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Porträt von Jessica JurassicaDie Frau, die Alain Berset auszieht

Jessica Jurassica hat einen erotischen Roman über den Innenminister geschrieben. Wer ist die junge Frau? Warum provoziert sie?

Vom Patriarchat hält sie nichts, bestehende Machtverhältnisse dreht sie gern um: Jessica Jurassica, Autorin, Künstlerin, Musikerin.
Vom Patriarchat hält sie nichts, bestehende Machtverhältnisse dreht sie gern um: Jessica Jurassica, Autorin, Künstlerin, Musikerin.
Foto: dieyungenhurendothiv

Rosenblätter umranden das Gesicht, doch vom Cover schaut nicht die junge Frau aus «American Beauty» oder der neue Bachelor. Sondern Alain Berset. Ihm hat die Autorin und Performerin Jessica Jurassica den erotischen Fan-Fiction-Kurzroman «Die verbotenste Frucht im Bundeshaus» gewidmet.

Wenn Alain an einer Corona-Medienkonferenz auf den ersten Seiten des Buches seinen Blick über die Köpfe der anwesenden Journalistinnen und Journalisten schweifen lässt, ist man sofort dabei. Für einmal im Kopf des beliebtesten Bundesrats sein, das verspricht Abenteuer. Und so findet man sich bald inmitten erotischer Abenteuer unter der Bundeshauskuppel. Der Pornofaktor auf den 28 Seiten ist hoch.

Dass das Medienecho gross sein würde, war absehbar. Von Zürich über Thun bis in die Westschweiz griffen Zeitungen die Geschichte auf. Wer ist diese Frau, die sich eine solche Provokation erlaubt, was will sie mit ihrer Kunst erreichen?

Drogen, Sex, Feminismus

Die 27-Jährige antwortet per Twitter-Nachricht: «finde die frage schwierig, das entspricht irgendwie nicht der art, wie ich an kunst herangehe. aber vlt hilft dir das hier:» Sie schickt einen Tweet, den jemand anderes über sie geschrieben hat: «@sickbutsocial ist 1 performance-künstlerin, die die massenmedien als bühne benutzt.»

Sick but social, krank aber sozial, heisst Jessica Jurassica auf der Social-Media-Plattform. Sie wuchs im Appenzellerland auf, auf einem Bauernhof. Heute wohnt sie in Bern, ist freischaffende Autorin, Musikerin, Künstlerin. In der Öffentlichkeit trägt sie eine Sturmmaske. Nur als ein Journalist der WOZ sie in ihrem Elternhaus besuchen ging, trug sie Dächlikappe und erklärte ihm, woher ihr Künstlerinnenname stammt. Von einer Kappe, die sie auf einer gescheiterten Wanderung trug. «Meine Freundin meinte, mit dem billigen Cap würde ich wie eine Jessica aussehen.»

«Ich kann so mit einer Ehrlichkeit und Direktheit schreiben, die ich für mich als Person und auch für meine Arbeit als sehr wertvoll empfinde», sagte sie zu «20 Minuten». Die Sturmmaske habe sie einst bei einer Dankesrede angezogen – «weil ich keine Lust hatte, mich als reale Person zu exponieren. Seither trage ich sie». Mittlerweile, sagte sie der WOZ weiter, seien Jessica und sie immer weniger auseinanderzuhalten.

Jessica Jurassica spielt mit den Medien, mit Aufmerksamkeit und auch mit ihrer Identität.
Jessica Jurassica spielt mit den Medien, mit Aufmerksamkeit und auch mit ihrer Identität.
Foto: Olivia Talina Fosca

Dass Jessica Jurassica keinen niedlichen romantischen Roman vorlegen würde, war somit klar. Sie ist bekannt für Provokationen, explizite Inhalte, Sex – und feministische Statements. Auf Twitter teilt sie eine Drogenerfahrung nach der anderen, ohne Kommas, ohne Gross-Klein-Schreibung. Auf Instagram Bilder von Alkohol, Zigaretten, blauen Flecken und blutenden Fingern. Sie will nicht gefallen.

Auch nicht am Appenzeller Schreibwettbewerb 2018. Gewonnen hat sie den Jurypreis trotzdem. Mit einer Geschichte über eine vereinsamende Influencerin. «Jessesgott, das ist die zeitgenössische Sprache», meinte Schriftstellerin und Jurorin Rebecca C. Schnyder dazu. Gern würde sie mehr davon lesen.

Mehr von ihr zu lesen gibt es unter anderem im «Rckstr-Magazin». Dort schreibt sie Kolumnen über Blowjobs, dass sie nichts anfangen könne mit einem Gott, der nicht ficken will, noch mehr Drogen und nächtliche Eskapaden mit Männern – sie nennt sie Boys. Beim Sex gibt es keine untergebene Frau, auch nicht im erotischen Abenteuer mit Alain Berset.

Bis vor Corona trat sie als Spoken-Noise-Performerin auf. Zusammen mit DJ Netlog ist sie das Eurodance-Duo Capslock Superstar. Ihr Debütalbum «Montevideo» soll im Herbst erscheinen, die erste Single daraus schon Ende Juli, aufgenommen und geschrieben während der Corona-Zeit.

Fantasien bald auch auf Französisch?

Normalerweise erwirtschafte sie sich einen Teil ihres Einkommens mit ihrer Arbeit hinter der Bar oder auf der Bühne, schreibt sie. Zurzeit sei die Situation «finanziell schwierig» – Corona. Statt der Bühne widmet sie sich derzeit weiter ihren Fantasien mit Alain Berset. Sie steht in Kontakt mit Übersetzerinnen. Wird «Die verbotenste Frucht im Bundeshaus» bald für die Westschweiz zugänglich sein? Der Kurzroman sei ein Do-it-yourself-Projekt, die Übersetzung also abhängig davon, wie viel Zeit und Energie vorhanden sei.

Erste Rückmeldungen auf die deutsche Version? Viele positive. Und auch folgende: «sie sind ja so eine verblödete primitive schein künstlerin pfui sie sollte man ausschafen».

Tatsächlich fragt man sich beim Lesen, wie weit die Kunstfreiheit gehen darf, wie viel Sex mit Bundesräten zu beschreiben erlaubt ist. Denn unabhängig vom persönlichen Geschmack stellt sich irgendwann auch juristisch die Frage nach Persönlichkeitsrechten und sexueller Integrität.

Die Frage, ob jemand einen guten Anwalt kenne, die Jessica Jurassica auf Twitter postete, habe sich in der Zwischenzeit geklärt. «Die Bundeskanzlei hat mich darauf hingewiesen, dass die Verwendung von Alain Bersets Bild gegen geltendes Recht verstösst.» Sie habe sich daraufhin bereit erklärt, das Bild auf dem Cover auszutauschen respektive zu überkleben. In einer zweiten Ausgabe die Nachfrage war gross – werde sie zudem auf den Namen Alain Berset verzichten. «Es wird eine fiktive, prickelnde, erotische Geschichte über einen komplett fiktiven Bundesrat sein, geschrieben von einer fiktiven Autorin. Herzlich, JJ.»