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Netflix-Star Laura HaddockDie fulminante Spätstarterin

Laura Haddock ist die Hauptattraktion der Netflix-Serie «White Lines». Jetzt stehen der wandlungsfähigen 34-jährigen Britin alle Türen zum Erfolg offen.

Später Durchbruch für die 34-Jährige: In «White Lines» kann Laura Haddock ihre Qualitäten voll ausspielen.
Später Durchbruch für die 34-Jährige: In «White Lines» kann Laura Haddock ihre Qualitäten voll ausspielen.
Foto: PD

«Ich habe in den letzten 24 Stunden mehr gelebt als in den letzten 24 Jahren.» Klingt wie ein Ausverkauf-Slogan? Wie Laura Haddock das zu Beginn von «White Lines» frontal in die Kamera sagt, kommt es mehr einem Begräbnis der eigenen Gefühle gleich. Jener Gefühle, die Haddocks Figur Zoe Walker gehabt hatte, bevor sie nach Ibiza kam, um Nachforschungen über ihren mutmasslich ermordeten Bruder anzustellen.

Aber das alles ist zu Beginn der Netflix-Serie noch etwas verschwommen. Von glasklarer Präsenz und Entschlossenheit ist dagegen die Titelheldin, die von einer Schauspielerin verkörpert wird, deren expressive Lippen und Augen an eine Kreuzung aus Margot Robbie und Angelina Jolie erinnern.

Freude und Leid liegen bei ihr nur einen Wimpernschlag auseinander: Laura Haddock in der Netflix-Serie «White Lines».
Freude und Leid liegen bei ihr nur einen Wimpernschlag auseinander: Laura Haddock in der Netflix-Serie «White Lines».
Foto: Netflix

Das Irritierende dabei: Diese Laura Haddock wirkt vital und verbraucht zugleich, natürlich und belastet im selben Augenblick, was wiederum der Logik von «White Lines» geschuldet ist, die bezüglich der Hauptfigur etwas an «Breaking Bad» erinnert: Zoe, ausgestattet mit einem tiefen Gerechtigkeitsempfinden, möchte mit der Vergangenheit ins Reine kommen – und öffnet dabei ungeahnte Abgründe in der Gegenwart.

Vielseitig in «Guardians of the Galaxy»

Fragt sich nur: Woher kommt diese Schauspielerin? Laura Haddock, 1985 in London geboren, war angeblich schon als Kind klar, dass sie zum Film wollte. Mit 17 brach sie die Schule ab, um an der Arts Educational School zu studieren. Einen ersten Achtungserfolg erzielte sie dann aber nicht etwa in einer Shakespeare-Verfilmung, sondern als Objekt der Begierde in der Schenkelklopfkomödie «The Inbetweeners Movie» (2011) über hormonell übersteuerte Teenager.

Es sollte allerdings ein paar Jahre dauern, bis Haddock als spitzzüngige Oxford-Professorin im Action-Blockbuster «Transformers: The Last Knight» (2017) international für Aufsehen sorgte. Ihren prominentesten Auftritt bekam sie als Mutter von Peter Quill alias Star-Lord; sie bestritt in beiden «Guardians of the Galaxy»-Filmen im Rahmen des Marvel Cinematic Universe die Eröffnungsszene.

In Teil 1 dieser ironischen Weltraumblödelei war Haddock – ausgerechnet – als kahlköpfige Tumorpatientin auf dem Sterbebett zu sehen, die ihrem Sohn als letzte Gabe ein aus Popklassikern gespicktes Musik-Mixtape zusteckt. In Teil 2 sieht man sie – acht Jahre früher – als unbeschwertes Achtzigerjahre-Girl, das sich auf einer Spritzfahrt in einen Ausserirdischen verliebt.

Die beiden Szenen geben eine gute Vorstellung davon, was Haddocks Ausdrucksspektrum beinhaltet: Freude und Leid, Staunen und Konsternation liegen bei ihr nur einen Wimpernschlag auseinander, vom unbeschwerten Strahlen bis zum blanken Entsetzen dauert es keine Sekunde.

Eine Bibliothekarin geht an ihre Grenzen

In «White Lines» kann Haddock diese Qualitäten nun voll ausspielen – zum ersten Mal seit Jahren wieder in einer Hauptrolle –, wobei diese Zoe im Grunde eine brave Bibliothekarin ist, die nur aufgrund der dramatischen Geschehnisse rund um ihren Bruder an ihre Grenzen gehen muss.

Mal vertraut sie sich dabei einem Türsteher namens Boxer an und wird Zeugin eines nach allen Regeln der Hässlichkeit ausufernden Clankrieges. Mal rast sie im klapprigen Kleinwagen mit Paketen voller Koks der Polizei davon («das habe ich in Manchester gelernt»). Mal muss sie – das Schwierigste von allem – ihr Bild vom angehimmelten Bruder hinterfragen. Aber wie sie das tut, zeugt von einem fast schon intuitiven Spielverständnis.

Später Durchbruch – und jetzt?

«White Lines» ist ein später Durchbruch für die 34-jährige Haddock, die mit Schauspielkollege Sam Claflin («The Hunger Games») zwei Kinder hat und sich 2019 von ihm trennte. Was die Karriere betrifft, so soll man sich jedoch nicht täuschen lassen: Auch eine Naomi Watts schaffte es erst in ihren frühen Dreissigern dank David Lynchs «Mulholland Drive» zum Star.

Bleibt die Frage, die sich Haddock selber auch schon öffentlich stellte: Wird es bald eine zweite Staffel von «White Lines» geben? Oder wird man sie demnächst öfter in Hollywoodwerken sehen, wenn dort die Produktion wieder aufgenommen wird? Der Britin ist zuzutrauen, dass sie ein Streaming- und Kinopublikum gleichermassen zu begeistern vermag.