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Nachruf: Rapper TyDer sanfte Hip-Hopper

Der britische Rapper Ty stirbt mit nur 47 Jahren an den Folgen von Covid-19. Ein weiterer Beleg für die rätselhafte erhöhte Sterblichkeitsrate des Virus bei People of Colour in Grossbritannien.

Der englische Hip Hop-Artist Ty 2010 an einem britischen Festival. Er starb am 7. Mai an Covid-19.
Der englische Hip Hop-Artist Ty 2010 an einem britischen Festival. Er starb am 7. Mai an Covid-19.
Foto: Redferns

Es herrscht wahrlich kein Mangel an erschütternden Nachrichten in diesen Tagen, und doch wühlt diese besonders auf. Im Alter von nur 47 Jahren ist der Rapper Ty in London den Folgen des Coronavirus erlegen. Der Verlauf der Krankheit beim Briten nigerianischer Herkunft zeigt einmal mehr, wie heimtückisch dieses Virus ist.

Im März ins Spital eingeliefert, Anfang April aufgrund von Komplikationen ins künstliche Koma versetzt und künstlich beatmet, erholt sich Ty zunächst und wird auf eine normale Station verlegt. Dort fängt er sich dann aber eine Lungenentzündung ein, die er nicht überlebt. Für ihn selbst und seine Angehörigen muss diese Berg-und-Tal-Fahrt die Hölle gewesen sein, die am 7. Mai zumindest für ihn endet.

Entspannt und intelligent

Ty, mit bürgerlichem Namen Benedict Chijoke, wird 1972 in London geboren. Seine jungen nigerianischen Eltern wollen aber ihre Ausbildung zu Ende bringen und lassen ihn und seine Geschwister deshalb mehrere Jahre bei englischen Zieheltern auf dem Land aufwachsen. Nach der Rückkehr zu den leiblichen Eltern in Südlondon fühlt er sich ein wenig als Aussenseiter. Und das widerspiegelt sich in seiner Musik.

Ty bevorzugt eine sanfte Spielart des Hip-Hop, als er im Jahr 2001 sein Debüt «Awkward» vorlegt. Im Lauf der Jahre reichert er seine Musik immer mehr mit Versatzstücken aus Soul, Jazz und Afrorhythmen an. Mit seinem entspannten Rapstil und intelligenten, vielschichtigen Texten sticht er heraus. Rasch gilt er als wichtige Stimme des britischen Hip-Hop, auch weil er die von den USA beeinflusste, allzu ernste Szene mit Humor aufmischt.

Sein zweites Album «Upwards» wird 2004 für den Mercury Prize nominiert, den höchsten Musikpreis Grossbritanniens. Die Streetgangs in Brixton, Hackney oder Lewisham fühlen sich durch ihn hingegen eher weniger repräsentiert. Ty ist kein Kind der sozialen Brennpunkte Londons, die Musik klingt freundlicher als jene seiner erfolgreicheren Nachfolger Dizzee Rascal oder Stormzy, die mit dem harten, metallenen Sound des Grime die Spitze der britischen Charts stürmen.

An seinem grossartigen Konzert im Zürcher Jazzclub Moods im Jahr 2006 tritt Ty – statt wie damals üblich nur mit DJ – mit einer echten Begleitband auf. Nach der Show, bei einer kurzen Begegnung, ist er nahbar und interessiert am Gegenüber, so, wie man es von wenigen seiner Kollegen je erlebt hat.

Fast prophetische Songs

Sein Album «Special Kind of Fool» von 2010 löst aus heutiger Sicht gleich an mehreren Stellen ein Schaudern aus. «Spreading all over the world just like a virus» heisst es da einmal; anderswo «We don’t shake hands no more». Natürlich sind diese Zitate aus dem Zusammenhang gerissen und nicht prophetisch zu verstehen, trotzdem muss man leer schlucken.

Wenn man so will, erweitert Ty aus afrikanischer Sicht die Liste von Musiklegenden, die in jüngster Zeit verstorben sind, nach den betagten Hugh Masekela, Manu Dibango (gestorben an Covid-19) und Tony Allen, mit dem Ty auf «Upwards» zusammengearbeitet hatte und der eine Woche vor ihm starb.

People of Colour sind vom Virus möglicherweise stärker betroffen als Weisse.

Vor allem aber ist Tys tragisches Ableben mit nur 47 Jahren ein weiterer Hinweis darauf, dass People of Colour vom Virus möglicherweise stärker betroffen sind als Weisse. Einer aktuellen britischen Studie zufolge ist die Mortalitätsrate bei Minderheiten aus Afrika über dreimal so hoch wie bei der britischen Mehrheitsbevölkerung. Jene der Minderheiten aus Pakistan, Indien oder Bangladesh liegt ebenfalls deutlich darüber.

Laut der Studie gibt es dafür zwar sozioökonomische Gründe wie Armut, schlechtere Gesundheitsversorgung und einen überdurchschnittlich hohen Anteil in exponierten Risikoberufen: All dies reiche aber nicht aus, um die hohen Zahlen zu erklären. Die britische Regierung hat nun eine eigene Untersuchung eingeleitet, um das Rätsel zu klären.

Das mediale Echo in Grossbritannien auf Tys Tod war beachtlich, die Bestürzung von Weggefährten und Kollegen gross. Dennoch war Ty nie wirklich ein Star. Das unterstreicht nicht zuletzt der Fundraiser, der Anfang April von Freunden ins Leben gerufen wurde, um dem erkrankten Rapper die bestmögliche medizinische Behandlung zu ermöglichen. 20’000 britische Pfund, rund 24’000 Franken, kamen so zusammen. Vergeblich.