Der Präsident, der nie Präsident war

Markus Somm über Robert Kennedy, ein harter, unvergessener Mann.

Markus Somm@sonntagszeitung

Als im April 1968 Martin Luther King, der grosse Führer der Schwarzen, ermordet worden war, erfuhr dies Robert Kennedy mitten im Wahlkampf. Seit kurzem bewarb er sich um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten, und als Bruder eines ermordeten Präsidenten, als Vertreter der magischen Kennedy-Dynastie, standen seine Aus­sichten gut. Ergriffen änderte er sogleich seine Rede, die er am Abend in Indianapolis hielt. Er improvisierte. Es sollte eine berühmte Rede werden, die heute noch in den Schulen gelesen wird. Dass es im Gegensatz zu vielen anderen Städten an jenem Abend in Indianapolis zu keinen Ausschreitungen aufgebrachter Anhänger von King kam, wurde Robert Kennedys beruhigenden, erschütternden Worten zugeschrieben.

Berühmt wurde auch ein Zitat, das Kennedy in dieser Rede verwandte, wenn er es auch leicht falsch wiedergab. Es stammt von Aischylos, dem griechischen Tragödiendichter:

«Sogar in unserem Schlaf fällt der Schmerz, der nicht ­vergessen kann, Tropfen für Tropfen auf unser Herz, bis in unserer Verzweiflung, gegen unseren Willen, ­Weisheit erscheint dank der furchtbaren Gnade von Gott»

Der gleiche Robert Kennedy hatte als Justizminister dem FBI erlaubt, Kings Telefon abzuhören. Einige von Kings Beratern standen im Verdacht, Kommunisten zu sein. Die Überwachung endete erst nach Jahren. Kennedy war zeit­lebens ein Anti-Kommunist der alten, robusten Sorte: Er hasste sie, er verfolgte sie. Trotzdem gilt der Demokrat heute als einer der Helden der amerikanischen Linken.

Als wir vor kurzem die Kennedy-Bibliothek hier in Boston besuchten, die eigentlich seinem älteren Bruder gewidmet ist, fanden wir auch einen ganzen Raum, der nur von Robert handelte: Wir sahen sein Pult, seine Korrespondenz, seine Familienfotos, und auf Bildschirmen flimmerten seine Reden, wo er Armut geisselte, sich für die Rechte der Schwarzen einsetzte oder gegen den Vietnam-Krieg auftrat, den sein Bruder, wenn auch halbherzig, begonnen hatte. Ohne Frage, Robert Kennedy war eine beeindruckende Persönlichkeit: Blitzgescheit, ein scharfer Hund, unendlich ehrgeizig, was man ihm vorwarf und damit in Zusammenhang brachte, dass er so klein war, sicher kleiner als seine Brüder. Manche sagen, er sei intelligenter und wirkungsvoller gewesen als sein berühmterer Bruder John F. Kennedy, den er beriet und oft umstimmte. Andere meinen, Robert habe dunkle Seiten besessen. Tatsächlich hatte er als junger Anwalt für Joseph McCarthy gearbeitet, den paranoiden Kommunistenfresser, auch war Robert, anders als viele Linksliberale jener Zeit, ein sehr gläubiger, genauso konservativer wie radikaler Katholik. Elf Kinder, keine Affären, beste Beziehungen zur Kirche.

Bobby, wie man ihn nannte, hatte stets darunter gelitten, dass sein Vater nicht viel von ihm hielt. Der Patriarch der Familie, Joseph Kennedy, ein Milliardär, wollte zuerst selber Präsident werden, dann sollte der älteste Sohn Joseph junior das erreichen, bevor er im Krieg fiel, Jack, der zweite Sohn, wurde Präsident und ermordet. Mit Bobby dagegen hatte niemand gerechnet. Er galt in den Augen des Vaters als zu weich – und vielleicht lag es daran, dass er nachher so hart auftrat. Als Justizminister liess er nicht bloss King über­wachen, sondern keiner hatte die Mafia je derart in die Enge getrieben wie Robert Kennedy, genauso stürzte er sich in den Kampf für die Rechte der Schwarzen im rassistischen Süden des Landes, was ihn in Teilen der eigenen Partei zum best­gehassten Mann machte.

Bis heute ist unklar, was den Täter, ein junger Palästinenser, dazu bewog. 

Damals beherrschten die Demokraten den Süden. Es war die demokratische Partei gewesen, die all die diskriminierenden Gesetze und Regeln erfunden hatte, um die Schwarzen daran zu hindern, ihr Wahlrecht auszuüben. Getrennte Toiletten, getrennte Busse, getrennte Schulen: Es war Kennedys Partei, die für dieses Unrecht im Süden einstand. Es brauchte Mut, dagegen anzugehen, was Robert sehr viel entschlossener tat als der eigene Bruder und Präsident. Als King 1968 starb, war Robert einer der wenigen Weissen, die an der Beerdigung Applaus erhielten. Die beiden waren sich inzwischen sehr nahegestanden.

Zwei Monate später wurde auch Robert erschossen. Bis heute ist unklar, was den Täter, ein junger Palästinenser, dazu bewog. Für die Zeitgenossen bedeutete es eine Tragödie ersten Ranges. Es schien, als bräche das Land auseinander. Und alles, was nachher kam und misslang, wäre anders gekommen. All die Hoffnungen von einem besseren Amerika, so glaubte man, und glaubt es in manchen Kreisen noch heute, wären erfüllt worden – wäre Robert Kennedy am Leben geblieben.

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