Blick ins digitale Gehirn der Schokolade-Fabrik

Die Migros-Tochter Chocolat Frey in Buchs bei Aarau ist eine ­Pionierin. Als eines der ersten Schweizer Unternehmen rüstete sie drei ihrer sieben Produktionsstrassen mit einer zentralen di­gitalen Steuerung aus.

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Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Seit bald 50 Jahren laufen die ­ältesten Rührmaschinen in den Produktionshallen der Chocolat Frey AG. Man kann die weiss ­gestrichenen Metallkolosse über schmale Treppen besteigen. Die silbernen Steuerräder, mit denen sie früher bedient wurden, wirken wie eine Zierde aus dem mechanischen Zeitalter. Zuverlässig mischen die Maschinen Kakaobutter mit allerlei Zusätzen zu zart schmelzender Schokolade.

«Probieren Sie mal», sagt Produktionsleiter Beat Glarner und bietet einen Klacks der frischen Mischung an.Bei der Migros-Tochterfirma in Buchs bei Aarau ordnen sich ­ältere, jüngere und allerneuste Maschinen in sieben sogenannte Walzenstrassen ein. Vorne werden den Maschinen Kakaomasse, Zucker, Milchpulver und andere Zutaten wie Kakaobohnen gefüttert, hinten kommt am Ende fertige flüssige Schokolade heraus. Dieser 12 bis 24 Stunden dauernde Ablauf ist voll automatisiert.

Eine Frage der Steuerung

Kann man in diesem bisweilen altehrwürdigen Maschinenpark wirklich die Industrie 4.0 studieren – die zukunftsträchtige Volldigitalisierung der Fertigung? «Die Industrie 4.0 sieht man gar nicht, sie ist kein Produkt, sondern ein Weg», klärt Beat Glarner einen Irrtum.

Chocolat Frey sei in der Tat eine Pionierin gewesen, als sie vor 15 Jahren die Maschinen ihrer Produktionsstrassen mit dem Computersystem ERP zu einem intelligenten, zentral gesteuerten System verbunden habe, bestätigt er. ERP heisst Enterprise­ Resource Planning und ist ein IT-System, das ein ganzes Unternehmen steuert.

Glarner meldet sich auf einem kleinen Bildschirm, wie er an ­jeder Maschine angebracht ist, mit seinem Passwort an. «Früher musste man zu jeder einzelnen Maschine laufen, jede hatte ihre eigene Steuerung», erklärt er. Nun könne man von jedem Screen aus «ins Innere der Maschine blicken» und sofort erkennen, welchen Produktionsschritt sie gerade ausführe und in welcher Menge und Mischung die Zutaten Zucker, Milchpulver, Milchbutter und Kakaomasse verarbeitet würden.

Blick ins Maschinen-Innere

Seit vier Jahren läuft bei Chocolat Frey die IT-Plattform M-II der deutschen Softwarefirma SAP. M-II steht für Manufacturing ­Integration & Intelligence. Es ist eine Datendrehscheibe, die einen Produktionsablauf plant, steuert und kontrolliert. Die Angestellten geben einen Auftrag ein, den die Walzenstrasse dann selbstständig ausführt.

6000 Aufträge sind es im Jahr auf den drei von sieben Walzenstrassen, die mit einer digitalen Grosssteuerung aufgerüstet wurden. Bei jedem Auftrag ist jederzeit einsehbar: Wo steht er gerade, welche Ressourcen verarbeitet er? Auf M-II kann Glarner auch über eine App auf seinem Handy zugreifen. Das neue System ermöglicht überdies eine Rückschau: Monatsbilanzen sind möglich, Störungsverläufe, Qualitätskontrollen.

«Bei uns ging eine neue Datenwelt auf, heute muss bei uns niemand mehr mühsam im Büro Daten für eine Statistik abtippen, damit wir sehen, wo wir Zeit und Geld verloren haben», erinnert sich Glarner. Mit M-II habe man Supportstellen wegrationalisiert, es bedeute zweifellos Effizienz und Leistungssteigerung. Also auch Stellenabbau? «Nein», sagt Glarner, die Angestellten hätten aber neue Aufgaben.

