Die Anne Frank von Aleppo

Bana Alabed hat aus Syrien Fotos toter Kinder und zerstörter Häuser getwittert. Seitdem ist sie weltberühmt. Begegnung mit einer Neunjährigen, von der viele profitieren wollen. 

Heute lebt Bana Alabed in der Türkei: «Es ist sicherer, wenn die Leute nicht wissen, wer ich bin.» Foto: Angela Weiss (AFP)

Heute lebt Bana Alabed in der Türkei: «Es ist sicherer, wenn die Leute nicht wissen, wer ich bin.» Foto: Angela Weiss (AFP)

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Es ist ein Kind, das da auf der Bühne von Tod und Zerstörung spricht. «Krieg ist nichts für Kleine», sagt das Mädchen mit dem hüftlangen braunen Haar, «wie sollen sie denn da gross werden?» Dann erklärt es in einfachen englischen Sätzen die Logik des Tötens: Bomben fallen, aber weglaufen ist unmöglich. Häuser stürzen ein, aber es gibt keine Spitäler für die Opfer. Das Mädchen hat die Sätze auswendig gelernt, sie holpern.

Als Bana Alabed ihren Vortrag mit einem Chor beenden will, stimmen die Zuhörer nicht ein. So muss das Mädchen mit seinen neun Jahren die Situation alleine meistern. «We shall overcome», singt es mit dünner Stimme und manchmal etwas schief, «we shall ovecome». Vielleicht sind die Zuhörer zu überrascht, vielleicht noch zu berührt, niemand hilft dem Kind. Aber Bana kürzt nicht ab, singt Strophe um Strophe.

Bana Alabed hat schon Schlimmeres durchgestanden als die paar Minuten Ende Juni, in denen ihr Lied nicht zündete. Das Mädchen hat eine der heftigsten Schlachten der vergangenen Jahrzehnte überlebt, den Kampf um die syrische Stadt Aleppo. Hunderte Zivilisten starben, als regimetreue Truppen erst den Belagerungsring um den von Aufständischen gehaltenen Osten der Stadt zuzogen und dann mit der russischen Luftwaffe Strassenzug um Strassenzug zu Schutt bombten. Auch Bana hungerte, auch ihr Haus wurde zerstört, auch Freundinnen von ihr wurden in einstürzenden Häusern zerquetscht.

Asyl in der Türkei

Von all dem hat das Mädchen berichtet. Im September 2016 hatte sie mit ihrer Mutter ein Twitterkonto eingerichtet, «I need peace» war ihr erster Satz, ich brauche Frieden. Es folgten weitere Hilferufe, sie waren in perfektem Englisch formuliert und mit Fotos illustriert, auf denen Banas Kleider die einzigen Farbtupfer im Trümmerstaub waren.

Als das Mädchen die Stadt nach drei Monaten Belagerungskrieg im Dezember 2016 mit anderen Zivilisten verlassen konnte, war es weltberühmt. Auch deshalb steht Bana Alabed im Zentrum der Diskussion, welche Rolle soziale Medien im Syrienkrieg haben. Fast 350'000 Menschen folgen ihr auf Twitter, internationale Medien nennen sie die «Anne Frank von Aleppo».

Als die Familie den Account während der Flucht aus Aleppo vorübergehend deaktiviert, warten Onlinedienste, Zeitungen und Nachrichtensender auf ein Lebenszeichen. Sie sei damals 20 Stunden in einem Bus in Ost-Aleppo festgesessen, erzählt Bana nach ihrem Auftritt in einem Hinterzimmer des Berliner Konferenzzentrums. Kein Wasser und keine Toiletten habe es gegeben, sie habe nicht schlafen können. Alle Kinder schrien.

Als die Familie Nordsyrien erreicht, «haben meine Brüder und ich gegessen, bis wir spucken mussten», sagt sie. «Obst, Süssigkeiten, Fleisch. Ich habe gefragt: Mama, ist das der Himmel?» Schliesslich bringt man die Familie über die türkische Grenze, zum Flughafen Gaziantep. Auf dem ersten Flug ihres Lebens ist Bana so aufgeregt, dass sie fast noch mal spuckt.

