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Corona-Theater im SchiffbauDer Theaterchef koppelt Brahms mit Black Lives Matter

Nicolas Stemann hat seine «Corona-Passionsspiele» zum Saisonschluss als Distanz-Konzert aufgeführt. Und er hatte auch sonst gute Neuigkeiten.

Multitasking: Regisseur, Texter und Komponist Nicolas Stemann am Klavier während der «Corona-Passionsspiele» in der Schiffbauhalle in Zürich.
Multitasking: Regisseur, Texter und Komponist Nicolas Stemann am Klavier während der «Corona-Passionsspiele» in der Schiffbauhalle in Zürich.
Foto: Gina Folly

Über uns spannt sich schwarz der Himmel auf; vor uns, auf der Balkonbrüstung, glimmen Kerzchen in der Nacht wie Glühwürmchen. Und unter uns, im Atrium des Schiffbaus, rauscht im Wind der neue Garten, den das Schauspielhaus-Ensemble während des Lockdown angelegt hat: Eine bessere Kulisse für Brahms’ «Feldeinsamkeit» gibts nicht. Eben noch warnte Noam Chomsky im Atrium via Youtube-Clip vor dem Weltuntergang – und als die niederländische Mezzosopranistin Olivia Vermeulen nun davon singt, wie sie «von Himmelsbläue wundersam umwoben» und geradezu im Jenseits ist, sind wir ganz bei ihr. Böse Süsse à la Nicolas Stemann.

Dann knallt Regisseur und Co-Intendant den viralen, höchst diesseitigen Soundbite von Autorin Kimberly Jones in die träumerische Atmosphäre: «You broke the contract when you killed us in the streets and didn’t give a fuck! – They are lucky that what black people are looking for is equality and not revenge.» Finale der «Corona-Passionsspiele» mit der Vision «Wir wachsen».

Entwickelt wurde der 100-minütige Kreuzweg mit seinen 14 Stationen während der letzten 14 Wochen von Stemann und Crew; digital hatte man einige Songepisoden bereits gesehen, etwa «I. – Virus in China», «II. – You gotta wash’ em» oder «III. – Ich bleib zu Hause». Wir nicht: 100 Besucher, 12 Performer (inklusive Tochter Luisa Stemann und Sängerin Vermeulen), 3 Musiker: Das fühlte sich selbst in der Halle richtig voll an, trotz strengem Distanzkonzept. Und das Publikum war vom Liveact encharmiert.

Ob «Faust», Jelinek-Uraufführungen oder ein mit heisser Nadel gestrickter Corona-Schal mit 14 Streifen – Stemann kann diese kratzbürstige Mischung von U und E, die den Zuschauer mitreisst. Er zoomt auf die menschlichen Schwächen und Leiden und lässt dazu walzern, rocken, schlagern, swingen, Country-schwofen und Techno-beaten. Dabei fetzt er bissige Jokes über die «beknackten Fakten», BAG-Koch und Robert Koch, die Airline-Rettungen und die neue, alte Gleichgültigkeit, über Statistik und Tiktok: ein klasse Kabarett im Theaterformat.

«Die eigentlichen Corona-Folgen stehen uns noch bevor, fürchte ich.»

Nicolas Stemann, Co-Intendant des Schauspielhauses Zürich

«Für mich war es ein ungemein produktives Jahr. Ich habe inszeniert, geschrieben, komponiert – ein Kinderstück für Erwachsene, ein Musical über den Kapitalismus, die Corona-Passionsspiele sowie eine Kolumnen-Seriedas alles neben dieser neuen, fordernden Aufgabe als Intendant. Ich hatte mir Sorgen gemacht, dass die Intendanz mich künstlerisch einengt – das Gegenteil ist der Fall!», hält er vor der Premiere fest. Die Besucherzahlen, soweit schon bekannt, bestätigen das positive Grundgefühl. Bis zum Lockdown waren sie immerhin vergleichbar mit den Zahlen der ersten Spielzeit von Barbara Frey in diesem Zeitraum; Intendantenwechsel sind jeweils heikel. Aber, unterstreicht Stemann: «Die eigentlichen Corona-Folgen stehen uns noch bevor, fürchte ich, und die Ungewissheit, wie wir nächste Saison spielen können, ist zehrend. Das wird natürlich auch finanziell nicht einfach.»

Mit dem Start jedoch ist man am Schauspielhaus zufrieden – und wir sind es auch. Es sei viel besser gelaufen als erwartet, so Stemann. Da waren die Neugierde beim Publikum sowie die gute Resonanz bei der Kritik samt Einladung ans Berliner und ans Schweizer Theatertreffen. Zudem habe sich die Konstruktion mit Doppelintendanz und acht in Zürich lebenden Hausregisseuren gerade in der Krise bewährt. Auch habe man die Neuausrichtung – Stichwort mehr Diversität, mehr Jugend – umsetzen können. Stemann spricht vom «erweiterten Theaterbegriff», der greife.

Gegriffen hat offenbar auch Zürich: Nach den Herzen der Familie Stemann mit ihren zwei Kindern. «Das hätte niemand von uns so erwartet. Ich dachte immer, ich könnte nur in richtig grossen Städten leben. Aber das stimmt nicht – Zürich hat genau die richtige Grösse!» Mal sehen, wie die Bühne nach Corona da hineinwächst.

Letzte Vorstellung: heute Samstag, 21 Uhr. Restkarten vorhanden.