«Die Industrie 4.0 sieht man gar nicht, sie ist kein Produkt, sondern ein Weg.»Beat Glarner

Manchmal sehe man dank M-II fast zu viele Details, man wolle alles zu genau machen, werde schier wahnsinnig, gibt Glarner zu bedenken. «Aber möchten Sie zurück zur Schreibmaschine? Das geht bei den heutigen Anforderungen nicht mehr.»

Beat Glarner verliert im Reich der virtuellen Steuerung nicht so schnell den Bodenkontakt. Er warnt vor einem Hype und einer Überschätzung der Industrie 4.0. Als Kurzform geistere ja herum: «Ich bestelle auf meinem Handy online mein ganz individuelles Produkt.»

Wer auf Amazon oder Zalando online etwas bestellt, glaubt, in einen voll automatischen Ablauf von der Bestellung bis zur Lieferung an die eigene Haustür einzutreten. Auf diesem Weg gibt es aber noch viele Lücken und Reibungsverluste. Produkte werden so designt, dass man sie verkehrt in eine Verpackung reinwürgen kann und so Zeit verliert.

Die Zahl der hergestellten Stücke gehorcht erst in wenigen Firmen dem Bestellungseingang. Und für die grosse Vernetzung hat sogar im Hightechland Schweiz das Breitbandglasfasernetz noch zu wenig Kapazität.

«Keep it simple»

Die Industrie 4.0 helfe, unproduktive Arbeit zu vermeiden, Fehler zu minimieren und den stetig steigenden Anforderungen gerecht zu werden, sagt Beat Glarner. Sie sei aber vorderhand vor allem eine Vision.

Warum ist man noch nicht weiter? Schon nur aus Kostengründen, sagt Glarner. Allein die Ausrüstung einer einzelnen Walzenstrasse mit dem IT-System M-II koste 250'000 bis 300'000 Franken. Es müsse also gut überlegt werden, welche Teile der Produktion wirklich digitalisiert werden müssten.

Chocolat Frey hat auch das Lager mit 46 Tanks im Un­tergeschoss der Fabrik mit den drei Walzenstrassen kurzgeschlossen. Die vier weiteren ­Walzenstrassen laufen noch herkömmlich. «Es muss nicht alles voll integriert sein», sagt Glarner. Es müsse immer ein Nutzen da sein. Man habe nun das Projekt «Digitale Fabrik» gestartet, mit dem man die Produktion auf den neusten Stand bringen wolle.

«Wenn man das Fuder überlädt, macht das System Dinge, die man nicht mehr versteht.»Beat Glarner

«Industrie 4.0 verlangt klare Ziele, sonst ist es nur ein Datenkrieg», warnt Glarner. Die Ver­lockung sei, dass man auf immer neue Ideen komme, was sich noch alles an das System anhängen lasse. «Wenn man das Fuder überlädt, macht das System Dinge, die man nicht mehr versteht.»

Die Steuerungssoftware verarbeitet nicht nur Daten, sondern produziert auch Berge von neuen, über jeden kleinsten Zwischenschritt. Das macht die Digitalisierung verletzlich: dass sie nicht nur Effizienz mit sich bringt, sondern auch Abstraktion und einen Verlust an konkreter Anschauung.

Der Mensch, der die Maschinen und Systeme bediene, müsse mitkommen, sagt Glarner. Deshalb gelte auch für die hochvernetzte Industrie 4.0: «Keep it simple, Schritt für Schritt.»

Ohne Vertrauen gehts nicht

Aus Erfahrung weiss Glarner, dass IT-Firmen Grosssteuerungen anbieten, die dann doch nicht alle Probleme lösen. Die Industrie 4.0 ist keine Patentlösung, die jedes Unternehmen fit macht. Man müsse «den IT-Anbieter seines Vertrauens finden, mit ihm einen Weg gehen und eine gemeinsame Kultur entwickeln», sagt Glarner.

Chocolat Frey arbeitet seit ein paar Jahren mit der IT-Firma Autexis aus Villmergen AG zusammen. Sie programmiert das SAP-Tool M-II und bündelt alle IT-Systeme zu einem Paket. «Man kennt sich», sagt Glarner. Auch in der digitalen Zukunft ist es von Vorteil zu wissen, mit wem man es am anderen Ende der Glasfaserleitung zu tun hat.

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