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Ferienprofis persönlich (4)Der Magier des Lichts und sein dunkles Geheimnis

Der Fotograf Guido Baselgia hat dazu beigetragen, eine erstrangige touristische Attraktion auf dem Berninapass zu schaffen. Die Camera obscura im Siloturm ist Resultat millimetergenauer Tüftelei.

Der Fotograf Guido Baselgia in seinem Atelier in Malans.
Der Fotograf Guido Baselgia in seinem Atelier in Malans.
Foto: zVg

Der Berninapass ist ein wichtiger Übergang von Pontresina im Oberengadin hinunter ins Puschlav und nach Tirano in der Lombardei. Die Strasse überquert ihn, die Berninabahn. Die Passstrasse soll ganzjährig befahrbar sein, doch die Passhöhe liegt auf mehr als 2300 Meter über Meer; im Winter herrschen hier manchmal arktische Verhältnisse. Als das Tiefbauamt Graubünden einen Wettbewerb für einen neuen Unterhaltsstützpunkt ausschrieb, gewann ihn das Architekturbüro Bearth & Deplazes in Chur.

Der Unterhaltsstützpunkt sollte wie alle Infrastruktur- und Zweckbauten «möglichst kostengünstig und mit geringen gestalterischen Ansprüchen errichtet werden», wie Architekt Valentin Bearth sagt. Das Raumprogramm war vorgegeben: Für Lastwagen und die gewaltigen Schneeschleudern brauchte es Fahrzeughallen mit Vorplatz, dazu Werkstätten, Magazine, Dienstwohnungen und ein Silo für die Lagerung von Salz und Split.

Vom Siloturm hätte man eine perfekte Aussicht auf den Piz Cambrena.
Vom Siloturm hätte man eine perfekte Aussicht auf den Piz Cambrena.
Foto: Guido Baselgia
Das Gebäude sowie der zwanzig Meter hohe Siloturm fügen sich perfekt in die alpine Landschaft ein.
Das Gebäude sowie der zwanzig Meter hohe Siloturm fügen sich perfekt in die alpine Landschaft ein.
Foto: Guido Baselgia
Das Gebäude ist von der Strasse aus gut zu sehen. Dass das Silo ein Geheimnis birgt, wissen viele aber nicht.
Das Gebäude ist von der Strasse aus gut zu sehen. Dass das Silo ein Geheimnis birgt, wissen viele aber nicht.
Foto: Guido Baselgia
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Das Resultat allerdings, das man seit Herbst 2019 beim Vorbeifahren betrachten kann, widerspricht der angeblichen gestalterischen Anspruchslosigkeit: Das konkave Gebäude, von dem nur die strukturierte Front mit den grossen Garagentoren sichtbar ist, sowie der zwanzig Meter hohe Siloturm fügen sich perfekt in die alpine Landschaft ein.

Meister der analogen Fotografie

Der Siloturm birgt ein Geheimnis. Und hier kommt Guido Baselgia ins Spiel. Der Fotograf Baselgia ist ein Tüftler und Perfektionist und ein Meister der analogen Fotografie. In seinem Atelier in Malans GR hängen unter anderem Schwarzweissfotografien, die er auf einer Expedition durch den Amazonas-Regenwald mit einer Grossbildkamera aufgenommen hatte. Er entwickelte die Negative im eigenen Labor und belichtete sie im Silbergelatine-Verfahren auf grossformatige Fotopapiere.

Guido Baselgia, geboren 1953 in Pontresina, war bis in die 1990er-Jahre vor allem Architektur- und Reportagefotograf. Seit nunmehr 25 Jahren fotografiert er, nach breit angelegten Recherchen, extreme Landschaften und präsentiert seine Werke an Ausstellungen, in Museen und Galerien. Dazu ist eine Reihe von Bildbänden erschienen.

Guido Baselgia bei Nachtaufnahmen auf dem Piz Languard…
Guido Baselgia bei Nachtaufnahmen auf dem Piz Languard…
Foto: zVg
…und bei der Arbeit in seinem Atelier in Malans.
…und bei der Arbeit in seinem Atelier in Malans.
Foto: zVg
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Baselgias Bilder sind technisch perfekt, doch fotografisch hat er sich von Konventionen gelöst: Es gibt oft keine konkreten Motive, nur Landschaft, Bäume, Felsen, Sand, Schneeflecken und vor allem Lichteffekte. Meist sind weder Horizonte noch Gipfel zu sehen. Auf den ersten Blick wirken diese Bilder nicht wie Fotografien, sondern wie Gemälde von mythischer Tiefe an der Grenze zur Abstraktion; das Zusammenspiel von Licht und Schatten, von Weiss, Grau und Schwarz gibt ihnen räumliche Fülle. Guido Baselgia ist ein Magier des Lichts.

