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Sommerserie «Zukunft der Arbeit»«Die Digitalisierung ist keine Naturgewalt»

Boris Zürcher, Direktor für Arbeit des Bundes, glaubt trotz Corona nicht, dass sich Homeoffice als normale Arbeitsform durchsetzen wird. Das, was viele Firmen ausmache, könnten Mitarbeiter im Homeoffice nicht lernen.

«Es wird sich nicht viel ändern»: Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit beim Seco.
«Es wird sich nicht viel ändern»: Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit beim Seco.
Foto: Raphael Moser

Herr Zürcher, wie müssen wir uns die Arbeit in der Schweiz vorstellen im Jahr 2050?

Das ist zu weit weg.

Warum?

Aussagen über Zukunftstrends sind höchstens auf zehn, fünfzehn Jahre hinaus sinnvoll. Aber was Ihre Frage angeht: Es wird sich nach meiner Einschätzung nicht viel ändern.

Trotz Corona? Trotz der Digitalisierung?

Sicher: Die Digitalisierung kommt. Selbstverständlich werden wir dort, wo es möglich ist, künftig mehr Homeoffice machen. Aber dieser Prozess wird nicht alles auf den Kopf stellen. Die Digitalisierung ist keine Naturgewalt.

Wie meinen Sie das?

Die Digitalisierung, wie der wirtschaftliche Strukturwandel überhaupt, steht in einem sozialen und politischen Spannungsfeld. Veränderungen brauchen Akzeptanz. Sie müssen für alle Seiten einigermassen stimmen. Momentan reden alle von Homeoffice. Ich denke, das wird man bald schon sehr viel realistischer beurteilen.

«Die meisten Angestellten arbeiten heute so wie vor 15 oder 20 Jahren. Sie haben vier bis fünf Wochen Ferien, arbeiten etwa achteinhalb Stunden pro Tag, fünf Tage die Woche.»

Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit im Seco

Sie sprechen aus eigener Erfahrung?

Im Seco haben wir die Mitarbeitenden während der Corona-Krise auch ins Homeoffice geschickt. Das war im Grossen und Ganzen zwar unproblematisch. Aber es ist nicht ein Zustand, der länger andauern kann.

Warum nicht?

Vieles wird komplizierter. Die Führung wird anspruchsvoller. Man spürt nicht wirklich, wie es dem anderen geht. Die Kommunikation ist stark eingeschränkt. Alles Nonverbale fällt eigentlich weg, trotz Videokonferenzen.

Wo haben Sie das vermisst?

Wenn man nicht sicher ist, für welche Option man sich entscheiden soll, ist es wichtig, auch die nonverbalen Signale der Mitarbeitenden zu erfassen. Aber ich zweifle noch aus anderen Gründen an diesem Homeoffice-Hype.

Was sind das für Gründe?

Zunächst haben Vorgesetzte auch im Homeoffice Arbeitgeberpflichten. Sie müssen dafür sorgen, dass dort, wo der Angestellte arbeitet, die Arbeitsbedingungen korrekt sind. Zudem dürften sie auch ein Interesse daran haben, dass die Vertraulichkeit von Firmenangelegenheiten gewahrt bleibt. Das alles im Homeoffice sicherzustellen, ist gar nicht so einfach. Hinzu kommt die Frage, was das Homeoffice für die Firmenkultur und die Unternehmensidentität bedeutet. Das sind Dinge, die letztlich das Wesen einer Firma ausmachen.

Wie meinen Sie das?

Nehmen Sie die Wirtschaftsberatung. Es gibt Hunderte Beratungsfirmen. Sie machen alle mehr oder weniger dasselbe. Und doch gibt es Unterschiede. Was unterscheidet beispielsweise McKinsey von anderen Beratern? Es ist ihre Kultur, ihre Art, an Probleme heranzugehen und zu lösen. Das kann man nur im Betrieb, im sozialen Austausch mit den Mitarbeitenden lernen, nicht im Homeoffice.

