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Nach dem Heimsieg gegen YBThuner landen den nächsten grossen Coup

Thun gelingt beim 2:1 gegen den FC St. Gallen ein wichtiger Sieg im Abstiegskampf. Trainer Marc Schneider beweist einmal mehr ein gutes Gefühl bei Umstellungen.

Kollektiver Jubel: Die Spieler des FC Thun feiern den Führungstreffer gegen den FC St. Gallen.
Kollektiver Jubel: Die Spieler des FC Thun feiern den Führungstreffer gegen den FC St. Gallen.
Keystone

Nun ergreift der Chef die Initiative. Matthias Hüppi erhebt sich aus seinem grauen Schalensitz, klatscht energisch in die Hände und ruft mit lauter Stimme «Chömet nomal jetzt» in Richtung Kunstrasen. In der Stockhorn Arena läuft am Sonntagnachmittag die 67. Minute in der Begegnung zwischen dem FC Thun und dem FC St. Gallen, und Hüppi, der Präsident und gleichzeitig oberste Fan der Ostschweizer, spürt: es kommt nicht gut.

Kurz zuvor hat Ridge Munsy das Heimteam 2:0 in Führung gebracht. Natürlich er, der Topskorer, der nun in der Rückrunde schon acht Treffer geschossen hat. Als der 31-Jährige nach Spielschluss die Szene beschreibt, die zum zweiten Thuner Tor geführt hat, diesen langen Ball von Stefan Glarner hinter die Abwehr und direkt in Munsys Füsse, kann sich der Stürmer ein Lachen nicht verkneifen. «Eigentlich wollte ich danach einen Lob machen, aber ich habe den Ball nicht richtig getroffen.» Der missglückte Heber wird jedoch zur perfekten Vorlage dafür, im zweiten Versuch doch noch zu treffen.

Erstes Tor für Bertone

Auch Leonardo Bertone kann eine Geschichte erzählen: von seinem ersten Schuss von der Strafraumgrenze kurz nach der Pause. Der Ball holpert ein wenig, Bertone trifft ihn dank seiner ausgezeichneten Schusstechnik trotzdem, bringt jedoch zu wenig Druck dahinter. Wenig später steht der Thuner Mittelfeldspieler wieder an der Strafraumgrenze, und diesmal legt ihm Dennis Salanovic den Ball derart flach und präzise hin, dass er wuchtig abziehen kann, und diesmal ist St.Gallen-Torhüter Zigi nicht schnell genug unten. Bertone trifft zehn Minuten nach Wiederbeginn zur Führung und freut sich über seine Torpremiere im Trikot des FC Thun. «Ich konnte sicher nicht zweimal aus derselben Position schiessen und beide Male nicht treffen», meint der Berner und lacht.

Es sind Episoden wie diese, die zeigen: An diesem Nachmittag rollt der Ball für die Thuner. Das ist auch in der Schlussphase nicht anders, als der Puls bei der St. Galler Führungsriege neue Höhen erreicht, nachdem dank des Anschlusstreffers von Ermedin Demirovic acht Minuten vor dem Ende doch noch Hoffnung auf einen Punktgewinn aufgekeimt ist. Ein langer Ball nach dem anderen fliegt in den Thuner Strafraum, ein Weitschuss nach dem anderen prallt in der vielbeinigen Abwehr der Berner Oberländer ab, und als Torhüter Guillaume Faivre einen letzten hohen Ball aus der Luft pflückt und Schiedsrichter Fedayi San die Partie wenig später beendet, steht fest, was die 1000 Fans im Stadion zu minutenlangen, ausgelassenen Feierlichkeiten animiert: Der FC Thun schlägt nach dem 1:0 gegen YB auch den zweiten Meisterschaftsanwärter St. Gallen, diesmal mit 2:1.

Das sind aus Sicht der Thuner die entscheidenden zwei Zahlen dieses Nachmittags. Dass in fast allen anderen statistischen Kategorien die Ostschweizer zum Teil deutlich überlegen waren, ist kurz vor 18 Uhr nicht mehr als eine Randnotiz - und ein Beleg dafür, dass Zahlen selten die ganze Wahrheit erzählen. Ja, St. Gallen hatte 20 Prozent mehr Ballbesitz, ja, St. Gallen durfte 16 Eckbälle treten, währenddem die Thuner nur einmal an der Eckfahne standen und ja, die St. Galler schossen nicht weniger als 27 Mal aufs Tor derweil die Thuner gerade einmal sechs Abschlüsse verzeichneten. Ein glücklicher Thuner Sieg also? Für Marc Schneider ist der Fall klar, und das Wort Glück kommt in der Spielanalyse des Thuner Trainers nicht vor. Der 39-Jährige spricht vielmehr von «unheimlicher Solidarität» und von «grosser Kampfbereitschaft». Er sagt: «Das war eine unglaubliche Mannschaftsleistung.»

Kreative Verteidiger-Lösung

Der straff getaktete Spielplan sowie Verletzungen und Sperren zwingen den Trainer dazu, von Partie zu Partie Umstellungen vorzunehmen. Es ist eine Herausforderung, die Schneider bisher nicht nur mit Bravour bewältigt, sondern dabei auch Mut beweist. Gegen St. Gallen fehlt neben dem verletzten Nicola Sutter auch Basil Stillhart gesperrt. Was tun also in der Innenverteidigung?

Schneider nominiert mit Chris Kablan einen gelernten Linksverteidiger. «Chris ist ein Kämpfer mit gutem Kopfballspiel und unglaublich viel Speed. Das sind Qualitäten, die wir in unserer Situation brauchen. Ich bin froh, ist unser Plan aufgegangen.» Als der Luzerner später von seiner Premiere im Zentrum erzählt, hört Stillhart in Zivilkleidung gespannt zu, und Kablan kann sich einen Spruch gegen den Teamkollegen nicht verkneifen. «Einer muss ja spielen, wenn er immer Gelbe Karten sammelt.»

Die beiden lachen. Kablan weiss, dass das Debüt geglückt ist und dass die Thuner weitere wichtige Punkte im Abstiegskampf geholt haben. Dass die Lücke zu Schlusslicht Xamax wegen des späten 2:1-Erfolgs der Neuenburger in Luzern nicht grösser geworden ist, kann die Freude über den ersten Sieg gegen St. Gallen seit anderthalb Jahren indes nicht schmälern. Kablan sagt: «Wir haben unser Glück in den eigenen Füssen.»