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Medizinische BeratungChatten mit dem Video-Arzt boomt

Sprechstunden per Telefon oder Videoschaltung nahmen während des Lockdown deutlich zu – und sie sind erst noch günstiger als normale Arzttermine. Die Telemedizin hat aber auch Grenzen.

In vielen Fällen kann für ein gesundheitliches Problem per Video oder Telefon eine Lösung gefunden werden.
In vielen Fällen kann für ein gesundheitliches Problem per Video oder Telefon eine Lösung gefunden werden.
Christin Klose, Keystone

Obwohl Arztbesuche während des Corona-Lockdown stets erlaubt waren, ist die Zahl persönlicher Konsultationen in den vergangenen Wochen eingebrochen. Felix Schneuwly, Gesundheitsexperte beim Vergleichsdienst Comparis, verweist auf eine Umfrage in der Romandie, die den Rückgang auf über 60 Prozent beziffert. In der Deutschschweiz dürfte die Zahl ähnlich hoch sein. Der Arzt Leander Muheim schätzt, dass in der Gemeinschaftspraxis Medix in Zürich-Altstetten, in der er arbeitet, die Behandlungen um etwa die Hälfte abgenommen haben. Die Angst vor einer Ansteckung und die Empfehlungen des Bundesrats haben zur Zurückhaltung beigetragen. Zudem haben Arztpraxen Patientinnen und Patienten gebeten, bei vergleichsweise geringfügigen Leiden mit dem Praxisbesuch zu warten.

Muheim weiss aber auch von Fällen, in denen die Konsultation so lange hinausgezögert wurde, bis sich ein Spitalaufenthalt nicht mehr vermeiden liess. Er rät deshalb trotz Corona, im Zweifelsfall zum Arzt zu gehen. Wenn immer möglich sollte dies mit telefonischer Voranmeldung geschehen. Er betont auch, dass aufgrund von Sicherheitsvorkehrungen das Risiko einer Ansteckung beim Arztbesuch gering sei. «Wir achten auf die notwendigen Hygienevorschriften und haben beispielsweise drei verschiedene Wartebereiche für normale Patienten, Patienten mit Corona-Verdacht und Risikopatienten eingerichtet.»

Starker Anstieg bei Telemedizin

Wer unsicher ist, kann sich oft auch telefonisch oder per Videokonferenz beim Arzt oder bei der Apotheke erkundigen. Cédric Berset, Sprecher und Geschäftsleitungsmitglied von Medgate, berichtet von einem deutlichen Anstieg der Nachfrage nach telemedizinischer Beratung. Medgate hat sich auf Telemedizin spezialisiert und beschäftigt heute 320 Mitarbeiter, darunter 110 Ärzte. Zudem betreut es im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit seit bald 17 Jahren die Hotline bei Pandemien. Während des Lockdown verzeichnete Medgate eine Patientenzunahme von rund 20 Prozent, wie Berset erläutert.

Wer mit einer Beratung übers Telefon oder mit einer Videoschaltung per Internet gut klarkommt, kann auch Krankenkassenprämien sparen. Felix Schneuwly schätzt die Kostenreduktion eines sogenannten Telmed-Modells gegenüber dem Standardmodell der Grundversicherung auf durchschnittlich 10 bis 20 Prozent. Das Telmed-Modell sieht vor, dass sich Versicherte mit Ausnahme von Notfällen vor einem persönlichen Arztbesuch telemedizinisch beraten lassen müssen.

Sich frühzeitig informieren

Schneuwly empfiehlt Interessierten, sich jetzt schon bei der eigenen Kasse oder bei der Konkurrenz zu informieren. Nicht alle Krankenversicherungen bieten das Telmed-Modell in allen Gemeinden an. Für einen Wechsel bleibt im Herbst noch bis Ende November Zeit. In der Grundversicherung ist dieser Schritt einfach – keine Krankenversicherung darf jemanden ablehnen. Und die gesetzlich festgeschriebenen Leistungen sind überall die gleichen.

Im Zweifelsfall zur Abklärung ins Spital: Die Telemedizin hat ihre Grenzen.
Im Zweifelsfall zur Abklärung ins Spital: Die Telemedizin hat ihre Grenzen.
KEYSTONE

Cédric Berset von Medgate zerstreut allfällige Bedenken gegenüber telemedizinischer Beratung: «Bei rund der Hälfte aller Patienten finden wir per Video oder Telefon eine Lösung.» Zu einer solchen Beratung zähle unter anderem auch das Ausstellen eines Rezepts für Medikamente oder eines Zeugnisses, das Arbeitsunfähigkeit bescheinigt. Sobald weiterführende Untersuchungen wie eine Blutentnahme oder ein Röntgenbild nötig sind, wird der Patient an eine Arztpraxis oder ein Spital überwiesen.

Berset glaubt nicht, dass bei einer solchen Ferndiagnose wichtige Hinweise übersehen werden: «Das könnten wir uns nicht leisten, deshalb überweisen wir im Zweifelsfall Patienten an eine Fachperson.» Zudem setze Medgate für die telemedizinische Behandlung ausschliesslich Ärzte ein. In einer mehrwöchigen Zusatzausbildung würden diese zudem speziell darauf geschult, die Grenzen der Telemedizin kennen zu lernen.

Hält die Nachfrage an?

Ob die hohe Nachfrage nach telemedizinischer Beratung nach dem Corona-Lockdown anhält, ist noch unklar. Der Arzt Leander Muheim stellt fest, dass die Zahl der Konsultationen in der Gemeinschaftspraxis wieder leicht angestiegen ist, seit der Bundesrat Lockerungen angekündigt hat. Dennoch geht er davon aus, dass Patientinnen und Patienten auch unabhängig von der aktuellen Pandemie zunehmend telemedizinische Dienstleistungen nutzen werden. Dies allein schon deshalb, weil der Umgang mit neuen Technologien wie Videokonferenzen übers Internet auf mehr Akzeptanz stösst. Die Gemeinschaftspraxis, in der er arbeite, sei auf diese Entwicklung vorbereitet. «Bei Patienten, die wir bereits kennen, können wir oft auch aus der Distanz rasch und sicher eine Lösung für medizinische Probleme finden», erläutert er.