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Flüchtlinge in SpanienDie Kanaren wollen nicht zum neuen Lesbos werden

Auf den Kanarischen Inseln landen täglich Migranten. Vorläufig sollen sie in den leeren Touristenhotels wohnen oder in neuen Lagern. Aufs Festland will Madrid sie nicht holen.

Warten auf Corona-Test und Unterkunft: Migranten sitzen nach ihrer Rettung auf hoher See im Hafen von Arguineguín.
Warten auf Corona-Test und Unterkunft: Migranten sitzen nach ihrer Rettung auf hoher See im Hafen von Arguineguín.
Foto: Javier Bauluz (AP)

Die Kanaren dürfen kein zweites Moria werden – diesen Satz hört man oft und von ganz unterschiedlichen Seiten. Man hört ihn von einer Bürgermeisterin auf Gran Canaria, die Hotels bestrafen will, die Zimmer an Geflüchtete vergeben. Und von Hilfsorganisationen, die für eine menschenwürdige Unterbringung dieser Menschen kämpfen. Die spanische Migrationsbeauftragte sagt ihn, der Oppositionsführer ebenfalls.

Doch genau an das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos erinnern die Bilder: Auf der Hafenmauer von Arguineguín im Süden Gran Canarias kauerten an die 2000 Menschen, ohne Decken oder Schutz vor der Sonne. Inzwischen habe sich die Situation etwas entspannt, sagt Antonio Morales, Vorsitzender des Inselrats auf Gran Canaria. Es gibt Zelte, alles wirkt etwas organisierter als noch vor einigen Tagen. Doch noch immer harren 1000 Menschen im Hafen aus. «Der Umgang mit ihnen ist unwürdig», sagt Morales.

Die Überfahrt ist lebensgefährlich

Die Menschen, die dort auf das Ergebnis ihres Corona-Tests und die Feststellung ihrer Identität warten, kamen mit Booten von der Westküste Afrikas über den Atlantik. Je nach Abfahrtsort dauere die Überfahrt zwischen zwei Tagen und zwei Wochen, sagt Txema Santana von der Hilfsorganisation CEAR. Manche Bootsflüchtlinge aus weit entfernten Ländern südlich der Sahara kämen in derart schlechter Verfassung an, dass ihre Beine sie kaum noch tragen und sie in knietiefem Wasser zu ertrinken drohen.

Die Überfahrt ist lebensgefährlich, nach Schätzungen UNO stirbt jeder 16. Bootsflüchtling auf der Atlantikroute. Verfehlen die Boote die Inselkette, treiben sie aufs offene Meer hinaus und die Menschen in den sicheren Tod. Erst am Mittwoch starben mindestens acht Menschen vor der Küste von Lanzarote.

Es kommen vor allem junge Männer: 129 weitere Migranten werden von der spanischen Küstenwache nach Arguineguín gebracht.
Es kommen vor allem junge Männer: 129 weitere Migranten werden von der spanischen Küstenwache nach Arguineguín gebracht.
Foto: Borja Suarez (Reuters)

Dennoch machen sich Hunderte vor allem junge Männer auf den Weg. «Es kommen momentan pro Tag etwa 280 Menschen an», sagt Santana. Deutlich mehr als im Oktober, als insgesamt 5000 Flüchtlinge und Migranten auf den Kanaren landeten.

Noch etwas habe sich geändert: Derzeit kämen vor allem Marokkaner. «Viele von ihnen fliehen vor den Folgen der Pandemie», so Santana. Anspruch auf Asyl haben die meisten dieser Menschen nicht, auf den Kanaren laufen derzeit nur 352 Asylanträge.

Hotels, die vom 1. Januar an noch Migranten beherbergen, drohe ein Bussgeld bis zu 300’000 Euro.

