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Analyse zum TV-Duell der VizesDer wahre Gegner heisst Donald Trump

Kamala Harris feuerte mit ihren Argumenten gegen den Präsidenten. Mike Pence hatte alle Mühe, ihn zu verteidigen. Und dann war da noch die Fliege.

Die demokratische Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris und Trumps Vizepräsident Mike Pence im TV-Duell.
Die demokratische Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris und Trumps Vizepräsident Mike Pence im TV-Duell.
Foto: Morry Gash (Keystone)

Die beiden Plexiglasscheiben sind das deutlichste Zeichen, das etwas so ganz und gar nicht in Ordnung ist. Sie stehen wie Paravents zwischen Trumps Vizepräsident Mike Pence und Joe Bidens Kandidatin für ebendieses Amt, Senatorin Kamala Harris. Beide sind am Mittwochabend knapp vier Wochen vor der Wahl am 3. November in der Kingsbury Hall in Salt Lake City zu ihrer TV-Debatte zusammengekommen. In anderen Wahlkämpfen war die Vizepräsidenten-Debatte meist eher zu vernachlässigen. Unter den Umständen aber, unter denen sie jetzt stattfand, steckte eine ganz eigene Dramatik darin (lesen Sie hier das Vize-Duell im Ticker).

Es sind ja nicht nur die Plexiglasscheiben. Nach den Empfehlungen der US-Gesundheitsbehörde CDC dürfte Pence gar nicht hier stehen. Er müsste in Quarantäne sein. Er hätte zu Hause bleiben müssen, weil er Kontakt zu einem Corona-Infizierten hatte, zu US-Präsident Donald Trump, der jetzt im Weissen Haus seine Krankheit auskuriert. Das Weisse Haus ist Corona-Hotspot. Weit über 30 Mitarbeiter gelten nach neusten Daten als akut infiziert. Trumps Frau Melania ist positiv getestet, Generäle, wichtige Berater. Selbst Trumps Kammerdiener und der Assistent, der die Koffer mit den Atomwaffen-Codes stets in Trumps Nähe hält. Ganz zu schweigen von den 7,6 Millionen Amerikanern, die sich bisher infiziert haben. Und den 210’000 Corona-Toten im Land.

Beide wissen sich zu benehmen

Die Moderatorin Susan Page steigt direkt mit der Pandemie in die Debatte ein, die – das vorweg – so ablief, wie es von so einem Ereignis zu erwarten sein sollte. Harris und Pence sind sich nicht über das übliche Mass hinaus ins Wort gefallen. Es war an keiner Stelle nötig, «Halt den Mund, Mann!» zu rufen, wie Biden es vor einer Woche tat, als Trump und er ihre erste TV-Debatte miteinander bestritten. Trump hat das Treffen mit seinen ständigen Zwischenrufen in ein unkontrollierbares Gezänk ausarten lassen. Was Zweifel aufwarf, ob solche Debatten überhaupt noch einen Wert haben (lesen Sie dazu die Analyse: Trump vs. Biden: Vier Erkenntnisse aus dem TV-Duell).

Das war hier nicht zu erwarten. Harris und Pence mögen politisch Lichtjahre voneinander entfernt sein. Aber beide wissen sich zu benehmen. Pence versuchte es gar mit Schmeicheleien und gratulierte ihr zu der «historischen Natur» ihrer Kandidatur. Sie ist die erste Woman of Color, die sich für eine der beiden grossen Parteien um das Amt der Vizepräsidentin bewirbt.

«Mr. Vice President, ich rede»

Beeindruckt haben Harris die Schmeicheleien von Pence offenkundig nicht. Wann immer er versuchte, ihr ins Wort zu fallen, schaute sie ihm direkt in die Augen, hob eine Augenbraue und erklärte ruhig und bestimmt: «Mr. Vice President, ich rede.» Was Pence jedes Mal dazu zwang, seinen Redefluss zumindest für einen Moment zu unterbrechen. Punkt für Harris. Sie hatte den Vizepräsidenten ganz gut im Griff.

Pence war aber gar nicht der Hauptgegner für Harris in der Debatte. Sondern Präsident Donald Trump. Und Pence hatte alle Mühe, den Präsidenten zu verteidigen. Er zählte etwa die vermeintlichen Erfolge seiner Regierung im Kampf gegen die Pandemie auf: das Einreiseverbot für Personen aus China zu Beginn der Pandemie, die Entwicklung eines Impfstoffs in rasender Geschwindigkeit, die vielen, vielen Tests, die Verteilung von Schutzausrüstung.