Zwei Tage später ist ihr Twitteraccount wieder aktiv, auf einem Foto streichelt Recep Tayyip Erdogan dem Mädchen die Wange – im türkischen Präsidentenpalast. Er bietet der Familie Asyl in der Türkei und später auch die Staatsbürgerschaft an, heute wohnt Bana mit ihren Eltern und ihren zwei Brüdern in Ankara. Im Frühjahr 2017 unterschreiben Mutter und Tochter einen Vertrag beim US-Verlag Simon & Schuster, das «Time Magazine» wählt Bana unter die «25 einflussreichsten Personen des Internets» – wenige Tage nach ihrem achten Geburtstag. Wenn Bana heute über ihr Leben spricht, klingt sie manchmal noch wie das Kind, das sie trotz allem Erlebten ist. Wie die meisten Mädchen in ihrem Alter kann sie mit sehr grosser Liebe zum Detail ihre Spielzeugsammlung aufzählen, bei ihr sind es Puppen, bei Bruder Mohammad Plüschtiere und beim kleinen Noor Autos – «aber nur rote!»

Selfie mit Nobelpreisträger

Eineinhalb Jahre nach der Flucht aus Aleppo sind Flüge für Bana Alltag. Ihr Buch «Dear World» ist auf Englisch, Holländisch, Italienisch, Schwedisch, Japanisch und Deutsch erschienen, in ihm schildern sie und ihre Mutter eine Kindheit, die erst friedlich war und dann nicht mehr. Übersetzungen in sieben weitere Sprachen sollen folgen.

Auf einer Reise durch die USA hat sie die Vereinten Nationen und Twitter besucht, mit Nobelpreisträgern gesprochen und für Selfies posiert. Noch bevor sie alle Milchzähne verloren hat, hält Bana Reden, tritt bei der Oscar-Verleihung und Charity-Veranstaltungen auf und sammelt Preise und Auszeichnungen wie andere Mädchen Teddybären. Auch bei ihrem Auftritt in Berlin bekommt sie einen Preis, den «Freedom Award», verliehen vom Atlantic Council.

Dass Bana auch in Berlin ihr «please stop the killing of children in Syria» aufsagt, sehen Rechte, Verschwörungstheoretiker, Internettrolle und russische Staatsmedien als Bestätigung dafür, dass Bana Teil einer gewaltigen Irreführung ist. Woher soll eine Siebenjährige so gut Englisch können? Woher soll sie im belagerten Aleppo Strom für ihr Smartphone und Zugang zum Internet bekommen haben? Und weil Banas Tweets die Verantwortlichen für das Leid klar benannt haben – Syriens Machthaber Bashar al-Assad und Russlands Präsident Wladimir Putin –, wurde das Twitterkonto des Mädchens zum Frontabschnitt in einer digitalen Schlacht.

Tatsächlich stimmt nicht alles, was aus Konfliktzonen gepostet wird. Welche Möglichkeiten das Netz für Desinformation bietet, zeigte der Syrienkrieg wie kein anderer vor ihm: In den ersten Tagen des Aufstands gegen Assad bewegte eine lesbische Bloggerin aus Damaskus ein grosses Publikum – bis bekannt wurde, dass hinter der Figur ein dicklicher Bummelstudent aus dem US-Bundesstaat Virginia stand. Ein Video, in dem ein Junge seine kleine Schwester aus dem Kugelhagel rettete und das seit 2014 Millionen Menschen ansahen, wurde als eine von Norwegen finanzierte und auf Malta gedrehte Kunstaktion enttarnt. Und 2017 stellte sich heraus, dass ein gefeierter Kriegsfotograf gar nicht existierte. Jemand hatte unter dem Namen Eduardo Martin eine abenteuerliche Biografie im Netz ausgebreitet und geklaute Bilder zum Druck angeboten.

