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Bilanz der Grünen-Chefin Regula RytzDie entscheidenden Momente einer erstaunlichen Karriere

Acht Jahre lang stand Nationalrätin Regula Rytz an der Spitze der Grünen Partei. Sie beendet ihre Präsidentschaft mit einem historischen Erfolg und zwei bitteren Niederlagen. Sieben Momente einer politischen Karriere.

Im Zweifelsfall sachlich. Regula Rytz führte die Grünen acht Jahre lang – seit 2016 war sie allein an der Spitze.
Im Zweifelsfall sachlich. Regula Rytz führte die Grünen acht Jahre lang – seit 2016 war sie allein an der Spitze.
Foto: Keystone

Die Anfänge

So kam sie in die nationale Politik, an die Spitze einer nationalen Partei, ins Rampenlicht.

Leise, bedacht, unendlich pragmatisch.

2011 wurde Regula Rytz nach sieben Jahren in der Stadtberner Exekutive in den Nationalrat gewählt und galt schon bald als Anwärterin für das nationale Präsidium der Grünen Partei. Als in der WOZ damals das erste grosse Porträt der künftigen Hoffnungsträgerin erschien, trug es den Titel: «Die pragmatische Brückenbauerin».

Im Aufmerksamkeitsbetrieb des Bundeshauses (dem Zirkus) ist ein solcher Titel gleichbedeutend mit der grösstmöglichen Ächtung. Es war damals die Zeit von Toni Brunner, Christophe Darbellay, Christian Levrat. Die Zeit der Macker. Breitbeinig, manchmal grossmäulig. Auch Ueli Leuenberger, der Vorgänger von Rytz, gehörte zu dieser Kategorie (was ihn nicht davon abhielt, als GPDel-Präsident einen Rucksack mit Geheimakten und Laptop im Zug nach Neuenburg zu vergessen. Aber das ist eine andere Geschichte).

Acht Jahre an der Spitze – Regula Rytz zieht Bilanz.
Video: Philipp Loser, Aline Bavier

Als Regula Rytz gemeinsam mit Adèle Thorens im April 2012 das Präsidium der Grünen übernahm, wurden die beiden als Fremdkörper in der Parteipräsidenten-Landschaft wahrgenommen. Sie waren weniger laut, weniger gockelhaft, und logisch weniger präsent.

Sie waren auch: weniger erfolgreich. Zumindest gegen aussen. Gegen innen passierte etwas Entscheidendes in der Grünen Partei. Vor Rytz/Thorens wurde die Fraktion im Bundeshaus von meinungsstarken und lauten Männern dominiert, die mehr an Machtstrategien als an konkreten Inhalten interessiert waren. Das änderte mit den beiden Frauen an der Spitze. Regula Rytz und Adèle Thorens brachten die Partei zurück zu ihren Kernthemen. Weniger sichtbar, dafür seriöser.

Harte Realitäten

Im März 2011 ging das Atomkraftwerk in Fukushima in die Luft. Als CVP-Bundesrätin Doris Leuthard wenige Wochen später den Ausstieg aus der Atomenergie verkündete, waren die Grünen: nirgends. Der Atomunfall erwischte ausgerechnet die Ökopartei in einem falschen Moment.

Bei den Wahlen in jenem Jahr erzielten die Grünen einen Wähleranteil von höchst bescheidenen 8,4 Prozent. Fukushima-Effekt? Leider nein.

Vier Jahre später wären die Grünen parat gewesen, thematisch, es war der erste nationale Wahlkampf des Co-Präsidiums von Regula Rytz/Adèle Thorens. Doch 2015 wollte niemand über das Klima oder über Atomenergie reden. Es war das Jahr des Frankenschocks, der Flüchtlingskrise, der schwierigen Beziehungen mit der EU. «Wir waren so gut aufgestellt», sagt Rytz heute dazu, «und dann ging alles bachab.» Zuerst in den Kantonen, dann national. Das Wahljahr 2015 war für die Grünen eine einzige grosse Enttäuschung. Noch schlechter als 2011: 7,1 Prozent Wähleranteile, Wahlverliererin. Auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit.

Die Anfänge. 2011 wird Regula Rytz in den Nationalrat gewählt.
Die Anfänge. 2011 wird Regula Rytz in den Nationalrat gewählt.
Foto: BZ

Plötzlich alleine

Im April 2016, wenige Monate nach dem Wahldesaster, wurde aus dem Co-Präsidium eine Solospitze. Für die nationale Wahrnehmung von Regula Rytz (und den Grünen) war das ein entscheidender Schritt. Nicht dass sich Rytz geändert hätte (oder sich ändern würde). Sie blieb die leise, sachliche, konziliante Politikerin. Doch weil sie nun alleine an der Spitze der Partei stand, erhielt sie automatisch eine andere, eine wichtigere Rolle. Mehr Beachtung. Der Aufmerksamkeitsbetrieb im Bundeshaus (der Zirkus) funktioniert nach sehr simplen Regeln.

Der Problemfall

Als der Nationalrat im Herbst 2017 die Fair-Food-Initiative der Grünen debattierte (sie wurde später übrigens, wie alle Initiativen der Grünen, vom Stimmvolk verworfen), verglich der grüne Nationalrat Jonas Fricker Schweinetransporte mit der Deportation von Juden im Zweiten Weltkrieg. Später hiess es dazu in einem Porträt der «Aargauer Zeitung» (Rytz war da übrigens keine «Brückenbauerin» mehr wie in der WOZ, sondern die «umstrittene Perfektionistin»): «Parteichefin Rytz tut, was bei den basisdemokratisch organisierten Grünen eigentlich verpönt ist: Sie entscheidet von oben herab und lässt die Kantonalsektion wissen, dass ein Rücktritt unumgänglich sei.»

