Die Hexer im Hexenkessel

Wacker Thun wird dank eines Tores in der Schlusssekunde zum zweiten Mal Meister. Bemerkenswert zahlreich angereiste Anhänger der Gäste sorgen für eine Atmosphäre, wie sie der hiesige Handball nicht gekannt hat.

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Adrian Horn

Ein Blick zurück, und dann gibts kein Halten mehr. Luca Linder vergewissert sich, ob der Treffer auch wirklich zählt, dann setzt er seinen Sprint fort, die Teamkollegen im Schlepptau. Er rutscht ans Ende des Platzes, die Mitstreiter landen auf ihm. Sie feiern den wichtigsten Treffer in der Geschichte des 57-jährigen Clubs.

10 Sekunden sind noch zu ­spielen, 23:23 lautet das Skore, als die Thuner zu einem letzten Angriff ansetzen. Nicolas Suter rennt in seiner nur schwer nachahmlichen Art nach vorn, er passt zu Lenny Rubin, der von gleich drei Winterthurern am Werfen gehindert wird und registriert, dass Linksflügel Linder ins Zen­trum rückte und frei ist. Er spielt den 29-Jährigen an, und dieser erzielt unmittelbar vor Ertönen der Schlusssirene das Tor, das Wacker den Titel beschert.

Meister sind die Berner Oberländer, zum zweiten Mal überhaupt. Sie setzen sich in der Best-of-5-Serie gegen Pfadi 3:1 durch.

Marc Winkler blickt in die Men­ge, er breitet die Arme aus, schreit. Zehn Minuten sind ge­spielt, und Wackers Keeper hat eben zum fünften Mal pariert. Im Gegenzug trifft Nicolas Raemy zum 5:1. Abermals ist den Thunern in der Ausmarchung ein exzellenter Start gelungen.

Auch neben dem Feld be­eindrucken Berner Oberländer. Rund 600 Anhänger haben die Mannschaft von Martin Rubin nach Winterthur begleitet, an­gereist in fünf Bussen. Der Gästefansektor droht überzuquillen, der Speaker fordert die Besucher aus Thun auf, Treppen und Fluchtwege freizulassen. Die Zuschauer sorgen für Fussballstadionatmosphäre, für Bilder, welche hierzulande in dieser Sportart noch nicht auszumachen waren. Lukas von De­schwanden behauptet: «80 Prozent von ihnen kenne ich.»

Die Thuner Schlüsselkraft verbringt ihre letzten fünf Minuten als Wacker-Akteur auf der Bank. Nach seiner dritten 2-Minuten-Strafe musste der künftige Bundesligaprofi das Feld verlassen. Davor hatte er sein Ensemble mit sechs Treffern auf Kurs gebracht. Die vielleicht schönste Zeit seines Lebens ende gerade, sagt der 28-jährige Urner nach der Partie. «Der Club hat mich geprägt. Meine Mitspieler sind zu besten Freunden geworden», erzählt er.

Flavio Wick schlägt sich auf die Brust, immer und immer wieder. Der Aargauer hat erneut einen Penalty gehalten, zum neunten Mal in der Serie war Wackers zweiter Torhüter mittels Strafwurf nicht zu bezwingen. Diese Parade aber, die ist besonders wichtig. Der 23-Jährige verhindert drei Minuten vor Schluss den Anschlusstreffer der Hausherren. Winkler und Wick sind die Matchwinner in einer engen Partie, welche die Thuner auch verlieren könnten. Die auf dem Feld ein bisschen verrückten Keeper hexen Wacker zum Titel.

Pfadi hat auf die Kanterniederlage in der Lachenhalle reagiert und deckt merklich aggressiver. Das kriegt vorab Nicolas Raemy zu spüren, der in den Partien davor überragende Linkshänder der Berner Oberländer. Der Na­tionalspieler steckt eine Menge ein. «Es gab in dieser Partie ei­nige Aktionen, die nicht sauber waren. Als Ganzes aber war die Serie ausgesprochen fair», sagt Coach Rubin.

Es ist ein Abgang mit Stil. Trainersohn Lenny Rubin verlässt zwei Stunden nach der Begegnung die Zielbau-Arena. Er trägt eine Jogginghose und den Pokal in den Händen. Beim 2,05-Meter-Mann ist dieser gewiss sicher. «Ich habe so sehr gehofft, dass die Sache so endet», sagt er, der in die Bundesliga wechselt. Als er die Tür passiert, erblickt er Teamkollegen, streckt Hände und Trophäe in die Höhe. Eine lange Saison endet, eine lange Nacht beginnt.

Berner Zeitung

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