Der «peinliche Präsident»

Warum sogar regierungs­nahe Medien von Brasiliens Präsident Bolsonaro genug zu haben scheinen.

In Brasilien wurde vergangenen Monat eine lang geplante Retrospektive meiner Arbeit gezeigt. Viele meiner Freundinnen und Freunde kommen aus dem Land, das seit drei Monaten von Bolsonaro regiert wird. Während der Präsidentschaftswahlen hatten wir einen offenen Brief veröffentlicht. Wir warnten darin vor dem Offensichtlichen, also vor dem, was von Bolsonaros Regierung seit Jahresbeginn in ­rasendem Rhythmus umgesetzt wird: Sozialabbau, Militarisierung, Verfolgung der Minderheiten.

Am Flughafen von São Paulo holten mich die Organisatoren mit einem gepanzerten Fahrzeug ab. Die Vorstellungen wurden von der Polizei geschützt, denn in gewissen Kreisen gelte ich als gefährlicher Extremist. «Es ist Zeit, dass jemand den Mut hat, dieses Theater mit der nötigen Gewalt zu unterbrechen», hiess es etwa in einer Theaterkritik. Dass die Überbringer schlechter Nachrichten als deren Urheber gelten, gehört bekanntlich zum Berufsbild von Künstlern, Aktivisten und Journalisten. Bolsonaro jedoch hat sein Land innerhalb weniger Monate «ins anale Stadium des politischen Diskurses zurückgeführt», wie sich ein brasilianischer Bekannter ausdrückt.

Denn jedem, der auch nur ein klein wenig anders ist als er selbst – Schwule, Liberale und Indigene im Speziellen, Frauen und Arme ganz allgemein, also geschätzt etwa 80 Prozent der Bevölkerung –, droht der Präsident per Twitter mit Gefängnis und Tod. Zu einer oppositionellen Parlamentarierin sagte er: «Ich würde dich nie vergewaltigen, weil du es nicht wert bist.» Bolsonaros Symbol ist die gezückte Pistole. Der einzige Makel der Militärdiktatur sei gewesen, dass sie «nur gefoltert und nicht ­getötet» habe.

«Sollte Bolsonaro fallen, wird es noch schlimmer.»

Im Vergleich mit seinem brasilianischen ­Kollegen wirkt sogar Trump wie ein gemässigter Staatsmann. In wenigen Wochen wurde das Ministerium für Menschenrechte in «Ministerium für Familie» umbenannt, der Schutz ­sexueller Minderheiten komplett aus ihrem ­Aufgabenbereich gestrichen. Dem neuen ­«Umweltministerium» sitzt ein Klimawandel-Leugner vor. In Bolsonaros Administration ­sitzen bereits mehr Militärs als in der ehe­maligen Militärdiktatur.

Der Umbau der Institutionen ist so effektiv, dass der Präsident selbst bald überflüssig sein wird. Sogar die regierungsnahen Medien scheinen genug zu haben von dem irren Twitter-Junkie. Als wir in die brasilianischen Aufführungen meiner Stücke polemische Witze über den Präsidenten einschoben, schrieb eine eigentlich als radikal rechts bekannte Tageszeitung: «Sogar die Europäer lachen über unseren peinlichen Präsidenten.» Sollte Bolsonaro jedoch fallen, wird es noch schlimmer. «Bolsonaro ist verrückt», sagte mir einer meiner ­brasilianischen Freunde, «sein Vize Hamilton Mourão dagegen ist richtig gefährlich.»

Mein nächstes Gastspiel in Brasilien ist im Herbst. Wir werden sehen, ob es stattfinden wird.

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