Die Episode gab Einblick in jene Rytz, die man in der Öffentlichkeit nicht zu sehen bekommt. Rytz verwehrt sich zwar der Wichtigmacherei des Bundeshauses (zuweilen übervorsichtig), aber sie selber hat gegen innen durchaus Sympathien für eine klare Hierarchie. Sie führt mit der erdrückenden Macht der Daten. Keine Statistik, die sie nicht ausgewertet hat, kein Fitzelchen Information, das sie nicht selber gelesen hat. In langen, langen Mails, gerne verschickt zu unmöglichen Nachtzeiten, bringt sie Leute in der Partei auf Kurs. Die Mails dienen Rytz auch dazu, die eigene Nervosität (ein in der Öffentlichkeit unbekannter Charakterzug) zu dämpfen. Rytz ist oft nervös, im Wahljahr 2019 war sie zuweilen hypernervös. Als sich der Wahlsieg der Grünen abzuzeichnen begann, wollte Rytz einen Fehltritt, egal, von wem, unter allen Umständen verhindern. Ihr Kontrollbedürfnis: gross.

Der Höhepunkt

Der wohl schönste Tag im Leben der Regula Rytz, es war der 20. Oktober 2019. Die Grünen landen bei einem Wähleranteil von 13,2 Prozent, fast eine Verdoppelung. Nie wuchs eine Partei in der 100-jährigen Geschichte des Proporzes rascher.

Dieses Mal hatte sich der Erfolg abgezeichnet. Es war das Jahr von Greta Thunberg, das Jahr der Freitagsstreiks, der Klimaangst. Die Grünen erhöhten ihre Präsenz in den Kantonen, einer nach dem anderen meldete Erfolge. Auch die Umfragen zeigten ein klares Bild. Doch Parteichefin Rytz gab sich zurückhaltend. Andere Parteichefs hätten in dieser Situation schon lange einen Bundesratssitz gefordert. Machte Rytz nicht.

Das Bild der Wahlen 2019. Regula Rytz erzielte mit den Grünen im Oktober 2019 ein historisches Resultat.
Das Bild der Wahlen 2019. Regula Rytz erzielte mit den Grünen im Oktober 2019 ein historisches Resultat.
Foto: Keystone

Und dann der grosse Moment. Nicht 9 oder 10 oder 11 Prozent, nein: über 13 Prozent! Die CVP überholt, der FDP dicht auf den Fersen. Die Bilder von damals waren neu. Nie hatte man Regula Rytz so hemmungslos strahlen und feiern sehen im algengrünen Mantel. Ihr Bild bei der Verkündigung der Resultate, Augen und Mund aufgerissen, die Hände in der Luft erstarrt. Es war das Bild der Wahlen 2019.

Der Kampf mit Stöckli

Die Wahlen waren da für Rytz noch nicht vorbei sie war weiterhin im Rennen um einen Ständeratssitz im Kanton Bern. Rytz und Hans Stöckli von der SP hatten vereinbart, dass der Schlechterplatzierte aufgeben und Links-Grün mit einem einzigen Kandidaten in die zweite Runde gehen würde. Die Grünen brachen den Pakt. Zu gut hatten die Partei und ihre Präsidentin abgeschnitten, und eine links-grüne Sensation schien zum Greifen nah. Das Beharren der Grünen kam bei der SP nicht gut an es war der Auftakt einer Phase zwischen den beiden Parteien, in denen jedes Wort zu viel war. Das Klima zwischen den beiden Parteien ist spätestens seit den Wahlen 2019 nicht mehr das beste.

Es reichte bei weitem nicht für zwei linke Sitze bei der Wahl in den Berner Ständerat, der regennasse Novembertag im Jahr 2019 endete mit einer Enttäuschung für die Grünen, die sich im Café beim Rathaus schon zum Feiern bereitgemacht hatten.

Zögern und zaudern

So gross war die Aufmerksamkeit noch nie. Die ganze Schweiz schaute auf Regula Rytz, plötzlich, die «Schweizer Illustrierte» fotografierte sie beim Aufhängen der Wäsche in ihrer 3,5-Zimmer-Wohnung im Breitenrain, der «Blick» sinnierte über ihren Ohrring.

Doch Rytz zögerte. Sie zauderte. Einen Monat und einen Tag lang. Als sie dann nach der missglückten Ständeratswahl endlich doch für den Bundesrat kandidierte (wie das alle erwartet hatten), war der Lack ab, die Luft draussen. Das Gesicht hatte nun wieder angespannte Züge. Es gab Häme von allen Seiten, selbst von natürlichen Verbündeten. Die Grünliberalen waren plötzlich mehr liberal als grün.

Dann plötzlich doch: Im November 2019 gab Regula Rytz ihre Kandidatur für den Bundesrat bekannt.
Dann plötzlich doch: Im November 2019 gab Regula Rytz ihre Kandidatur für den Bundesrat bekannt.
Foto: Keystone

Die Nichtwahl vom 11. Dezember 2019 sie war eigentlich nur noch eine Vollzugsmeldung. Und Regula Rytz, das war ihr anzusehen, brauchte eine Pause.

Am Samstag wird sie das Präsidium an Balthasar Glättli abgeben. Mit zwei Nichtwahlen zum Schluss. Aber auch mit der besten Bilanz einer Parteipräsidentin der Grünen überhaupt: So stark war die Partei noch nie. Das ist auch das Verdienst von Regula Rytz.