kommt, dass sich die eingespritzte Substanz, ebenfalls Hyaluronsäure, natürlicherweise abbaut und alle paar Monate aufgefrischt werden muss. Das geht ins Geld, vor allem für junge Menschen mit einem kleinen Portemonnaie. Jeder Eingriff kostet 300 bis 400 Franken. Selina Güntensberger hat inzwischen mehrere Tausend Franken ausgegeben. Diese Kosten tragen die Patientinnen meist selbst. Die Krankenkasse zahlt nur, wenn es sich um ernsthafte Komplikationen nach Schönheitsoperationen handelt.

Mittlerweile hat Selina Güntensberger ihre Anstellung als Allroundkosmetikerin aufgegeben. Stattdessen arbeitet sie nun als selbstständige Kosmetikerin und hat sich auf Augenbrauen spezialisiert. «Mir ist es wichtig, anderen meine eigenen Fehler zu ersparen.»

*Name geändert