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Kommentar zur Corona-ImpfungDie irrationale Angst vor dem Impfen

Alles wartet auf einen Impfstoff gegen Covid-19. Ob ihn sich dann genügend Menschen spritzen lassen werden, ist aber ungewiss.


So oder so keine angenehme Prozedur: Die Impfung.

So oder so keine angenehme Prozedur: Die Impfung.
Foto: Bebeto Matthews (Reuters)

Das Coronavirus wird so lange ein Problem bleiben, bis es einen Impfstoff gibt. Dieser Satz ist mittlerweile zur Binsenwahrheit geworden. Neben der Ungewissheit, ob es der Wissenschaft gelingen wird, überhaupt einen Impfstoff zu herzustellen, ist eine zweite Frage offen: Wie gross wird der Anteil der Bevölkerung sein, die sich nach dessen allfälliger Entwicklung weigert, sich impfen zu lassen?

Befragungen lassen nun darauf schliessen, dass die Zahl der potenziellen Impfverweigerer gross ist und seit Ausbruch der Pandemie sogar wächst. Zu diesem Schluss kommt der amerikanische Biologe und Physiologe Jonathan Berman in seinem Buch «Anti-vaxxers». Zu jenen, die Impfungen grundsätzlich ablehnen, weil sie sie für gesundheitsgefährdend halten, kommen die Personen hinzu, die an eine der Corona-typischen Verschwörungstheorien glauben etwa, dass Bill Gates das Virus erschaffen hat, um den Menschen mit dem Impfstoff einen Mikrochip einzuspritzen.

Bezeichnend für diese Gruppen ist, dass sie im Internet aktiv und gut vernetzt sind. Es zeigt sich auch ein Phänomen, das der deutsche Amerikanist und Forscher zu Verschwörungstheorien, Michael Butter, in seinem Buch «Nichts ist, wie es scheint» beschrieben hat: Ereignisse, die nach gesundem Menschenverstand eigentlich dazu führen sollten, eine Meinung zu überdenken, bekräftigen Verschwörungstheoretiker erst recht in ihren Absichten.

Laut einer in der medizinischen Fachzeitschrift «The Lancet» publizierten Umfrage würden 26 Prozent der Französinnen und Franzosen auf eine Impfung verzichten. In Grossbritannien wären es gemäss einer Studie der Universität Cambridge 12 Prozent, in den USA ein Viertel der Gesamtbevölkerung und 34 Prozent der republikanischen Wähler. In der Schweiz hat vergangenes Jahr also vor Ausbruch der Corona-Pandemie eine Umfrage ergeben, dass 20 Prozent der Bevölkerung Impfungen für «nicht oder eher nicht sicher» halten.

Eine grosse Zahl von Impfverweigerern könnte schlimmstenfalls die sogenannte Herdenimmunität gefährden, also eine Immunität von 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung.

Da die Bestimmung über den eigenen Körper das wohl wichtigste individuelle Freiheitsrecht überhaupt ist, kommt in einem liberalen, demokratischen Rechtsstaat ein Impfzwang nicht infrage. Es bleibt nur die Aufklärung. Wichtig ist dabei, absolute Klarheit darüber zu schaffen, welche Pharmakonzerne den Impfstoff oder mehrere Impfstoffe entwickelt haben und wie viel sie daran verdienen. Denn ein grosser Teil des Misstrauens gegenüber dem Endprodukt nährt sich laut Experten aus dem Verdacht, Pharmamultis würden alles tun, um Unsummen zu verdienen.

Hartgesottene Verschwörungstheoretiker und überzeugte Wissenschaftsskeptiker wird Aufklärung nicht beeindrucken. Aber Schwankende und Zweifelnde kann sie erreichen.