Wenn er sich jetzt den Plan von Biden anschaue, dann «sieht es ein bisschen nach Plagiat aus», sagte Pence. Und anders als Trump vor einer Woche zeigt er immerhin Empathie: «Es ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht an jede amerikanische Familie gedacht habe, die einen geliebten Menschen verloren hat», sagte er. «Ich möchte, dass Sie alle wissen, dass Sie immer in unseren Herzen und in unseren Gebeten sind.»

«Was auch immer der Vizepräsident behauptet, was die Regierung getan habe, es hat eindeutig nicht funktioniert.»

Kamala Harris, Vizepräsidentschaftskandidatin

Harris liess das so nicht stehen. Sie erinnerte an die 210’000 Corona-Toten im Land. Daran, dass der Vizepräsident der Leiter der Corona-Taskforce im Weissen Haus ist. Und auch daran, dass Trump mutmasslich immer noch krank und ansteckend im Oval Office sitzt, und jeder, den er zu sich zitiert, einen gelben Schutzanzug, Maske und Schutzbrille anziehen muss. «Was auch immer der Vizepräsident behauptet, was die Regierung getan habe, es hat eindeutig nicht funktioniert», sagte sie.

Das Pandemie-Management war nicht die einzige offene Flanke, in die Harris hineinstach. Unter Trump gebe es am Ende seiner ersten Amtszeit weniger Jobs als zu Beginn, sagte sie. Er kümmere sich nicht um die einfachen Menschen, sondern nur um sich. Als ihr gesagt worden sei, dass Trump zuletzt nur 750 Dollar an Einkommenssteuern pro Jahr an den Bund bezahlt habe, da habe sie geglaubt, sich verhört zu haben. Es seien sicher 750’000 Dollar gemeint gewesen. Nein, 750 Dollar (lesen Sie dazu: Schlau oder skrupellos? Wie Trump jahrelang Steuern vermied).

Die Sache mit den Steuern weist Pence zurück. Die Berichte seien «nicht akkurat». Trump habe Millionen Dollar an Steuern gezahlt. Beweisen lässt sich das nicht. Trump weigert sich bis heute, seine Steuererklärungen zu veröffentlichen.

So plätscherte die Debatte vor sich hin. Beide machten ihre erwartbaren Punkte. Harris zeichnet das Bild einer völlig inkompetenten Trump-Regierung, die die Pandemie nicht in den Griff bekommt, die es nicht schafft, Jobs zu schaffen, die Handelskriege verliert und dem Rassismus im Land Vorschub leiste. Pence hingegen will die Menschen glauben machen, dass es nur mit Trump einen Ausweg aus den Krisen gebe.

Der heimliche Star

Für Erheiterung ausserhalb der Kingsbury Hall sorgte noch eine Fliege. Sie hatte es sich mitten in der Debatte auf dem schlohweissen Haupthaar des Vizepräsidenten bequem gemacht und bewegte sich für einige Minuten nicht von der Stelle. Die Fliege ist inzwischen eine Internet-Berühmtheit mit Dutzenden Twitter-Accounts wie @MikePencefly, der bereits mehr als 80’000 Follower hat.

Sorgt für Belustigung während der Debatte: Eine Fliege.
Video: Tamedia

Die Debatte mag manchem langweilig erschienen sein. Aber wenn die Umfragen nicht täuschen, dann ist etwas mehr Langeweile genau das, wonach sich viele Amerikaner nach vier Jahren Trump sehnen. Harris und Pence haben jedenfalls bewiesen, dass sie beide – verglichen mit Trump – die besseren Präsidenten wären. Und endlich ging es mal um Inhalte. Und nicht nur um Streit.

Die Moderatorin hatte das Schlusswort. Und lud recht sorgenfrei direkt zur nächsten TV-Debatte der Präsidentschaftskandidaten am 15. Oktober ein. Das mag etwas voreilig gewesen sein. Wenn Trump so krank ist, wie es seine Medikation vermuten lässt, dann steht in den Sternen, ob er kommende Woche schon fit genug ist. Und vor allem, ob er dann noch ansteckend ist. Bidens Lager hat schon klargestellt, dass Trump in dem Fall gern mit sich allein debattieren kann.

56 Kommentare
    G. Mühlebach

    Die letzte Frage der Moderatorin war; “Wird Trump das Weisse Haus friedlich

    verlassen, sollte er die Wahl verlieren “? Diese Frage wurde dem Präsidenten

    auch schon von Dutzenden Journalisten gestellt. Eine gleichwertige Frage,

    die noch nie gestellt wurde, lautet: Werden die Demokraten friedlich akzeptieren,

    dass der Präsident wiedergewählt wurde?