«Was unterscheidet ein Fitnessstudio vom anderen? Nicht die Kraftmaschinen, sondern wie man als Kunde empfangen und behandelt wird.»

Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit im Seco

Trotzdem wollen viele Firmen Homeoffice fördern. Novartis bietet seiner Belegschaft an, für immer zu Hause zu arbeiten.

Innovationen sind immer willkommen. Nur glaube ich nicht, dass das von Dauer sein wird.

Was macht Sie so skeptisch?

Die Bedeutung der Firmenkultur wird weiter zunehmen. In einer Dienstleistungsgesellschaft gibt es immer mehr Firmen, die in den gleichen Märkten aktiv sind. Dadurch nimmt der Wettbewerb zu, gleichzeitig nehmen die Alleinstellungsmerkmale ab. Was unterscheidet ein Fitnessstudio vom anderen? Nicht die Kraftmaschinen, sondern wie man als Kunde empfangen und behandelt wird. Das ist es, was Mitarbeitende lernen müssen, wenn sie in diesem Betrieb anfangen.

Sie sprechen immer von Firmen. Vielleicht braucht es sie schon bald nicht mehr. Immer mehr Leute bieten ihre Arbeitsleistung auf Plattformen an.

Bei allem Verständnis: Das ist ein sehr marginales Phänomen.

Aber unsere Arbeitsverhältnisse werden doch flexibler. Vielleicht lösen wir uns bald ganz von der Idee eines festen Arbeitgebers.

Das ist nicht das, was wir in der Wirtschaft beobachten.

Was beobachten Sie?

Eine relativ hohe Konstanz in den Arbeitsbeziehungen. Die atypischen Arbeitsverhältnisse stagnieren in der Schweiz. Temporärarbeit nimmt, anders als etwa in Deutschland, nur leicht zu.

Haben die Leute heute mehrere Arbeitgeber?

Auch da ist die Evidenz klein. Die meisten Angestellten arbeiten heute so wie vor 15 oder 20 Jahren. Sie haben vier bis fünf Wochen Ferien, arbeiten etwa achteinhalb Stunden pro Tag, fünf Tage die Woche. Weit über 85 Prozent der Angestellten verfügen über ganz normale Arbeitsverträge. Die sogenannte Gig-Economy mit Co-Working, Plattformen und dergleichen ist statistisch kaum erfassbar, weil quantitativ unbedeutend.

Sie haben vorhin die Pflicht des Arbeitgebers angesprochen, auch im Homeoffice gute Arbeitsverhältnisse sicherzustellen. Welche Fragen stellen sich da genau?

Zum Beispiel: Wenn ein Angestellter ein Rückenleiden hat, muss sein Arbeitgeber ihm einen ergonomischen Stuhl nach Hause liefern? Oder was gilt, wenn ein Angestellter zu Hause gar keinen richtigen Platz zum Arbeiten hat?

Als Direktor für Arbeit sind Sie für die Kontrolle dieser Zustände verantwortlich. Was tun sie?

Zuständig für die Kontrollen zur Einhaltung des Arbeitsgesetzes sind die Kantone. Diese müssten überprüfen, ob der Arbeitgeber alles ihm Zumutbare getan hat, damit auch im Homeoffice gute Arbeitsbedingungen herrschen.

Sie sprechen im Konjunktiv. Warum?

Da gibt es sicher noch Luft nach oben.

Sollen Inspektoren künftig im Homeoffice nach dem Rechten schauen?

Nein. Das Zutrittsrecht der Arbeitsinspektoren ist auf die Betriebe beschränkt. Es müssen andere Wege gefunden werden, um zu überprüfen, ob der Arbeitgeber seiner Fürsorgepflicht nachgekommen ist. Er muss etwa gegenüber den Behörden belegen, dass er seinen Informations- und Aufklärungspflichten nachgekommen ist. Hier sind noch nicht alle Kantone gleichermassen aktiv.

