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Wacker ThunDer Provokateur als Grandseigneur

Mit seinem 400. Einsatz jüngst ist Kreisläufer Reto Friedli in die Beletage des hiesigen Handballs aufgestiegen. Im Oberland fungiert er spätestens seit dieser Saison auch als Mentor.

Reto Friedli jubelt, die Gegner verzweifeln: So ist das wieder in der Lachenhalle.
Reto Friedli jubelt, die Gegner verzweifeln: So ist das wieder in der Lachenhalle.
Foto: Markus Grunder

Reto Friedli ist nicht der Typ, der sich über Statistiken definiert. Leidenschaft, Herzblut, Emotionen: Das ist seine Welt. Als er kürzlich sein 400. Spiel in der Nationalliga A bestreitet und dafür geehrt wird, bewegt ihn das aber dann doch. Demütig und gerührt schreitet er zur Auszeichnung, er winkt ins ob der Pandemie überschaubar gewordene Publikum, zeigt auf das Clublogo, das auf dem Trikot prangt, und klopft auf sein Herz.

400 Partien – das ist nicht nur gefühlt eine ganze Menge. Es gibt bloss neun Menschen, welche hierzulande auf höchstem Niveau mehr Begegnungen absolviert haben, und mit St.-Gallen-Keeper Aurel Bringolf ist lediglich einer von ihnen noch aktiv.

In einem Ranking mit Grössen wie seinem Coach Martin Rubin und Urs Schärer zu figurieren, das bedeutet ihm viel. Vermutlich zählt für ihn aber nicht primär die Anzahl geleisteter Einsätze – sondern vornehmlich die Tatsache, dass er sie allesamt für denselben Club bestritten hat. «Wacker trage ich in meinem Herzen», sagt er. Deshalb auch die Geste beim Jubiläum.

Die Renaissance des Vorkämpfers

Das Eigengewächs ist ein Evergreen in der Lachenhalle. Wacker ohne ihn: schwer vorstellbar. Er hat die Ära Rubin wesentlich mitgeprägt, sechs Titel gewonnen, sich in der Champions League mit der Elite der Branche gemessen. Er ist das Gesicht der goldenen Generation, der Anführer des Kerns, der weitere Ur-Thuner wie Marc Winkler und Luca Linder beinhaltet. Doch Friedli befindet sich im Herbst seiner Karriere; daraus macht er kein Geheimnis. Ende Monat wird er 32. Und die 14 Jahre Kreisläuferdasein haben Spuren hinterlassen. Seine Hüfte bereitet Schmerzen und Probleme, er ist in seinem Tun eingeschränkt, trotz Trainingsfleiss in der Vorbereitung und Gewichtsreduktion.

Die Verantwortlichen wissen, dass sie nicht ewig auf ihren Vorkämpfer werden setzen können. Sie haben längst reagiert, die Talente Janick Sorgen und Yannick Schwab integriert. Friedlis Rolle ist eine andere. Er versteht sich auch als Mentor der Jungen, die nachrücken.

Doch den zweimaligen Meister auf sein Wirken neben dem Platz zu reduzieren, wäre falsch. Wozu der Berner Oberländer noch immer in der Lage ist, demonstriert er unlängst im Derby. Er gelangt zu weit mehr Einsatzzeit als in den Partien davor, markiert am Kreis eine bemerkenswerte Präsenz, legt sich mit Widersachern an, provoziert Penaltys und erzielt Tore. Auch seinetwegen erinnert Wacker in der ersten Hälfte an jenes Team, das in den Glanzjahren die Gäste förmlich aus der Halle warf.

Drei Punkte gewannen die Thuner in den schwierigen Partien gegen den BSV und in Zürich. Dass sie einen weit besseren Eindruck machen als zu Beginn der Saison, ist auch darauf zurückzuführen, dass ihr Vorkämpfer wieder regelmässig auf der Platte steht, die andern mitreisst.

Die Zeit des Evergreens – sie mag doch ablaufbar sein. Zu Ende aber ist sie noch nicht.