Fake News, das alles. Und somit eigentlich nichts Besonderes in Zeiten, in denen man es durch online verbreitete Lügen bis ins Oval Office schaffen kann. Liest man sich jedoch die Reaktionen durch, die Bana Alabed in Teilen des Netzes provoziert, erscheinen die Ausbrüche Trumps geradezu gesittet. Während der Offensive auf Aleppo malten sich Assad-Fans in widerwärtigsten Details aus, was die Soldaten des Diktators mit Bana und ihrer Familie anstellen sollten, wenn sie sie fänden. Viele beschimpften die Alabeds als Propagandainstrument von al-Qaida, Grossbritannien, der Nato oder allen dreien zusammen. Sie waren sich sicher, dass die getwitterten Bilder in einem Studio irgendwo in der Türkei entstanden seien, wo Bana nun wohnt und in eine englischsprachige Schule geht – wegen solcher Feinde inkognito. «Es ist sicherer, wenn die Leute nicht wissen, wer ich bin», sagt sie in Berlin. «Nur eine Freundin ist eingeweiht. Sie hat mich im Fernsehen gesehen und gefragt, ob ich das war.»

Angaben überprüft

Im digitalen Zeitalter lassen sich Nachrichten und Bilder aber nicht nur leicht manipulieren, sondern auch überprüfen. Um Banas Fall kümmerten sich die Internet-Forensiker der Gruppe «Bellingcat», die Fotos aus Krisengebieten auf Basis ihrer Metadaten analysieren, mit Satellitenbildern und anderen Aufnahmen abgleichen, bis sie beurteilen können, ob das Abgebildete dem entspricht, was es angeblich zeigen soll.

Bellingcat-Autor Nick Waters, der Bana in Berlin ihren Preis überreicht hat und anschliessend von ihr gerügt wurde, weil er seine Rede nicht auswendig konnte, kam zu dem Schluss: Das Kind und seine Familie waren während der Schlacht von Aleppo wirklich in der Stadt, die Wohnung der Familie im Shaar-Viertel gab es tatsächlich, zumindest bis das Haus bei einem Bombenangriff am 27. November 2016 zerstört wurde. Darüber hinaus kann Waters belegen, dass in Ost-Aleppo sporadisch das Handy- und Wlan-Netz verfügbar war und die Familie mit Solarstrom Smartphones aufladen konnte.

Um den grössten Vorwurf von Banas Kritikern zu entkräften, nämlich, dass eine Grundschülerin keine Medienkampagne in einer fremden Sprache lostreten könne, muss Waters nicht einmal recherchieren. «Account managed by mom» steht unter Banas Foto auf Twitter, «Konto wird von der Mutter verwaltet». Dass diese Mutter – Fatemah Alabed, eine Englischlehrerin, die zeitweise auch Journalismus studierte – ihr Kind benutzt hat, um auf das Schicksal ihrer eigenen Familie und anderer in Ost-Aleppo aufmerksam zu machen, kann man fraglich finden. Und zumindest einmal ging die Mutter zu weit, als sie tweetete, es sei besser, «einen Dritten Weltkrieg anzufangen, als Russland & assad #HolocaustAleppo begehen zu lassen». Auch wenn Fatemah Alabed diesen Tweet sofort wieder löschte, war zum Beispiel für den Kreml-Sender Russia Today damit belegt, dass Banas Account nur dazu dienen sollte, die USA in einen Krieg zu führen – was vielleicht unter Trump hätte klappen können, der im April 2017 Raketen auf Syrien abfeuern liess, nachdem er Fotos von «beautiful babies» gesehen hatte, die beim Giftgasangriff von Khan Shaykhun gestorben waren. Bei Barack Obama funktionierte so etwas nicht.

Um Augenzeugenberichte zu delegitimieren, stellt das Putin-Assad-Lager stets dieselbe Gleichung auf: In Ost-Aleppo gibt es al-Qaida-nahe Gruppen, also ist jeder, der sich noch dort aufhält, selbst schuld – oder, noch viel wahrscheinlicher, ebenfalls Al-Qaida-Mitglied. Diese Logik sollte auch für Bana gelten. Mutter Fatemah sagt, sie versuche, politische Diskussionen von ihrem Kind fernzuhalten. Aggressive Mails und Tweets sowieso. Nicht immer klappe das, erzählt die Mutter. Bana habe mittlerweile ein eigenes Handy und google sich ab und zu gern selber.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2018, 23:16 Uhr

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