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Die Hagelabwehr hat ausgeschossen

Samuel Stucki hat beim Skilift Chuderhüsi jeweils gute Sicht auf Gewitter, die sich zusammenbrauen.
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Samuel Stucki weiss, was in den Wolken vor sich geht, bevor Hagelsteine auf die Erde prasseln. Seit Jahren befasst sich der Nebenerwerbsbauer, der im Aussendienst arbeitet, mit dem Wetter. Hört er am Morgen im Wetterbericht des Radios, dass sich etwas zusammenbrauen könnte, studiert er im Internet die Wetterkarten und verfolgt auf dem Radar, wo die Gewitterzonen durchkommen.

Samuel Stucki wohnt beim Chuderhüsi, unmittelbar neben dem Skilift Gauchern. Von dort hat der Röthenbacher vom Chasseral bis zum Napf das ganze Gebiet im Auge. Heute könne er auf fünf Minuten genau voraussagen, wann ein Gewitter wo eintreffen werde, sagt Stucki. Das wissen die Bauern rundum offenbar. Jedenfalls komme es vor, dass sie sich bei ihm erkundigten, ob es ratsam sei, nachmittags das Getreide dreschen zu lassen.

Skyguide involviert

Von Stuckis Beobachtungen profitierten aber in den letzten Jahren insbesondere die Schützen des Hagelabwehrverbands Mittelland-Emmental. Denn seit 1995 bräuchten sie jedes Mal die Erlaubnis der Flugsicherung Skyguide, bevor sie eine Rakete (siehe Kasten) abfeuern dürften, erklärt der Bauer. Stucki amtete in den letzten Jahren im Auftrag des Verbands als Koordinator, der es den Schützen via SMS mitteilte, wenn die Luft rein war. Doch nächsten Sommer wird er das Alarmierungssystem, das er selber entwickelt habe, nicht mehr zugunsten der Hagelabwehr einsetzen können. Denn der Verband stellte seine Tätigkeit auf Ende 2016 ein.

«Die ganze Hagelabwehr müsste professioneller werden, aber dafür bräuchten wir mehr Geld.»

Ulrich FriedliVerbandspräsident

Es war offenbar ein Sterben auf Raten. Einst hätten im Gebiet zwischen Oberbalm an der Grenze zum Kanton Freiburg bis nach Schangnau 56 Gemeinden mit­gemacht, sagt Verbandspräsident Ulrich Friedli. Er wohnt in Schangnau, in einer der 13 Gemeinden, die bis heute an die Wirksamkeit der Hagelraketen geglaubt haben. Aber nun geht dem Verband der Schnauf aus. Und dafür gebe es eine ganze Reihe von Gründen, sagt Friedli.

In Bezug auf die Schiesssicherheit seien die Auflagen erhöht worden, die Sprengstoffgesetzgebung werde immer schärfer, was für die Gemeinden höhere Kosten zur Folge habe. Zudem seien die Schützen nicht mehr richtig ausgebildet worden, Nachwuchsprobleme hätten sich bemerkbar gemacht. Friedli fasst zusammen: «Die ganze Hagelabwehr müsste professioneller werden, aber dafür bräuchten wir mehr Geld.» Ums Jahr 2010 habe der Verband Anstrengungen unternommen, Sponsoren zu gewinnen. «Doch es kamen bloss 250 Franken zusammen.»

Die alten «Napfversuche»

Nicht einmal die Schweizerische Hagelversicherung oder die Gebäudeversicherung des Kantons Bern hätten der Hagelabwehr eine Unterstützung zugesagt. Alle Absagen hätten sich auf die «Napfversuche» berufen, sagt Friedli und erklärt: In den 1970er-Jahren habe die ETH im Napfgebiet Hagelabwehrversuche mit russischen Raketen durchgeführt. Diese hätten aber eine schlechte Wirkung erzielt. «Und sie warfen uns mit unserer Arbeit um 30 Jahre zurück», konstatiert Friedli.

Denn seither berufe sich jede Stelle, die vom Verband um Geld angegangen werde, auf diese Versuche. Das ärgert Friedli. Schliesslich arbeite der Hagelabwehrverband ganz anders als die ETH in ihrem seinerzeitigen Versuch, bei dem die Rakete ein grossflächiges Gebiet vor Hagel bewahren sollte, in dem sie bis zu 10 000 Meter in die Höhe katapultiert worden sei. Der Hagelabwehrverband aber setze viel kleinere Raketen ein, mit denen die Wolken gezielter und direkter «geimpft» werden könnten. Friedli ist von der Wirksamkeit überzeugt. «Sonst hätte unser Verband wohl kaum 68 Jahre bestanden», sagt er. Der Präsident geht deshalb davon aus, dass künftig im Gebiet, in dem bis anhin noch geschossen wurde, grössere Hagelschäden auftreten werden.

«Aber wir können den Verband nicht mit Gewalt am Leben erhalten», sagt Friedli. Er wird beobachten, was passiert, und wäre nicht überrascht, «wenn später vielleicht wieder etwas Neues entstehen würde».

Doch vorerst sieht er das Ende seines Verbandes als «Zeichen unseres heutigen Wohlstandes, in dem man alles versichern kann und einem alles bezahlt wird».