Zum Hauptinhalt springen

Stucki will nicht schwingenDer Schwingerkönig spricht ein Machtwort

Christian Stucki plädiert dafür, die Saison 2020 ganz abzubrechen. Und: Der Seeländer Hüne hat während des Lockdown seinen grünen Daumen entdeckt.

Christian Stucki appelliert an die Fairness: Der Schwingerkönig fordert gleiche Bedingungen für alle Schwinger.
Christian Stucki appelliert an die Fairness: Der Schwingerkönig fordert gleiche Bedingungen für alle Schwinger.
Foto: Christian Pfander

Es gibt sie, diese Momente, in denen Christian Stucki am Sonntagmorgen mit seiner Frau und den beiden Söhnen beim Frühstück sitzt, auf die Uhr schaut und denkt: «Jetzt stünde der zweite Gang an.» In einer Welt ohne Corona wäre die Kranzfestsaison nun in vollem Gange. Am Sonntag hätte das «Seeländische» stattgefunden, Stuckis Heimfest. Doch in einer Welt mit Corona hat er schon lange nicht mehr geschwungen – er kann sich nicht einmal mehr daran erinnern, wann er zuletzt in einem Schwingkeller war. Also schläft der Lysser nun sonntags aus und verbringt Zeit mit der Familie. «Das ist natürlich auch schön und ziemlich entspannend», sagt er, «aber ich vermisse das Schwingen trotzdem.»

2019 war Stuckis Jahr. Im August wurde der 1,98-Meter-Hüne Schwingerkönig, im Dezember als Sportler des Jahres ausgezeichnet. Stucki war hier und da, irgendwie überall gefragt. Und so sagte er Ende Jahr gegenüber dieser Zeitung: «Die Familie kam in letzter Zeit zu kurz. Ich werde im nächsten Jahr weniger Termine wahrnehmen.»

Das Schwingerstübli als Treibhaus

Fünf Monate sind seither vergangen. Stucki sitzt in seinem Schwingerstübli, umgeben von Kränzen und Treicheln, und lächelt. Sehr schnell habe er sich mit der Situation arrangiert, er erhalte nun einen Vorgeschmack auf das, was ihn erwarte, wenn er dereinst die Zwilchhose an den Nagel hängen werde. «Nicht jeden Abend unter der Woche auswärts zu verbringen, im Training oder sonst an einem Anlass, sondern zu Hause zu sein, das geniesse ich.» Und der Schwingerkönig entdeckte seinen grünen Daumen. Sein Vater, ein Schlosser, fertigte ihm Hochbeete an. Während des Lockdown pflanzten Stuckis Salat, Kohlrabi, Zwiebeln, Knoblauch und Broccoli an. Als er das erzählt, blickt er auf einmal zu einer Ablage mit Setzlingen. Chili, Paprika und Tomaten, «alles selbst gezogen». Aber weil sie noch zu klein sind, bleiben sie vorerst in seinem Schwingerstübli, «es ist das perfekte Treibhaus». Das Gärtnern bereitet ihm sichtlich Spass, wobei er dies auch mit einem Lerneffekt für die Söhne verbindet. «So lernen sie, dass man das Gemüse nicht nur beim Grossverteiler kaufen kann.»

«Nicht jeden Abend unter der Woche auswärts zu verbringen, im Training oder sonst an einem Anlass, sondern zu Hause zu sein, das geniesse ich.»

Die Sportwelt mag gerade stillstehen, aber sie wird sich weiterdrehen – irgendwann. Das weiss auch Stucki. Weshalb er seine Garage wenige Tage nach dem Lockdown zu einem Kraftraum umfunktionierte, um weitertrainieren zu können. Bis er sich nach ein paar Wochen die Sinnfrage stellte: «Wofür stemme ich regelmässig Gewichte, wenn ich nicht weiss, wann wir wieder schwingen können?» Nun ist Stucki mit seinen 35 Jahren weitaus älter als seine ärgsten Herausforderer. Und er hat noch nicht vor, kürzerzutreten. Entsprechend fatal wäre es, die Zügel schleifen zu lassen. Also geht er neue Wege. Sein Athletiktrainer Tommy Herzog hat in den letzten Wochen ein Onlineprogramm ins Leben gerufen, eine Kombination aus Kraft-, Ausdauer- und Intervalltraining. Stucki begann zusammen mit seiner Frau den Anweisungen des Coaches auf dem Bildschirm zu folgen, manchmal trainiert auch eine Nachbarin mit. «So können wir gemeinsam leiden, zwischendurch noch einen dummen Spruch machen. Das fällt mir leichter, als allein an den Gewichten zu reissen», sagt er. Und seit letzter Woche schwitzt er nicht nur im Homeoffice, er darf auch wieder 1:1 mit Herzog zusammenarbeiten.

Die Forderung an den ESV

Die Motivation also ist zurückgekehrt. Aber die Frage, wann es wieder losgeht, die ist noch nicht geklärt. Die Situation ist konfus. In der Innerschweiz, im Nordost-, Nordwest- und Südwestschweizer Teilverband sind sämtliche Kranzfeste abgesagt worden. Weshalb im einst so dichten Kalender ein einziger Wettkampf übrig geblieben ist, bei dem Eichenlaub abgegeben wird: Das «Oberländische» in Frutigen ist von Juni auf Anfang Oktober verlegt worden. Für Stucki ist das an sich ein unhaltbarer Zustand. Der Schwingerkönig pflichtet dem Athletenrat bei – in dem er ebenfalls den Eidgenössischen Schwingerverband in die Pflicht nimmt. Er fordert gleiche Bedingungen für alle. Das heisst: Wenn die Schwinger der anderen Teilverbände nicht um einen Kranz schwingen können, dann sollen das auch die Berner nicht tun. «Es wäre schlauer, wenn man die Saison 2020 streichen würde. Der ESV muss eine Entscheidung fällen.»

«Es wäre schlauer, wenn man die Saison 2020 streichen würde.»

Schwingen ist in der Schweiz längst zum Big Business geworden. Und Stucki ist nicht erst seit seinem Sieg am «Eidgenössischen» einer der beliebtesten Werbeträger. Doch was, wenn alles ausfällt? Roger Fuchs, der Manager von Remo Käser, meinte unlängst im «Blick», dass den Athleten je nach Verträgen wegen ausfallender Auftritte bis zu 60 Prozent ihrer Sponsoring-Einnahmen entgehen könnten. Stuckis Manager Rolf Huser will sich zu derlei Zahlen nicht äussern. Er verweist auf die starken Sponsoren, die hinter dem Schwingerkönig stehen und auch jetzt zu ihm stehen würden. «Man versucht sich gegenseitig zu helfen, macht vielleicht einmal etwas in den sozialen Medien», sagt Huser. Und so oder so kommt Stucki zugute, dass er wie jeder andere Schwinger einer Arbeit nachgeht, dreimal pro Woche ist er als Chauffeur tätig. «Uns geht es gut», sagt er.

Irgendwann wird Corona vorbei sein. Das wissen die Sponsoren und die Fans – und dessen ist sich auch Stucki bewusst. Bis zum «Eidgenössischen» 2022 wollte er ursprünglich weiterschwingen – da wäre er 37. Nun spielt der Seeländer bereits mit dem Gedanken, das Karrierenende noch ein bisschen hinauszuzögern. «Klar wirst du im Alter anfälliger», meint er. Also müsse er mit seinem Körper halt ein bisschen mehr «pipäpelen». So, wie er das bereits mit seinem Gemüse macht.