Für diejenigen, die überleben und die Prozedur an der Hafenmauer überstanden haben, gibt es nach wie vor nicht genügend Unterkünfte. Die spanische Regierung hat Hotels und Bungalows für etwa 6000 Menschen angemietet. Derzeit stehen fast alle Hotels auf den Kanaren leer, wegen Corona sind viele Urlauber zu Hause geblieben. «Wir haben normalerweise um diese Zeit eine Auslastung von 90 bis 95 Prozent», sagt Tom Smulders, Chef der Hotelvereinigung auf Gran Canaria. Momentan seien gerade einmal acht Prozent der Betten von Touristen belegt, in weiteren 3,5 Prozent seien Geflüchtete und Migranten untergebracht.

Obwohl keine Rede davon sein kann, dass die Afrikaner Touristen die Hotels streitig machten, setzt die Bürgermeisterin des Ferienortes Mogán auf Gran Canaria der Regierung ein Ultimatum: Hotels, die vom 1. Januar an noch Migranten beherbergen, drohe ein Bussgeld bis zu 300’000 Euro. «Wir können nicht zulassen, dass Gran Canaria wegen der Untätigkeit und des Mangels an Koordination dieser Regierung ein Gefängnis wird, ein Lampedusa oder ein Lesbos», sagte Onalia Bueno.

7000 Plätze in vom Militär geschaffenen Lagern

Die Migrationsbeauftragte der Regierung, Hana Jalloul, weist das Ultimatum zurück: Sie sieht leer stehende Hotels als pragmatische Übergangslösung. «So haben die Angestellten wieder Arbeit und die Migranten eine sichere Unterkunft», sagt sie. Im Übrigen habe sie kein Verständnis für die Vorstellung, dass Hotels nur für Touristen reserviert seien. «Diese Menschen haben Schlimmes durchgemacht, warum sollten sie nicht in einem Hotel ausruhen dürfen, das ohnehin leer steht?»

Doch auch die Regierung weiss, dass Hotels keine Dauerlösung sind. Man will jetzt 7000 Plätze in vom Militär geschaffenen Lagern errichten. Das Migrationsministerium nennt das einen «gigantischen Plan». «Aber so viele Menschen kamen allein im November», sagt CEAR-Sprecher Santana. Laut spanischem Innenministerium landeten seit Jahresbeginn etwa 19’000 Flüchtlinge und Migranten auf den Kanaren.

In den neuen Lagern sollen 7000 Menschen unterkommen: Eines der vom Militär aufgebauten Zelte auf Gran Canaria.
In den neuen Lagern sollen 7000 Menschen unterkommen: Eines der vom Militär aufgebauten Zelte auf Gran Canaria.
Foto: Borja Suarez (Reuters)

Von ihnen könnten etwa 4000 Menschen bereits aufs Festland gereist sein. Laut der Onlinezeitung «El Confidencial» bestätigen Polizeiquellen die Zahl, die Menschen wollten weiter nach Frankreich gelangen. CEAR-Sprecher Santana will die Zahl von 4000 Weitergereisten nicht bestätigen, doch auch er beobachtet mit Sorge, dass einige sich auf eigene Faust weiter durchschlagen: «Diesen Menschen drohen Illegalität und Verwundbarkeit.»

Migrations-Staatssekretärin Hana Jalloul will von etwaigen Weitergereisten nichts wissen. «Nicht die Zuständigkeit unseres Ministeriums», sagt sie. Auch das zuständige Innenministerium spricht nur von 2000 Frauen und Kindern, die aufs Festland geflogen wurden. Mehr sei man nicht gewillt zu holen, man wolle keine Anreize für Flüchtlinge schaffen.

Doch Oppositionsführer Pablo Casado wirft Ministerpräsident Pedro Sánchez genau das vor. Es sei ein Fehler gewesen, im Juni 2018 das Rettungsschiff Aquarius mit 629 Menschen aufzunehmen, sagte Casado. Sánchez sei so verantwortlich für die «schlimmste Migrationskrise, die Spanien je erlebt hat». Zum Vergleich: 2006 kamen 36’000 Migranten auf die Kanaren.