Die frechsten Versicherungsbetrüger

BetrugVersicherungsbetrüger werden immer

professioneller und dreister. Die Kosten für ihre Taten

tragen wir alle. Experten der Mobiliar und der Emmental Versicherung erzählen,

wie Schlaumeier versuchen, sie hinters Licht zu führen.

Schadenexperte bei einer Versicherung, das geben Primarschüler kaum als ihren späteren Traumberuf an. Doch wenn Andreas Stucki von der Emmental Versicherung von seiner Arbeit erzählt, dann denkt man unweigerlich an so aufregende Fernsehserien wie CSI (Crime Scene Investigation). Denn wer Versicherungsbetrug aufdecken will, braucht ein gutes Gespür – und hochprofessionelle Helfer. Mit Betrug das Leben verdient Vom «Bauchgefühl», das unbedingt nötig sei für diesen Beruf, spricht auch der Schadeninspektor der Mobiliar. Er will lieber anonym bleiben, denn Drohungen seien in seiner Position keine Seltenheit. «Die Betrüger werden immer professioneller», stellt er fest. Als besonders krasses Beispiel nennt er einen Autofahrer, der mit Versicherungsbetrug seinen Lebensunterhalt bestritt. In zehn Jahren war der Mann in 49 Verkehrsunfälle verwickelt. Weil er vermeintlich nie die Schuld trug, zahlten die Mobiliar und andere Versicherer jedes Mal. «Der Mann nutzte gezielt die Unsicherheit Ortsfremder aus», erklärt der Schadeninspektor. So suchte sich der Betrüger auf der Stadtautobahn Autos mit Nummernschildern aus anderen Kantonen aus, die auf der linken Spur fuhren. Er wusste, irgendwann würden sie hektisch auf die rechte Spur wechseln, um die Ausfahrt nicht zu verpassen. Geschickt lenkte er sein Fahrzeug so, dass ihn die Ortsfremden bei diesem Manöver touchieren mussten. «Typisch für diesen Versicherungsbetrüger war, dass der Mann fast jedes Mal darauf bestand, dass die Polizei sich den Unfall ansieht», erzählt der Schadeninspektor. Das vermeintliche Opfer machte sogar ein Schleudertrauma geltend und erhielt dafür über 200000 Franken Taggeld von der Unfallversicherung. Dass dem Mann so lange niemand auf die Schliche gekommen sei, liege unter anderem an den strengen Datenschutzbestimmungen und den mangelnden Beweisen für eine Straftat, sagt der Schadeninspektor. Falsche Hagelgrösse Auf die Spur der Betrüger führen den Experten unter anderem auffällige Verhaltensweisen. «Sie werden meistens schnell aggressiv, wenn Zweifel an ihrem Schadenfall auftauchen. So wollen sie unsere Sachbearbeiter unter Zugzwang setzen», erzählt Andreas Stucki von der Emmental Versicherung. Das geschah auch in einem klassischen Fall: Ein Mann wollte Geld für sein verhageltes Auto. «Doch unser Experte sagte, die aktuellen Hagelschäden, welche viele Fahrzeuge erlitten hätten, sähen ganz anders aus als die am Auto des Kunden», erzählt Stucki am Hauptsitz der Emmental Versicherung in Konolfingen. Der Kunde tobte und drohte damit, die Sendung «Kassensturz» des Schweizer Fernsehens zu informieren. Die Emmental Versicherung schaltete einen Detektiv der befreundeten Zürich Versicherung ein. Dieser fand heraus, dass der Versicherungsnehmer das Auto für rund 3600 Franken gekauft hatte, aufgrund seines Alters und der gefahrenen Kilometer hätte das Auto aber noch rund 12000 Franken wert sein müssen. Ein Schaden musste also den Wert schon vor dem Kauf deutlich gemindert haben. «Es braucht keine hellseherischen Fähigkeiten, um auf die Idee zu kommen, dass dies ein alter Hagelschaden gewesen sein könnte», stellte der Detektiv in seinem Bericht lakonisch fest. Die Gier und der Zufall «Den typischen Versicherungsbetrüger gibt es nicht», betont Stucki. Betrüger kämen in allen sozialen Schichten vor, vom Sozialhilfeempfänger bis zum Professor. Das Geschlecht spiele ebenfalls keine Rolle. Wenn die Verlockung gross ist, kann auch die Durchschnittsfamilie mal versuchen, die Versicherung übers Ohr zu hauen. Der Schadeninspektor der Mobiliar erzählt: «Bei einer Familie war in den Ferien eingebrochen worden. Sie erstellte eine riesige Schadenliste – vom Ehering bis zum Designerkleid war alles gestohlen worden. Ich fragte sie dann, ob sie überhaupt irgendetwas in die Ferien mitgenommen hätten.» Die Familie verstricke sich in Widersprüche – und die Lüge flog auf. Oft bringt erst der Zufall eine Schwindelei an den Tag. Etwa im Fall einer Werkstatt in der Region, die einen Einbruch meldete. Der Besitzer schrieb der Emmental Versicherung, ein Canon-Drucker sei verschwunden. Kostenpunkt: 1900 Franken. Der Sachbearbeiter stutzte und fragte seinen Kollegen, ob ein Drucker tatsächlich so viel kosten könne. Der Kollege hatte zufällig zu Hause genau dasselbe Druckermodell stehen – und deutlich weniger dafür gezahlt. Wer dann noch die Quittung und den Brief mit der Schadenmeldung genau studierte, sah, dass beide mit demselben Gerät gedruckt worden waren. Der Schweizerische Versicherungsverband geht davon aus, dass 10 Prozent der Schadenzahlungen unnötig wären. Letzten Endes zahlen die ehrlichen Versicherungsnehmer die Zeche: Die Versicherungen schlagen die Ausfälle einfach auf die Prämien drauf. Einziger Trost: Viele Betrüger werden mit der Zeit übermütig. «Die Gier lässt sie unvorsichtig werden», sagt der Schadeninspektor der Mobiliar. Wenn sie es einmal geschafft haben, abzukassieren, dann versuchen sie es oft ein zweites und drittes Mal. Der Fall «Linzer Torte» Manchmal aber, und das sind wohl die denkwürdigsten Fälle, sieht alles nach einem Betrug aus, weil das Leben eine Geschichte geschrieben hat, die so gut ist, dass man sie fast nicht glauben mag: Ein Ehepaar in der Region erzählte der Emmental Versicherung, ihr Familienschmuck sei abhanden gekommen. Ein Dieb habe ihn aus der Tiefkühltruhe in ihrem Kellerabteil geklaut. Versteckt gewesen sei der Schmuck unter einer Linzer Torte. «Wer bewahrt seine Wertsachen schon an einem solchen Ort auf?», fragt der Schadenexperte rhetorisch. «Und welcher Dieb schaut schon in eine Tiefkühltruhe?» Noch verdächtiger wirkte, dass das Ehepaar Schulden von weit über einer Million Franken hatte. «Doch wir hatten keine Beweise und zahlten deshalb mit einem schlechten Gefühl», berichtet Stucki. Ein halbes Jahr später wurde in Basel ein Drogensüchtiger gefasst, der diverse Schandtaten gestand. Unter anderem erzählte er, wie er im Emmental in einen Keller eingebrochen, etwas zu essen gesucht und dann in der Tiefkühltruhe unter einer Linzer Torte Schmuck entdeckt habe. Mirjam Comtesse>

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