Werden wir in Zukunft weniger arbeiten?

Der Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes hat in einem Aufsatz vor ziemlich genau hundert Jahren vorausgesagt, dass unsere Produktivität massiv zunehmen wird. Er ging damals davon aus, dass wir heute noch etwa 15 Stunden pro Woche arbeiten würden. Das hat sich nicht ganz so entwickelt. Die Arbeitszeit ist zwar kontinuierlich gesunken, aber nicht so stark, wie er es vorausgesagt hat. Keynes hat unterschätzt, wie stark die Produktivitätsgewinne in höhere Löhne und tiefere Preise übersetzt wurden.

Die Wochenarbeitszeit im Arbeitsgesetz ist seit 1966 unverändert.

Das ist richtig. Aber wenn wir über die ganze Erwerbsbevölkerung schauen, sind wir im Schnitt gar nicht mehr so weit weg von diesen 15 Stunden. Wir sind heute bei durchschnittlich etwa 23 Stunden pro Woche.

Warum?

Weit über 30 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten heute Teilzeit. Das drückt natürlich den Schnitt.

Liegt das daran, dass die Frauen mit Kleinpensen in den Arbeitsmarkt kamen?

Nicht nur. Auch die Männer arbeiten immer mehr Teilzeit. Heute legen die Leute ihren Arbeitseinsatz, ihren Konsum und ihre Freizeit sehr individuell fest. Ich glaube aber nicht, dass es ein generelles Bedürfnis gibt, nur 15 Stunden pro Woche zu arbeiten.

«Der Strukturwandel hat die Zahl der Jobs nicht verringert. Es gibt heute mehr Arbeitsplätze, aber die Leute arbeiten weniger, und ihre Kaufkraft ist stark gewachsen.»

Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit im Seco

Die Erwartung vieler Experten ist, dass es irgendwann wegen Automatisierung und künstlicher Intelligenz gar nicht mehr genug Arbeit gibt.

Mit Digitalisierung bezeichnet man im Grunde genommen in der aktuellen Phase einfach den normalen wirtschaftlichen Strukturwandel, wie wir ihn schon seit 150 Jahren erleben. In dieser Zeit hat der Wandel die Zahl der Jobs nicht verringert. Es gibt heute mehr Arbeitsplätze, aber die Leute arbeiten weniger, und ihre Kaufkraft ist stark gewachsen.

In der Corona-Krise hat der Staat die sozialen Netze stark vergrössert. Mit der Kurzarbeit sind Sie für ein Hauptinstrument der Krisenbewältigung zuständig. Jetzt gibt es Kritik, dadurch werde der Strukturwandel gebremst. Was sagen Sie dazu?

Ich verstehe diese Kritik im Moment überhaupt nicht. Es ist ja exakt die Idee der Kurzarbeit, dass man kurzfristig Strukturerhalt macht. Wenn sich die Krise wieder legt, kann es für viele dieser Firmen und Angestellten wieder weitergehen.

Krisen können Momente der schöpferischen Zerstörung sein. Es werden neue Kapazitäten frei. Durch Strukturerhaltung wird das verhindert.

Konkurse wird es sicher noch geben. Es wird wohl auch zu Entlassungen kommen. Aber wir wollen keinen Schock, sondern den Strukturwandel glätten, weil sonst die Gefahr besteht, dass auch Arbeitsplätze verloren gehen, die eigentlich zukunftsfähig sind. Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Schweiz so ein wohlhabendes Land ist.

Was?

Es gibt hier keine relevante Vetokraft, die den Wandel dauerhaft aufhalten kann. Durch das dezentrale politische System, die föderale Machtteilung, die kleingliedrige Parteienlandschaft. Unser Reichtum basiert nicht so sehr darauf, dass wir besonders produktiv und innovativ sind, sondern dass wir den Wandel letztlich immer wieder zugelassen haben.