Die Krankenkasse als Schuldenfalle – so war das nicht vorgesehen

Das Stimmvolk will weder ­weniger Leistung noch Komforteinbussen.

Armin Müller@Armin_Muller

Im letzten Jahr seien die Gesundheitskosten pro Kopf erstmals über 10'000 Franken gestiegen, schätzt die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. 2017 erhielten 2,3 Millionen Versicherte in 1,35 Millionen Haushalten Prämienverbilligungen. Damit waren 26,4 Prozent aller Versicherten, mehr als ein Viertel, staatlich subventioniert. Auf dem Höhepunkt im Jahr 2002 war es sogar ein Drittel. Ein Schweizer Durchschnittshaushalt muss gut 6 Prozent des Bruttoeinkommens für die Krankenkassenprämien in der Grundversicherung aufwenden. Die steigende Belastung wird für tiefe und mittlere Einkommen zum ernst­haften Problem. Die Krankenkasse als Schuldenfalle – so war das nicht vorgesehen.

Die Kostenbelastung durch die Kranken­kassenprämien figuriert in Umfragen wieder ganz weit oben in der Sorgen-Hitparade. In einem Wahljahr motiviert das die Parteien verständlicherweise zu einigem Aktivismus. Wie die Erfahrung lehrt, darf man davon nicht viel erwarten. Es werden ein wenig Kosten umverteilt, und da und dort wird an der Regulierungsschraube gedreht.

Wer das Kostenwachstum bremsen will, muss sich mit Patienten, Spitälern, Ärzten, Krankenkassen und Medikamentenherstellern anlegen.

Das ist verständlich. Die Stimmbevölkerung wünscht weder Leistungsbeschränkungen noch Komforteinbussen. Die Managed-Care-Vorlage lehnte sie 2012 deutlich ab. Die freie Arztwahl ist ihr heilig. 2009 befürwortete eine Mehrheit die Übernahme der Komplementärmedizin durch die Grundversicherung. Seit 2012 sind nun Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin, anthroposophische Medizin sowie Phythotherapie in der Grundversicherung inbegriffen, auch wenn ihre Wirksamkeit nicht belegt ist. Prompt zeigte eine Untersuchung, dass die Komplementärmediziner in der Grundversicherung pro Patient ein Fünftel höhere Kosten als andere Ärzte verursachen, weil viele Behandlungen zusätzlich erfolgen statt «komplementär». Zwar klagen alle über die steigende Prämienlast. Aber wenn mit der Schliessung eines Regionalspitals die Kosten gesenkt werden sollen, ist das schnell vergessen.

Das Gesundheitswesen ist ein komplexes, hoch reguliertes System. Entsprechend schwierig sind Reformen. Einige Hauptkostentreiber sind kaum zu beeinflussen: Bevölkerungswachstum, Alterung, medizinischer Fortschritt, wachsender Wohlstand, zunehmende Individualisierung. Logisch, dass die Kosten steigen.

Wer zumindest das Kostenwachstum bremsen will, muss sich mit Patienten, Spitälern, Ärzten, Krankenkassen und Medikamentenherstellern anlegen. Aber Politiker, die sich bei zu vielen Anspruchsgruppen unbeliebt machen, gefährden ihre Wiederwahl. Wir haben die Politiker und die Gesundheitspolitik, die wir verdienen.

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