Einsicht statt Aussicht

Zurück zur Bernina: Auf einer Reise durch Andalusien liess sich Architekt Andrea Deplazes in Jerez de la Frontera von einer Camera obscura verblüffen, und als die Architekten den Unterhaltsstützpunkt konzipierten, hatten sie die Vision, zuoberst im Siloturm eine solche einzurichten. Eine Camera obscura ist ein physikalisches Phänomen. Sie besteht aus einem lichtdichten Raum, auf dessen Rückseite durch ein kleines Loch in der Aussenwand eine Aussenansicht projiziert wird. Dieses Bild steht auf dem Kopf und ist seitenverkehrt. «Wenn man auf den Siloturm hochsteigt, erwartet man eine spektakuläre Aussicht», meint Bearth: «Stattdessen bekommt man eine ebenso spektakuläre Einsicht.»

Die Treppe im Innern des Silos führt hoch zur Camera obscura.
Die Treppe im Innern des Silos führt hoch zur Camera obscura.
Foto: Guido Baselgia

Um die Idee zu verwirklichen, setzte sich Architekt Bearth mit dem Fotografen Baselgia zusammen, «weil dieser sich intensiv mit astronomischen und physikalischen Phänomenen auseinandersetzt». Und während Bearth auf Sponsorensuche ging, machte sich Baselgia ans Tüfteln. Der Ort war vorgegeben, das Silo als Rohbau bereits vorhanden: eine Hülle aus 30 Zentimeter dickem Stahlbeton, ausgekleidet mit Holz, um den Stahl im Beton vor Korrosion durch das Salz zu schützen. Dass sich vor dem Silo der Piz Cambrena auftürmt, war ein glücklicher Zufall.

In dieser archaischen Landschaft wollte Baselgia eine Camera obscura in ihrer Urform entwickeln, also ohne technische Hilfsmittel wie Spiegel, Teleskope oder Linsen. Zusammen mit den Architekten musste er nun rechnerisch und experimentell herausfinden, wie gross der Durchmesser der Lochblende zu sein hatte, um die richtige Balance von Helligkeit und Bildschärfe zu erzielen.

Und sie berechneten, auf welcher Höhe dieses Loch liegen musste, damit der Cambrena-Gipfel gerade noch abgebildet wird – 7,5 Zentimeter unterhalb der Decke.

So ist schliesslich die Camera obscura auf dem Berninapass entstanden.

Der Raum wirkt völlig schwarz

Besucherinnen und Besucher treten, nachdem sie die Wendeltreppe erklommen haben, auf einen Boden aus Holzbohlen, unter dem sich zwanzig Meter Leere befindet, die man beinahe physisch spürt. Der Raum erscheint zuerst völlig schwarz. Erst wenn sich die Pupillen zu öffnen beginnen, zeichnet sich das umgekehrte Bild des Piz Cambrena an der Wand ab. Allerdings wirkt es nicht knallig wie ein Schnappschuss mit dem Smartphone, sondern pastellfarben wie ein Bild des berühmten Malers Giovanni Segantini.

Sobald sich die Besucher der Camera obscura an die Dunkelheit gewöhnt haben, erwartet sie dieses Bild.
Sobald sich die Besucher der Camera obscura an die Dunkelheit gewöhnt haben, erwartet sie dieses Bild.
Foto: Guido Baselgia
Im Silo zeichnet sich das umgekehrte Bild des Piz Cambrena an der Wand ab.
Im Silo zeichnet sich das umgekehrte Bild des Piz Cambrena an der Wand ab.
Foto: Guido Baselgia
Die Pastellfarben erinnern an ein Bild des berühmten Malers Giovanni Segantini.
Die Pastellfarben erinnern an ein Bild des berühmten Malers Giovanni Segantini.
Foto: Guido Baselgia
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Geführte Besichtigungen der Camera obscura finden täglich bis 30. August und vom 1. bis 18. Oktober sowie am 5. und 27. September jeweils um 11, 12, 13 und 14 Uhr statt. Voraussetzung sind gute Lichtverhältnisse; bei schlechtem Wetter bleibt die Camera obscura geschlossen.

www.camera-obscura.ch

www.baselgia.ch

Dieser Beitrag ist Teil einer Serie in Zusammenarbeit mit PrimCom. Die redaktionelle Verantwortung liegt bei Tamedia.