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Mutiger KünstlerDer Sohn des argentinischen Präsidenten – die Drag-Queen

Estanislao Fernández alias Dyhzy gilt als Ikone in der argentinischen Drag-Welt – und wird deswegen angefeindet und gefeiert.

Dyhzy verschafft der argentinischen Drag-Szene Gehör.
Dyhzy verschafft der argentinischen Drag-Szene Gehör.
Bild: Instagram, Dyhzy

Estanislao Fernández, 25-jähriger Sohn des argentinischen Präsidenten Alberto Fernández, ist besser bekannt als Drag-Queen Dyhzy. Mit mehr als 340’000 Abonnenten auf Instagram ist sie eine Ikone in der argentinischen Drag-Welt. Das war sie auch schon vor der medialen Aufmerksamkeit während und nach der Präsidentschaftswahl.

Als politische Gegner des Präsidenten immer wieder versuchten, Dyhzy als Zielscheibe für Hetzkampagnen zu missbrauchen, liess sich der Sohn nicht einschüchtern. Auf der Amtseinführung seines Vaters, der seit Dezember 2019 eine Mitte-Links-Regierung anführt, trug Estanislao ein buntes Einstecktuch, das sich später als gefaltete Regenbogenflagge entpuppte.

Der argentinische Präsident  Alberto Fernández und sein Sohn Estanislao.
Der argentinische Präsident Alberto Fernández und sein Sohn Estanislao.
Foto: PD

Und was sagt der Präsident selbst über die Leidenschaft seines Sohnes, der sich als bisexuell identifiziert? In einem Radiointerview äusserte er sich loyal: «Ich bin stolz auf meinen Sohn, wie kann ich nicht stolz sein? Er ist einer der kreativsten Menschen, die ich je gesehen habe und setzt sich für sexuelle Vielfalt ein. Ich würde mir Sorgen machen, wenn mein Sohn ein Verbrecher wäre, aber er ist ein grosser Mann.»

Lockdown genutzt

In der Corona-Krise ging Estanislao Fernández neue Wege. Die argentinische Regierung hat einen der schärfsten Lockdowns Lateinamerikas durchgesetzt, der bis auf wenige Lockerungen bis jetzt andauert. Davon ist die Drag-Szene besonders betroffen – bezahlte Performances finden vornehmlich in queeren Etablissements statt, deren Türen immer noch verriegelt sind. Deshalb leben viele argentinische Drag-Artists momentan in prekären Verhältnissen.

Bereit für die Lockdown-Party – die Drag-Queen nutzte die Zeit zuhause, um auch andere zu unterhalten.
Bereit für die Lockdown-Party – die Drag-Queen nutzte die Zeit zuhause, um auch andere zu unterhalten.
Foto: Instagram, Dyhzy

Dyhzy nutzt ihre privilegierte Stellung, um die Drag-Kultur auch in dieser Zeit am Leben zu erhalten. Sie ist auf das Streaming ausgewichen. Als DJ legt sie jeden Freitag bei der Partyreihe «Ah pero anoche» (deutsch: Ah, aber gestern Nacht) in voller Drag-Montur auf. Über einen Zoom-Raum und eine Live-Funktion auf Instagram kann man der virtuellen Party beitreten.

Darüber hinaus streamt Estanislao gerne auch mal die aufwendige Vorarbeit seiner Shows: Wie richtet man noch gleich eine Drag-Perücke her?

Ausgezeichneter Student

Ursprünglich kommt Estanislao Fernández aus einer anderen künstlerischen Richtung – dem Zeichnen. Er studiert Grafik- und Illustrationsdesign an einer Universität in Buenos Aires, wo seine fotografische Arbeit «Die Macht der Schminke» ausgezeichnet wurde. Seit 2015 nimmt er nicht nur durch Drag-Performances traditionelle Geschlechterrollen auf die Schippe.

Auch im Cosplay (aus dem Englischen: Costume and Play) tobt sich Estanislao kreativ aus. Er ist bekennender Fan von Animes und Manga-Comics und stellt seine Lieblingscharaktere mit ausgefeilten Kostümen, Perücken und Make Up nach. So liess sich der Präsidentensohn immer wieder auf der New York Comic Con blicken, dem popkulturellen Event schlechthin für die Cosplay-Community.

Ändert sich wirklich was für Drag-Artists in Argentinien, wenn jemand aus der Szene einen prominenten Vater hat? Einige sind skeptisch.
Ändert sich wirklich was für Drag-Artists in Argentinien, wenn jemand aus der Szene einen prominenten Vater hat? Einige sind skeptisch.
Foto: Instagram, Dyhzy

Abgesehen von seinen Engagements in der Welt des Drag und Cosplay ist Estanislaos Arbeitsalltag übrigens weniger schillernd – er arbeitet für ein Versicherungsunternehmen.

Drag-Lektionen, mit Vorbehalt

Estanislao Fernández zeigt, wie politische Kämpfe individuelle Freiheiten schaffen, auch für Präsidentensöhne. Für das argentinische Drag Kollektiv Tarde Marika ist die Tatsache, dass der Sohn des Präsidenten öffentlich Drag betreibt, weniger Ursache als vielmehr Konsequenz des gesellschaftlichen Wandels hin zu mehr Toleranz, den man in Argentinien beobachten kann: «Es ist eine Folge des politischen Aktivismus der letzten 50 Jahre, den die argentinische LGBTIQ-Bewegung gestemmt hat. Diese Kämpfe haben neue Wege und Möglichkeiten eröffnet», heisst es in einem Statement, das das Kollektiv auf Anfrage schickt.

Tatsächlich gilt die aktuelle Regierung als äusserst LGBTIQ-freundlich. So soll etwa ein Prozent aller Stellen im Staatsdienst in Argentinien künftig Mitgliedern aus der Trans-Community vorbehalten bleiben. Laut dem Drag-Kollektiv habe Dyhzy mit ihren Performances erreicht, dass sich viele Argentinier*innen zum ersten Mal mit Drag auseinandersetzen würden.

Bisher habe dies aber keine positive Auswirkung auf die staatliche Förderung der Szene mit öffentlichen Geldern gehabt: «Die Sichtbarkeit des Präsidentensohnes hat nichts an der prekären finanziellen Situation vieler Drag-Artists geändert.»

Sehen Sie hier in Bildern unseres Fotografen, wie ein Mann zur Dragqueen wird.

1 Kommentar
    Thomas Läubli

    Es fragt sich nun ganz analog zur SRF-Diskussion um Nathalie Wappler, was der Service Public dieses Artikels sein soll.